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Krisenalltag in Beirut: Nur der Krieg gilt als sicher

Von Ulrike Putz, Amman

Stille nach dem Sturm: Nach tagelangen Straßenkämpfen sind große Teile Beiruts von der Hisbollah besetzt, die prowestliche Regierung hat gegen die gut organisierte Miliz kaum eine Chance. Selbst das Militär ist machtlos. Viele Menschen im Libanon rechnen mit einem neuen Bürgerkrieg.

"Vor dem Gebäude stehen maskierte Kämpfer der Hisbollah, davon abgesehen ist alles ruhig", sagt der Vermieter. "Unser Haus hat zum Glück nichts abgekriegt. Komm nur nicht nachts an, da wird immer noch geschossen."

Schiitischer Straßenkämpfer in Beirut: "Jetzt hat der Krieg also angefangen"
AP

Schiitischer Straßenkämpfer in Beirut: "Jetzt hat der Krieg also angefangen"

Man solle ihn weiter auf dem Laufenden halten über den Fortschritt der Heimreise aus dem abgebrochenen Urlaub nach Beirut, bittet er. "Es ist immer noch chaotisch, die Lage kann jederzeit umschlagen - pass bloß auf, vor allem an den Straßensperren", sagt der Besitzer des Mietshauses.

"Jetzt hat der Krieg also angefangen", resümiert der Nachbar am Telefon. Er meint den Bürgerkrieg, mit dem viele Libanesen seit Monaten so fest gerechnet haben - so wie man damit rechnet, dass es demnächst Sommer wird.

Der Stadtteil Zarif in West-Beirut: Enge Sträßchen, die sich die Hügel hochwinden und an denen alte orientalische Prachtbauten von Apartmentgebäuden aus den siebziger Jahren in die Zange genommen werden. Gummibäume und Birkenfeigen säumen die Bürgersteige, neben einem sehr libanesischen Bevölkerungsmix von Sunniten, Drusen und Armeniern nennen auch Hunderte von Straßenkatzen das Mittelklasseviertel ihr Zuhause.

Zarif ist wie fast alle angrenzenden Stadtteile regierungstreu bis ins Mark. Das Foto Saad Hariris, Koalitionsführer der prowestlichen libanesischen Regierung prangt an Häusern, Laternen, auf Bannern. Das wird sich nun wohl ändern: Seit Freitagmorgen wird Zarif von Kämpfern der schiitischen Hisbollah kontrolliert - so wie die meisten der West-Beiruter Stadtteile.

"Die Hisbollah hat sie einfach weggeputzt"

Zwei Tage heftiger Kämpfe reichten, dann mussten die vornehmlich sunnitischen Hariri-Anhänger vor ihren Erzfeinden weichen. "Es war ein völlig asymmetrischer Kampf", erzählt der Nachbar am Telefon davon, was sich in den vergangenen Tagen vor der Haustür abgespielt hat. "Die schiitischen Milizen waren hoch professionell, echte Kämpfer. Die anderen hatten überhaupt keine Erfahrung, die wussten kaum, wie man eine Panzerfaust bedient. Die Hisbollah hat sie einfach weggeputzt."

Die Schiitenmilizen der Hisbollah und der Amal-Partei haben die militärische Hoheit über das sunnitisch dominierte West-Beirut übernommen. Damit haben die Verbündeten Irans per Waffengewalt entscheidende Punkte in einem Machtkampf gemacht, der das politische und wirtschaftliche Leben des Zedernstaats seit eineinhalb Jahren in den Stillstand gezwungen hatte. Bislang hatte die prowestliche Regierung einen Showdown immer wieder verhindert, in dem sie die Illusion eines Gleichgewichts des Schreckens aufrechterhielt.

"Die Hisbollah mag stark sein, wir sind es genauso", war die Drohgebärde, hinter der sich die Regierungskoalition unter Saad Hariri lange verstecken konnte. Dass das zumindest in der Hauptstadt nicht gilt, zeigt die Schnelligkeit und die Vehemenz, mit der sich die Schiiten-Milizionäre durchsetzen konnten. Zwei Tage heftigster Gefechte mit bloß einem Dutzend Toten: Da waren bestens ausgebildete Kämpfer am Werk, die auf wenig Gegenwehr stießen und deren angeblich ebenbürtige Gegner alsbald ihr Heil in der Flucht suchten.

