Kriegsgefahr in Nahost: Israel bereitet Bodenoffensive im Gaza-Streifen vor

Die ersten Truppen nehmen Kurs auf die Grenze, bis zu 30.000 Reservisten stehen vor der Einberufung in die Armee: Israel treibt die Vorbereitungen für eine Bodenoffensive im Gaza-Streifen voran. Die Regierung reagiert damit auf unverminderte Raketenangriffe, die sogar Tel Aviv erreichten.

Kampf gegen Hamas: Netanjahus gefährliche Strategie Fotos
DPA

Tel Aviv/Gaza - Trotz weltweiter Appelle stehen im Nahen Osten die Zeichen auf Krieg. Einen Tag nach der Tötung von Ahmad al-Dschabari, dem Militärchef der Hamas, setzten Israel und militante Palästinenser die Auseinandersetzungen fort: Vom Gaza-Streifen aus wurden Raketen auf Tel Aviv gefeuert. Die Geschosse richteten zwar keinen Schaden an, führten aber umgehend zu einer Reaktion Israels: Verteidigungsminister Ehud Barak billigte die Einberufung von bis zu 30.000 Reservisten. Außerdem wurden erste Truppen an die Grenze zum Gaza-Streifen geschickt - als Vorbereitungen für eine Bodenoffensive. Am Abend waren mindestens ein Dutzend Transporter zu sehen, auf denen Panzer in das Grenzgebiet gebracht wurden. Busse mit Soldaten waren auf dem gleichen Weg.

Am Abend flogen israelische Kampfflugzeuge nach eigenen Angaben rund 70 Luftangriffe auf Ziele im Gaza-Streifen. Dabei wurden laut Hamas in Beit Hanun mindestens drei Palästinenser getötet.

Die Einberufung der Reservisten könne jederzeit erfolgen, sagte ein Armeesprecher am Donnerstagabend. General Joaw Mordechai sagte dem Fernsehsender Channel 2, die Armee sei dabei, "die Kampagne auszuweiten". Ob die Obergrenze bei einer Einberufung voll ausgeschöpft werde, sei unklar. "Alle Optionen liegen auf dem Tisch."

Zuvor war es erstmals seit dem Golfkrieg von 1991 zu einem Raketenangriff auf die Küstenmetropole Tel Aviv gekommen. Daraufhin wurde Luftalarm ausgelöst, die Menschen liefen in Panik zu den Schutzräumen. Bei dem am frühen Abend vor dem Stadtteil Jaffa ins Meer gefallenen Geschoss habe es sich um eine Fadschr-5-Rakete aus iranischer Produktion gehandelt, teilten die palästinensischen Al-Kuds-Brigaden mit. Zuvor war laut der israelischen Armee eine andere Rakete 15 Kilometer südöstlich von Tel Aviv eingeschlagen, auch hier sei niemand zu Schaden gekommen.

Bislang galten Angriffe auf Tel Aviv als klare rote Linie bei den jahrelangen Scharmützeln zwischen Israel und der Hamas. Verteidigungsminister Barak bezeichnete die Raketenattacken auf Tel Aviv als "Eskalation", für den die militanten Kräfte in Gaza einen Preis zu zahlen hätten.

Die USA bezeichneten die Raketenangriffe auf Israel als "feige Taten" der Hamas. Präsident Barack Obama verurteile die Angriffe, für die es keine Rechtfertigung gebe, sagte sein Sprecher Jay Carney am Donnerstag vor Reportern. Bereits am Vortag hatte Obama dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu in einem Telefonat seine Unterstützung zugesichert.

