Krise in Pakistan Musharraf reagiert auf Bush und Bhuttos Gandhi-Taktik

Pervez Musharraf ringt um seine Macht. Nach massivem Druck der USA und vor angekündigten Massendemonstrationen von Oppositionsführerin Bhutto kündigte er seinen Rückzug als Armeechef und einen Wahltermin an. Kritiker wittern ein abgekartetes Spiel zwischen Musharraf und Bhutto.

Aus Lahore berichtet


Lahore - Benazir Bhutto und ihre Strategen wollten nichts dem Zufall überlassen. Gerade war am Mittwochnachmittag eine Pressekonferenz Bhuttos beendet, da wurden gut 100 ihrer Anhänger in Richtung Parlament geschickt. Kaum hatten sie das umstellte Gebiet erreicht, gab es erwartungsgemäß Zusammenstöße mit der Polizei. Tränengas wurde verschossen, viele Bhutto-Anhänger brutal in Gefängniswagen gezerrt.

Die Bilder der Aktion sollten eine Nachricht transportieren: Nach Tagen des Schweigens mischt sich die frühere Ministerpräsidentin Bhutto in die Regierungskrise in Pakistan ein. Und sie gaben einen Vorgeschmack auf den Zeitpunkt, wenn die Hunderttausenden Bhutto-Anhänger ihrer Anführerin auf die Straßen folgen werden.

Benazir Bhutto (mit Parteikollegen Gillani): Die Ex-Regierungschefin will die Massen mobilisieren
REUTERS

Benazir Bhutto (mit Parteikollegen Gillani): Die Ex-Regierungschefin will die Massen mobilisieren

Den Subtext zu den Bildern hatte Bhutto zuvor verkündet. Öffentlich attackierte sie Machthaber Pervez Musharraf - und setzt jetzt auf die Macht der Straße. Am kommenden Dienstag will sie in Lahore einen "langen Marsch" auf die Hauptstadt Islamabad starten, um den Unmut des Volks - vor allem aber ihrer Anhänger - demonstrieren. "Das ist ein Kampf um den Rechtsstaat", erklärte Bhutto, "wir wurden angegriffen." Nun sei es an der Zeit zu kämpfen.

Der lange Marsch ist nicht die einzige Großdemo, mit der Bhutto in den kommenden Tagen ihre Macht beweisen will. Für Freitag hat sie in Rawalpindi, dem Nachbarort der Hauptstadt Islamabad und dem Sitz von Musharraf, zu einer Großversammlung aufgerufen.

Auch wenn die Polizei bereits ankündigte, die Demo nicht zulassen zu wollen, bleibt Bhutto bei ihren Plänen. "Wie viele Menschen können sie hinter Gitter bringen? Wir werden so viele versammeln, dass sie nicht genug Gefängnisse haben", drohte Bhutto. Ihre Anhänger waren aus dem Häuschen.

Mit den Ankündigungen vom Mittwoch will Bhutto ihre Machtposition ausloten. Bisher waren es meist Anwälte und Richter, die die Proteste gegen Musharrafs Putsch anführten. Bhuttos Anhänger hingegen hielten sich bisher zurück. Mit den Demos setzt sie sich, zumindest vorläufig, an die Spitze des Widerstands.

Die Droh-Taktik Bhuttos schien am Donnerstag aufzugehen, jedenfalls reagierte Musharraf. Das staatliche Fernsehen zeigte Bilder, auf denen er sein Einlenken signalisierte. Musharraf kündigte an, den Posten des Militärchefs vor Beginn der zweiten Amtszeit niederzulegen. Wahlen sollten am 15. Februar stattfinden, teilte er mit. Die Ankündigungen hatten inhaltlich eher kosmetischen Charakter. Den Rückzug aus der Armee plante Musharraf so oder so.

