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Krise in Nahost: Libanon bittet um Hilfe bei Hisbollah-Entwaffnung

Libanons Ministerpräsident hat die internationale Gemeinschaft gebeten, sich an der Entwaffnung der Hisbollah-Miliz zu beteiligen. Der israelische Außenamtssprecher widersprach Darstellungen, Israel habe die Bundesregierung um Hilfe im Geiseldrama gebeten.

Berlin/Beirut - Deutschland spiele eine zentrale Rolle und habe bereits in der Vergangenheit eine konstruktive Rolle gespielt, wenn es um Geiselnahmen oder die Entführungen von Soldaten gegangen sei, sagte Jigal Palmor, Sprecher des israelischen Außenministeriums, heute im ZDF. "Es ist jetzt die Zeit, wo die gleichen Funktionäre aus Deutschland wieder tätig werden könnten", sagte Palmor. Später ergänzte er, das bedeute nicht, dass Israel die Bundesregierung um Hilfe gebeten habe.

Die Bundesregierung hatte zuletzt vor zwei Jahren einen Gefangenenaustausch zwischen der radikal-islamistischen Hisbollah und Israel vermittelt. Zentrale Rollen spielten dabei der heutige Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und der jetzige Chef des Bundesnachrichtendienstes, Ernst Uhrlau. Damals waren mehr als 400 arabische Gefangene im Austausch für die Freilassung eines israelischen Staatsbürgers und der Gebeine getöteter israelischer Soldaten freigekommen.

Einen Hilferuf sandte heute auch der libanesische Ministerpräsident Fuad Siniora aus. Er bat die internationale Gemeinschaft um Unterstützung bei der Entwaffnung der Hisbollah-Miliz. "Die ganze Welt soll uns helfen, die Hisbollah zu entwaffnen", sagte er der italienischen Tageszeitung "Corriere della Sera". "Die Hisbollah ist ein Staat im Staat geworden. Wir wissen das sehr wohl, und es ist ein großes Problem", fügte Siniora hinzu. Es sei "ein offenes Geheimnis", dass die Organisation "sich nach den politischen Vorstellungen aus Damaskus und Teheran richtet". Der Libanon sei zu schwach, um sich gegen die syrische Vorherrschaft zu verteidigen.

Vor einer Entwaffnungsaktion müsse Israel jedoch seine "verbrecherischen Bombardierungen" des Libanon einstellen, sagte Siniora. "Solange die Angriffe andauern, können wir nichts tun, und die Lage wird nur noch schlechter." Mit ihren Angriffen auf Zivilisten treibe Israel der Hisbollah nur neue Sympathisanten zu. Selbst Teile der libanesischen Bevölkerung, die den Milizen sonst nichts abgewinnen könnten, sympathisierten inzwischen mit der radikalen Bewegung.

Im Libanon sind unterdessen US-Spezialeinheiten gelandet. Einem Bericht des US-Senders CNN zufolge gingen die Marineinfanteristen am Hafen von Beirut an Land. Sie sollen bei der Evakuierung von amerikanischen Staatsbürgern helfen. Es ist das erste Mal seit 20 Jahren, dass US-Soldaten wieder im Libanon im Einsatz sind. Ein vom Pentagon gechartertes Kreuzfahrtschiff hat gestern mehr als 1000 US-Bürger aus dem Libanon nach Zypern gebracht. Weitere 3000 Amerikaner sollen aus dem unter israelischem Beschuss liegenden Beirut in Sicherheit gebracht werden.

In Düsseldorf traf heute ein Airbus mit 361 deutschen Libanon-Flüchtlingen ein. Unter den Passagieren befanden sich über 150 Kinder, davon rund ein Drittel Säuglinge. Von Deutschland aus waren am Morgen drei Flugzeuge der Luftwaffe gestartet, um etwa 500 deutsche Libanon-Flüchtlinge in die Heimat zu bringen. Die Rückkehr des ersten Flugzeugs nach Köln/Wahn ist für den Nachmittag vorgesehen.

Schweden wollte heute erneut mehrere hundert Staatsbürger aus dem Libanon mit einer Fähre nach Zypern bringen. Damit gehe die Evakuierungsaktion langsam zu Ende, sagte ein Sprecher des Außenministeriums. Am Vorabend waren bereits 1200 Schweden mit einer Fähre auf Zypern eingetroffen.

Ein hartes militärisches Vorgehen kündigte Israel unterdessen auch im Gaza-Streifen an. Die Luftwaffe warf am Morgen Flugblätter über dem Gaza-Streifen ab. Darin hieß es, wer Waffen in seinem Haus verstecke, müsse sich auf einen Angriff gefasst machen. Es handele sich um eine "neue Politik", verlautete aus Militärkreisen. Die Luftangriffe der vergangenen drei Wochen im Gaza-Streifen konzentrierten sich auf Regierungseinrichtungen. Auch Orte, von denen militante Palästinenser Raketen auf Israel abfeuerten, wurden attackiert. Dabei handelte es sich jedoch zumeist um offenes Gelände.

Dieser Artikel ist seiner Kernaussage geändert. Zunächst hatte SPIEGEL ONLINE Agenturberichte über Jigal Palmor, Sprecher des israelischen Außenministeriums, gemeldet, der im ZDF gesagt haben soll, Israel bitte Deutschland um Hilfe, um die im Libanon verschleppten israelischen Soldaten zu befreien. Diese Darstellung wies Palmor inzwischen zurück. Er sei falsch zitiert worden. Es habe keine Anfrage an die Bundesregierung gegeben.

Eine Aussage, die der israelische Botschafter in Deutschland, Schimon Stein, im SPIEGEL-ONLINE-Interview bestätigte. rüd/hen/dpa/Reuters/AP/AFP

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