"Säule der Verteidigung" soll die Hamas einschüchtern

Seit Mittwochnachmittag hatte Israels Luftwaffe nach eigenen Angaben rund 150 Angriffe auf den Gaza-Streifen geflogen. Dabei wurden nach palästinensischen Angaben bis Donnerstagmittag mindestens 19 Palästinenser getötet, darunter zwei Kinder, eine schwangere Frau und ein Baby. Mindestens 150 Palästinenser wurden verletzt. Die israelische Armee habe seit Beginn der Offensive "Säule der Verteidigung" fast 230 Ziele aus der Luft und vom Meer aus angegriffen, teilte eine Sprecherin in Tel Aviv mit.

Die Operation "Säule der Verteidigung" soll die Hamas-Führung einschüchtern, damit sie die Raketenangriffe auf Israel stoppt. Mitglieder der politischen Führungsriege der Hamas, wie der ehemalige Ministerpräsident Ismail Hanija, sollten sich nirgendwo mehr in Sicherheit wähnen, drohte Transportminister Israel Katz von der regierenden Likud-Partei am Donnerstag. "Wenn es sein muss, werden wir sie jagen wie wilde Tiere", sagte er bei der Besichtigung eines durch Raketenbeschuss beschädigten Wohnhauses in Kiriat Malachi. Bei dem Volltreffer in dem vierstöckigen Haus starben drei Menschen, zwei Frauen und ein Mann.

In Gaza versammelten sich Tausende Palästinenser, um Dschabari das letzte Geleit zu geben. Bewaffnete Männer feuerten Salven in die Luft, Trauernde schworen Israel Rache, während sie Dschabaris Leiche durch die Straßen Gazas trugen. "Wir werden den Widerstand nicht aufgeben", gelobte Dschabaris 20 Jahre alter Sohn Muas. Der Tod seines Vaters werde die Kassam-Brigaden, den militärischen Arm der Hamas, nicht zerstören. "Wir werden weiter Gewehre tragen und seiner Botschaft folgen."

Vergebliche Appelle internationaler Politiker

Die Kassam-Brigaden bezeichneten die gezielte Tötung Dschabaris als "Kriegserklärung" und kündigten massive Rache an. Die Hamas-Führung schloss eine Waffenstillstandsvereinbarung mit Israel zum momentanen Zeitpunkt aus. "Wir werden uns nicht weiteren Tricks der Besatzung aussetzen", sagte Sprecher Sami Abu Suhri bei einer Pressekonferenz in Gaza. "Wir betrachten Gespräche über eine Feuerpause derzeit als Versuch, mehr Deckung für die Fortsetzung der Eskalation im Gaza-Streifen zu erhalten." Suhri warf Israel vor, "einen offenen Krieg gegen unser Volk und unseren Widerstand im Gaza-Streifen" begonnen zu haben.

Weltweite Appelle zur Deeskalation scheinen damit erfolglos zu sein. Am Abend forderte Tony Blair, Sondergesandter des Nahost-Quartetts, die Hamas auf, den Beschuss Israels einzustellen. Es sei jetzt wichtig, dass sich die Lage beruhige, sagte Blair dem Fernsehsender Sky News. Am Abend kam auch Frankreichs Staatschef Hollande zu Gesprächen mit Netanjahu zusammen.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle verurteilte in einem Telefongespräch mit seinem israelischen Kollegen Avigdor Lieberman die Raketenangriffe aus dem Gaza-Streifen. Wie das Auswärtige Amt am Donnerstag mitteilte, betonte der FDP-Politiker das israelische Recht auf Selbstverteidigung und den Schutz seiner Bürger. Es müsse alles getan werden, um eine Deeskalation zu bewirken und zivile Opfer zu vermeiden.