Gleichwohl zeigt die Reaktion, dass Musharraf seine Gegnerin mittlerweile ernst nimmt. Aus der Krise ist mit den Drohungen von Bhutto endgültig ein Machtkampf zwischen ihr und dem Machthaber geworden. Gegen Millionen auf den Straßen, so das Kalkül Bhuttos, kann Musharraf seinen Kurs nicht durchziehen - weder die pakistanische Öffentlichkeit, noch das bisher treue Militär und die USA würde das dulden.

Der Begriff "Langer Marsch" beflügelt in Pakistan schnell die Phantasie. Auf der rund 250 Kilometer langen Strecke durch den Punjab, mit Abstand die größte, reichste und mächtigste Region des Landes, könnte Bhutto Hunderttausende, wenn nicht gar Millionen Pakistaner anziehen und sie nach Islamabad führen. Mit einem Massenmarsch, der an die friedlichen Proteste Mahatma Gandhis erinnert, schüfe sie einen eindrucksvollen Machtbeweis. Musharraf wäre politisch isoliert.

Genau auf diese Symbolik setzt die Oppositionspolitikerin. Bhuttos Anhänger hoffen, dass das Militär Musharraf das Vertrauen entzieht, wenn eine gewaltige Menschenmenge durch den Punjab zieht. Und dass die USA ihren Verbündeten fallen lassen.

Die Drohkulisse könnte jedoch, so fürchten Bhutto-Kritiker, auch dazu dienen, den von ihr lang ersehnten Deal zur Teilung der Macht in Pakistan vorzubereiten: Sie wird Premierministerin unter einem Präsidenten Musharraf. Diese Konstellation hatten auch die USA in den vergangenen Monaten gestüzt und diplomatisch massiv gepusht. Ohne diesen Druck hätte Musharraf die Rückkehr Bhuttos nie zugelassen, unken Kritiker.

Wohlweislich dementiert Bhutto, dass es Geheim-Gespräche über eine Macht-Teilung zwischen ihr und dem Staatschef gibt. Zumindest öffentlich wiederholt sie die immergleichen Forderungen für eine friedliche Lösung: Von Musharraf verlangt sie, bis zum 15. November seinen Posten als Armeechef aufzugeben, dass er die Demokratie wiederherstellt und für Anfang des Jahres Wahlen ansetzt, die nicht mehr unter dem bestehenden Ausnahmezustand stattfinden. Zudem fordert sie eine unabhängige Untersuchung des Anschlags in Karatschi, der am Tag ihrer Rückkehr nach Pakistan weit mehr als hundert Tote gefordert hatte.

Am Mittwoch hatte sich auch die US-Regierung erneut intensiv eingeschaltet, US-Präsident George W. Bush drängte Musharraf 20 Minuten lang am Telefon zur Aufgabe des Chefpostens bei der Armee. Symbolisch traf sich Bhutto kurze Zeit später mit der amerikanischen Botschafterin in Pakistan, um zu zeigen, dass Washington sie massiv unterstützt.

Für den Rest des Oppositionsparteien und vor allem für die Anwälte und Richter, die bei den Protesten bislang in vorderster Front standen, wäre eine Machtteilung zwischen Bhutto und Musharraf eine herbe Enttäuschung. Denn es würde sich nicht viel ändern - zumal Musharraf für die Nachfolge als Armeechef bereits einen Getreuen ausgesucht hat.

Aber auch für Bhutto birgt ein Deal mit dem Machthaber Risiken. Schon als sie ihre Rückkehr aushandelte und mit direkter Kritik an Musharraf sparte, sanken ihre Beliebtheitswerte. Würde sie bei neuen Geheimverhandlungen keine signifikanten Zugeständnisse von Musharraf erreichen, würde sich dieser Trend vermutlich fortsetzen. Pakistans Öffentlichkeit könnte den Eindruck gewinnen, Frau Bhutto verhandele ausschließlich für sich selbst.

Zudem braucht sie bei jedem Deal eine Sicherheit, dass Musharraf nicht wieder plötzlich aus dem Land werfen kann. Das war ihr in ihrer langen politischen Feinschaft mit Musharraf schon einmal passiert.



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