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Krise in Tibet: China greift durch - Exiltibeter sprechen von über 100 Toten

Die chinesische Regierung unterdrückt den Aufruhr in Tibet und angrenzenden Provinzen mit starken Truppenaufgeboten. Tibets Exilregierung spricht von 135 getöteten Demonstranten. Bei der Entzündung des Olympischen Feuers in Griechenland kam es zu Protesten - aber ein Boykott der Spiele scheint ausgeschlossen.

Hamburg - Mit einem massiven Militäraufgebot und einer Verhaftungswelle hat China die Unruhen in Tibet offenbar weitgehend niedergeschlagen. Nachdem die Proteste von der Haupstadt Lhasa auf andere Gebiete des früheren Tibets in den Nachbarprovinzen Gansu, Qinghai, Yunnan und Sichuan übergegriffen hatten, sind große Truppenkontingente entsandt worden, darunter neben paramilitärischer Polizei auch reguläre Einheiten der Volksbefreiungsarmee. Nach amtlichen Angaben herrschte weitgehend Ruhe in den Gebieten. Unabhängige Berichte sind kaum zu erhalten.

Chinesische Paramilitärs in der südwestlichen Provinz Yunnan: Aufmarsch gegen die Proteste - die Inschrift auf dem Banner lautet: "Für die allumfassende Bedeutung der Nation"
AFP

Chinesische Paramilitärs in der südwestlichen Provinz Yunnan: Aufmarsch gegen die Proteste - die Inschrift auf dem Banner lautet: "Für die allumfassende Bedeutung der Nation"

Nach einer neuen Bilanz der Regierung der autonomen Region Tibet sind bei den gewalttätigen Unruhen in Lhasa 19 Menschen ums Leben gekommen und mehr als 600 verletzt worden. Nach Angaben der tibetischen Exil-Regierung mit Sitz im nordindischen Dharamsala sind dagegen 135 Demonstranten getötet worden. Mehr als 500 Tibeter seien schwer verletzt worden, teilte die Exil-Regierung am Montag mit. Die Zahlen basierten auf telefonischen Angaben von Klöstern sowie Freunden oder Angehörigen der Opfer. Mehr als 1300 Tibeter seien festgenommen worden, die Bewegungsfreiheit der Menschen sei eingeschränkt, und es gebe Durchsuchungen von Haus zu Haus. Dabei komme es zu willkürlichen Festnahmen, hieß es in einer Erklärung.

Nach Angaben der Exiltibeter haben chinesische Truppen große Klöster in der Nähe von Lhasa und in anderen Orten abgeriegelt. Die Lebensmittel- und Wasserversorgung sei teils abgeschnitten worden. Tibetische Aktionsgruppen im Ausland warnten vor einer "humanitären Katastrophe".

Staatliche chinesische Zeitungen verbreiteten am Wochenende einen Aufruf, die "Verschwörung und Sabotage" durch tibetische Unabhängigkeitskräfte zu "zerschmettern". Das religiöse Oberhaupt der Tibeter, den Dalai Lama, rückten die Blätter in die Nähe des Terrorismus. Kritische Intellektuelle in China warfen der Regierung in einer Presseerklärung "einseitige Propaganda" vor und riefen zum Dialog mit dem religiösen Oberhaupt der Tibeter auf.

US-Außenministerin Condoleezza Rice hat China am Montag aufgefordert, eine neue Politik gegenüber dem Dalai Lama zu erwägen. Ein Dialog Chinas mit dem geistlichen Führer der Tibeter sei die einzig nachhaltige Politik, sagte Rice in einer Pressekonferenz mit dem indischen Außenminister Pranab Mukherjee in Washington. Der Dalai Lama mit seiner Haltung der Gewaltlosigkeit und seiner "unanfechtbaren moralischen Statur" könne eine positive Rolle bei der Suche nach einer friedlichen Lösung der Unruhen in Tibet spielen, sagte Rice.

Begleitet von anti-chinesischen Protesten wurde in Griechenland am Montag das Olympische Feuer für die Spiele in Peking entfacht. Pro-Tibet-Aktivisten gelang es, die Zeremonie in der antiken Stätte von Olympia kurz zu stören. Dennoch konnte das Feuer entzündet und die Fackel den ersten Staffelläufern übergeben werden. Zu ihnen gehörten auch die deutsche Hockey-Olympiasiegerin Nadine Ernsting-Krienke, der frühere Formel-1-Pilot Hans-Joachim Stuck und Felix Magath, Trainer des Fußball-Bundesligisten VfL Wolfsburg.

Magath sagte: "Gerne hätte ich dieses Erlebnis in einem unbeschwerten Umfeld genossen. Wie viele Verantwortliche beobachte ich die Entwicklung in Tibet mit Sorge. Ich hoffe, dass die Aufmerksamkeit, die China im Umfeld der Spiele erfahren wird, einen Dialog weiter fördern und der Weltöffentlichkeit die notwendigen Druckmittel geben wird, Menschenrechte im Gastgeberland China einzufordern."

Von Griechenland aus wird das Olympische Feuer um die halbe Welt bis nach Peking getragen, wo am 8. August die Olympischen Sommerspiele feierlich eröffnet werden sollen. Der Fackelzug soll bis auf den Gipfel des Mount Everest führen. Dies bedeutet, dass auch tibetisches Territorium durchlaufen wird, was zahlreiche Proteste ausgelöst hat. China hat am Wochenende noch einmal bekräftigt, den Staffellauf wie geplant durchführen zu wollen.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat einen Boykott der Olympischen Spiele in Peking kategorisch ausgeschlossen. Deshalb werde die Dachorganisation des deutschen Sports "nach Abwägung aller Argumente und in Wahrnehmung seiner Verantwortung gegenüber den Athleten eine Mannschaft" entsenden, hieß es in einer DOSB-Erklärung am Montag. Auch der Präsident des Internationalen Olympischen-Komitees (IOC), Jacques Rogge, erteilte erstmals öffentlich einem Olympia-Boykott eine klare Absage. "Die Regierungen wollen ihn nicht, die Sportbewegung will ihn definitiv nicht und, da bin ich mir sicher, die Öffentlichkeit will ihn auch nicht", sagte er. Am Sonntag hatte Rogge bereits erklärt, China werde sich wandeln, indem es sich 25.000 anreisenden Medienvertretern öffne.

Der deutsche EU-Parlamentarier Elmar Brok (CDU) rief dazu auf, die Spiele grundsätzlich in Griechenland abzuhalten, möglichst bereits in diesem Jahr. Die Exiltibeter kündigten am Montag an, im Mai in Dharmsala die "Tibetan Olympics 2008" als Alternativ-Veranstaltung zu organisieren.

all/dpa/ap/afp/reuters

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