als/dpa/Reuters/dapd

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1.
Methados 15.11.2012
Zitat von sysopAFPDie ersten Truppen nehmen Kurs auf die Grenze, bis zu 30.000 Reservisten stehen vor der Einberufung in die Armee: Israel treibt die Vorbereitungen für eine Bodenoffensive im Gaza-Streifen voran. Die Regierung reagiert damit auf unverminderte Raketenangriffe, die sogar Tel Aviv erreichten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/krise-in-nahost-israel-bereitet-bodenoffensive-im-gaza-streifen-vor-a-867561.html
vollkommen richtiger und logischer schritt. leider auch gewollt von den agressoren aus dem ausland. ich zitiere "Die Regierung reagiert damit auf unverminderte Raketenangriffe, die sogar Tel Aviv erreichten" bevor hier gleich wieder das ganze israel bashen losgeht, möchte ich anmerken, das wenn uns zb dänemark mit raketen beschiessen würde, ganz egal ob die in berlin oder sonstwo eintreffen, es die PFLICHT unserer bundesregierung wäre, dies zu unterbinden. nichts anderes findet in israel statt.
2. Breaking the Silence
ky3 15.11.2012
Dann wird es bald wieder neues Futter für heldenhafte Menschenrechtsgruppen à la "Breaking the Silence"(http://www.breakingthesilence.org.il) geben und neue Terreristen werden heran gezüchtet um Rache für ihre Toten Freunde, Kinder und Eltern zu schwören. Was für eine dumme Politik auf beiden Seiten.
3. geht doch!
TangoGolf 15.11.2012
Lieber Redakteur, der auch immer diese Agenturmeldungen aufgenommen und in einen Artikel verfasst hat: Endlich mal wieder ein (wie es sich für einen Nachricht gehört) neutraler Artikel, der keine Position bezieht und vorurteilsfrei berichtet - besonders im Hinblick auf Aktion und Reaktion. Leider vermisse ich diese Artikel grade auf SPON nur zu häufig. Darum: weiter so!
4. Zu Recht?!
Nicole Thoms 15.11.2012
Zitat von sysopAFPDie ersten Truppen nehmen Kurs auf die Grenze, bis zu 30.000 Reservisten stehen vor der Einberufung in die Armee: Israel treibt die Vorbereitungen für eine Bodenoffensive im Gaza-Streifen voran. Die Regierung reagiert damit auf unverminderte Raketenangriffe, die sogar Tel Aviv erreichten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/krise-in-nahost-israel-bereitet-bodenoffensive-im-gaza-streifen-vor-a-867561.html
Tja, Israel räumte den Gazastreifen. Dann war gut, EU-Mittel flossen in ein Spaßbad, ja sogar ein TV-Sender wurde gebaut. Es war vieles gut. Dann wurde dort die Hamas gewählt. Das Spaßbad wurde geschlossen, der TV-Sender zerstört. Jetzt erreichen Raketen von dort fast die Millionenmetropole Tel Aviv. Jetzt besetzt Israel wieder den Gazastreifen und bezieht international Prügel. Das Spiel geht von vorne los.
5.
sao14 15.11.2012
Zitat von Methadosvollkommen richtiger und logischer schritt. leider auch gewollt von den agressoren aus dem ausland. ich zitiere "Die Regierung reagiert damit auf unverminderte Raketenangriffe, die sogar Tel Aviv erreichten" bevor hier gleich wieder das ganze israel bashen losgeht, möchte ich anmerken, das wenn uns zb dänemark mit raketen beschiessen würde, ganz egal ob die in berlin oder sonstwo eintreffen, es die PFLICHT unserer bundesregierung wäre, dies zu unterbinden. nichts anderes findet in israel statt.
Naja dein Vergleich passt nicht ganz. Denn Dänemark wird nicht von Deutschland unterdrückt und von der Außenwelt abgeschottet wie es im Gaza Streifen der Fall ist. Der Import von praktisch allem ist nach Gaza verboten. Vielleicht sollte man sich fragen warum Israel mit Raketen attackiert wird und nicht immer nur das Israel attackiert wird.
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Fotostrecke
Israels gezielte Tötungen: Raketen, Gift und Schokolade

Fläche: 22.072 km²

Bevölkerung: 7,837 Mio.