Das Militär ist machtlos

Der libanesischen Armee, in der Soldaten aus allen Religionsgruppen dienen, blieb derweil nichts anderes als Beistand übrig: Die Einmischung in die sektiererischen Kämpfe hätte das Militär vor eine nicht zu bestehende Zerreißprobe gestellt, gab ihr Befehlshaber zu. Da half es auch nicht, dass die Truppe noch im vergangenen Jahr 270 Millionen Dollar amerikanische Militärhilfe bekommen hatte. Es ist anzunehmen, dass die Partei Gottes und ihre Verbündeten ihren Etappensieg auf dem Schlachtfeld allein dazu verwenden wird, ihren Gegnern politische Zugeständnisse abzuringen.

Geschichte des Libanon
Eine Chronologie der leidvollen Vergangenheit des Landes an der Mittelmeerküste:
1958: Erster Bürgerkrieg
Bis in die fünfziger Jahre gilt der 1943 von Frankreich in die Unabhängigkeit entlassene Libanon als "Schweiz des Nahen Ostens". Die Wirtschaft blüht, die religiösen Gruppen leben in Frieden miteinander.

Danach jedoch prägen Turbulenzen und Gewalt die Geschichte des Landes. Der erste Bürgerkrieg bricht 1958 nach Spannungen zwischen Muslimen und Christen aus. Auf Ersuchen von Staatspräsident Camille Chamoun entsandte US-Marineinfanteristen sorgen eine zeitlang für relative Ruhe.

1968: Kairoer Abkommen
1968, ein Jahr nach dem arabisch-israelischen Sechstagekrieg, greifen Palästinenser vom Südlibanon aus immer wieder Israel an. 1969 schließen der Libanon und Palästinenserführer Jassir Arafat das Kairoer Abkommen zur Eindämmung der Guerilla-Aktivitäten.
1975 bis 1990: Zweiter Bürgerkrieg
Im Libanon herrscht Bürgerkrieg zwischen christlichen Milizen und muslimischen Verbänden. Die Folge sind schwere Verwüstungen - und 150.000 Tote. Einige der Milizen wechseln im Verlauf des Krieges die Fronten. 1976 greift die syrische Armee ein, 1978 besetzt Israel den Süden (bis zum Jahr 2000).
1982: Israelische Militäraktion
Die Israelische Militäraktion "Frieden für Galiläa" zur Zerschlagung der Palästinensische Befreiungsorganisation PLO von Jassir Arafat. Israel duldet dabei Massaker christlicher Milizen in den Palästinenserlagern Sabra und Schatila in Beirut.
1991: Syrien-Bündnis
Libanon schließt Freundschafts- und Sicherheitsabkommen mit Syrien, die dem libanesischen Nachbarland bis 2005 maßgeblichen Einfluss sichern. Aufteilung der Macht zwischen Christen und Muslimen. Unter Ministerpräsident Rafik al-Hariri, der bis 2004 mit Unterbrechungen regiert, erlebt das Land einen wirtschaftlichen Aufschwung.
1993 und 1996: Angriffe Israels
Israel beantwortet Raketenbeschuss jüdischer Siedlungen mit massiven Angriffen auf Stützpunkte der schiitischen Hisbollah im Südlibanon. 2000 Abzug der israelischen Armee aus dem Südlibanon.
2005: Zedernrevolution
Ein Bombenanschlag erschüttert Beirut im Februar 2005: Das Attentat gilt Ex-Ministerpräsident Rafik al-Hariri, er stirbt. Daraufhin brechen massive Proteste gegen die syrische Präsenz los ("Zedernrevolution").

Die syrische Armee zieht schließlich ab. Doch der Libanon wird von einer neuen Attentatswelle überzogen. Zu den vielen weiteren anti-syrischen Mordopfern zählt Industrieminister Pierre Gemayel (2006).

