Krise in Nordafrika: Europol warnt vor Terroristen im Flüchtlingsstrom
Die europäische Polizeibehörde Europol schlägt Alarm wegen des Flüchtlingsstroms aus Nordafrika. Unter die Migranten könnten sich Terroristen mischen, heißt es in einem Bericht. "Sollten die Erwartungen der arabischen Völker nicht erfüllt werden, könnte die Radikalisierung wachsen."
Brüssel/Den Haag - Lampedusa, Sizilien, Malta: Fast täglich landen in Südeuropa Flüchtlinge aus Nordafrika, der Strom reißt nicht ab - und er beschäftigt auch die europäische Polizeibehörde Europol. In einem Bericht, der am Dienstag im Europaparlament vorgestellt wurde, warnen die Sicherheitsexperten davor, dass zusammen mit den mittellosen Menschen auch gefährliche Profiteure der Krise nach Europa strömen könnten: Terroristen.
"Die instabile Lage in Nordafrika bereitet Sorge, weil sie Terrorgruppen neue Möglichkeiten bietet, Material und Mitglieder nach Europa zu schleusen", heißt es in dem Bericht.
Unter der großen Zahl der Flüchtlinge aus Tunesien und Libyen könnten sich Kriminelle problemlos verstecken. Nach Schätzungen sind seit Ausbruch der Unruhen im Januar rund 26.000 Flüchtlinge allein in Italien eingetroffen.
Die Unruhen haben laut Europol die Staaten in Nordafrika destabilisiert und könnten Terrorgruppen neuen Zulauf bringen - vor allem, wenn der Übergang zur Demokratie länger dauere. "Sollten die Erwartungen der arabischen Völker nicht erfüllt werden, könnten als Konsequenz die Radikalisierung und die Unterstützung für Terrororganisationen in Nordafrika und anderen Regionen wachsen", warnt Europol.
BND gibt Entwarnung
Nach Zahlen der Polizeibehörde wurden im vergangenen Jahr 179 verdächtige islamistische Terroristen in der EU festgenommen, das waren 50 Prozent mehr als 2009. Knapp die Hälfte der Verdächtigen seien in die Vorbereitung von Anschlägen in Europa verwickelt gewesen. Ein Jahr zuvor habe dieser Anteil erst zehn Prozent betragen.
Auch in Europa selbst wachse die Gefahr von Anschlägen. Im krisengeschüttelten Griechenland, das 2010 mit Krediten vor der Staatspleite gerettet werden musste, registrierte Europol 20 Anschläge extremer Gruppen. "Die wirtschaftliche Rezession hat zu politischen und sozialen Spannungen in einigen Mitgliedstaaten geführt und die Basis für Terrorismus und Extremismus verbreitert", sagte Europol-Chef Rob Wainwright.
Der Bundesnachrichtendienst (BND) hatte dagegen zuletzt kein erhöhtes Terrorrisiko für Europa durch den Flüchtlingsstrom aus Nordafrika gesehen: "Wenn Terroristen etwas in Richtung Europa unternehmen wollen, gibt es für sie weniger riskante und etablierte Schleusungswege dafür", sagte BND-Chef Ernst Uhrlau.
hen/dpa
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Dienstag, 19.04.2011 – 16:22 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 26 Kommentare
- Wanderarbeiter in Libyen: "Wo ist denn die Nato, die uns helfen will?" (19.04.2011)
- Häuserkampf in Misurata: Krieg der Scharfschützen (19.04.2011)
- Lampedusa: Bosbach spricht sich gegen Aufnahme nordafrikanischer Flüchtlinge aus (17.04.2011)
- Flüchtlingsansturm in Italien: "Ich suche Freiheit, ich suche Arbeit, das ist alles" (14.04.2011)
- Migranten aus Nordafrika: Flüchtlingsansturm spaltet Europa (11.04.2011)
MEHR AUS DEM RESSORT POLITIK
-
Abgeordnete
Bundestagsradar: Alle Fakten, alle Abstimmungen, alles Wissenswerte -
Regierung
Schwarz-gelbe Koalition: Das ist Merkels Kabinett -
Umfragen
"Sonntagsfrage": Der aktuelle Trend anhand von Umfragen -
Nachgefragt
Abgeordnetenwatch auf SPIEGEL ONLINE: Ihr direkter Draht in die Politik -
Rundgang
Kanzleramt, Bundestag, Ministerien: Das ist das politische Berlin