Regierungssitz: Jerusalem

Staatsoberhaupt:
Reuven Rivlin

Regierungschef: Benjamin Netanjahu

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Knackpunkte der Nahost-Gespräche
Sicherheit
Israel betont, es werde keinen Palästinenserstaat geben, solange die Sicherheit des jüdischen Staates nicht garantiert sei. Obwohl es in den vergangenen Jahren kaum noch Selbstmordanschläge palästinensischer Terroristen gibt, fühlen sich die Israelis bedroht.

Die israelischen Grenzstädte werden immer wieder von Raketen der radikalislamischen Hamas beschossen. Schlagen diese Geschosse auf israelischer Seite ein, kommt es regelmäßig zu Vergeltungsschlägen auf palästinensischem Gebiet. Die Palästinenser machen ihrerseits Angriffe durch das israelische Militär geltend.

Flüchtlinge
Als Folge der Kriege 1948/49 und 1967 gibt es in den palästinensischen Gebieten und Israels Nachbarländern 4,8 Millionen registrierte palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachkommen.

Die Flüchtlinge beharren auf das Recht, in ihre Heimat im heutigen Israel zurückkehren zu dürfen, Israel verneint dieses Recht und will den Verzicht auf eine Rückkehr in einem Friedensvertrag festschreiben.

Grenzen
Nach dem Willen der Palästinenser soll ihr Staat die 1967 von Israel besetzten Gebiete Westjordanland, Gaza und Ost-Jerusalem umfassen. Israel beansprucht jedoch Teile dieses Territoriums – entgegen internationalem Recht – für sich. Israel hatte den Gaza-Streifen 2005 zwar geräumt, sein Embargo seit der Machtübernahme der Hamas 2007 aber verschärft.

Israel will zudem an Teilen des Westjordanlands festhalten. Dort gibt es rund 120 jüdische Siedlungen mit etwa 300.000 Israelis. In Ost-Jerusalem leben nach Angaben israelischer Menschenrechtler weitere 200.000. Nach internationalem Recht sind diese Siedlungen auf besetztem palästinensischen Gebiet illegal und müssen geräumt werden.

Jerusalem
Der künftige Status der Stadt mit heiligen Stätten von Juden, Muslimen und Christen ist besonders umstritten. Israel beharrt auf dem ungeteilten Jerusalem als Hauptstadt. Die Palästinenser beanspruchen den Ostteil als Hauptstadt ihres künftigen Staates. Im Jahr 2000 scheiterte der Nahost-Gipfel an der Jerusalemfrage.
Golan
Syrien dringt darauf, dass die 1967 besetzten Golanhöhen im Rahmen einer Friedenslösung zurückgegeben werden. Von der 1150 Quadratkilometer großen Hochebene hat Israels Armee einen guten Blick nach Syrien und in den Libanon. Umgekehrt könnten die Syrer vom Golan aus große Teile Israels überwachen. Heute leben in dem Gebiet neben rund 20.000 Syrern auch etwa 20.000 jüdische Einwohner.
Scheba-Farmen
Das 30 Quadratkilometer kleine Gebiet an der Grenze von Syrien, Libanon und Israel ist seit langem umstritten. Die Vereinten Nationen und die USA sind der Ansicht, dass das Territorium als Teil der Golanhöhen zu Syrien gehört. Der Libanon und Syrien haben ihre Ansprüche bislang nicht eindeutig formuliert und wollen den Grenzdisput nach einem israelischen Rückzug klären.
Wasser
Schon vor 20 Jahren wurde vor einem drohenden Nahost-Krieg um Wasserquellen gewarnt. Wegen des Bevölkerungswachstums und der oft rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen werden die Süßwasservorräte immer knapper. Amnesty International wirft Israel vor, Palästinenser bei der Nutzung der gemeinsamen Ressourcen zu benachteiligen, was die Regierung zurückweist. Die Kontrolle des von Israel genutzten Wassers ist auch ein Streitpunkt im Ringen um die künftige israelisch-syrische Grenze auf den Golanhöhen.