2006 bis heute: Krieg und Regierungskrise
Im Juli und August 2006 erlebt der Libanon einen Krieg zwischen Israel und der Hisbollah mit schweren Zerstörungen und mehr als 1000 Toten. Danach sichert eine Uno-Friedenstruppe die südliche Grenze des Landes.

Sechs pro-syrische Minister treten im November 2006 zurück, es folgen Demonstrationen der Opposition und eine anhaltende Regierungskrise. Erst mit dem Doha-Versöhnungsabkommen und der Wahl von Ex-Armeechef Michel Suleiman zum Präsidenten wird die Staatskrise im Mai 2008 beendet.

Im November 2009 wird der Sohn des ermordeten Rafik al-Hariri, Saad al-Hariri, als neuer Premier vereidigt - sein pro-westliches Lager hat bei den Parlamentswahlen die Mehrheit behaupten können. An der Regierung ist auch die pro-iranische Hisbollah beteiligt. Sie bringt die Koalition schließlich zu Fall, als sie am 11. Januar 2011 erklärt, ihre Minister aus dem Kabinett abzuziehen. Der Grund: Hariri habe sich nicht von dem Uno-Tribunal distanziert, das den Mord an seinem Vater aufklären soll.

Es scheint undenkbar, dass die Schiiten es leisten könnten oder wollten, den sunnitisch geprägten Westen Beiruts für längere Zeit zu kontrollieren – das käme einer innerlibanesischen Besatzung gleich. Stattdessen ist zu erwarten, dass sich Hisbollah und Amal einen Rückzug in ihre Hochburgen in den südlichen Vororten Beiruts möglichst teuer bezahlen lassen möchten: Mit einem Einlenken der Regierung, was die politische Couleur des neu zu wählenden Präsidenten angeht, mit dem Eingehen auf Wünsche der Schiiten, wenn das veraltete Wahlrechts, von dem die Schiiten sich benachteiligt fühlen, reformiert wird.

Es liegt nahe, Parallelen zur Lage in Gaza zu ziehen. Dort sicherte sich vor beinahe einem Jahr mit der Hamas ebenfalls eine radikale islamische Miliz mit heftigen Kämpfen die Macht. Wie am Freitag in Beirut war auch in Gaza erst einmal Ruhe eingekehrt, nachdem sich eine der Konfliktparteien durchsetzen konnte. Auch in Gaza deklarierte die unterlegene Partei den Sieg der anderen als "bewaffneten Staatsstreich" – so wie es die Regieringskoalition in Beirut am Freitag tat.

Stellvertreterkrieg für USA, Iran und Syrien

Fraglich ist, ob die Friedhofsruhe in der libanesischen Hauptstadt von langer Dauer sein kann. Nicht nur, dass es sich die Regierung nicht bieten lassen kann, dass eine bewaffnete Miliz die Hälfte der Hauptstadt kontrolliert oder den einzigen internationalen Flughafen lahmlegt, wann es ihr gefällt.

Brandgefährlich wird die jüngste Eskalation in Beirut dann, wenn sich die Schutzmächte der verschiedenen Fraktionen im Libanon einmischen. Der Konflikt zwischen Regierung und Opposition im Libanon ist schon lange zum Stellvertreterkrieg der beiden Machtblöcke im Nahen Osten geworden: Auf der einen Seite die USA, die die gemäßigten Regime in der Region stützen, und die den Libanon als Brückenkopf des Westens in der arabischen Welt begreifen. Auf der anderen Seite der Iran und Syrien, die mit der Hisbollah und der Hamas zwei radikale Gruppen aufgepäppelt haben, die ihnen im Zweifelsfall als langer Arm im Kampf gegen Israel dienen könnten.

In den letzten Februartagen hatten die USA drei Kriegsschiffe vor die Küste des Libanon beordert, um ihrer Unterstützung für die Regierung unter Premierminister Fuad Siniora das zusätzliche Gewicht vieler Tonnen Stahl zu geben. Am Freitag unterstrich das weiße Haus diese Haltung und machte klar, wer aus amerikanischer Sicht hinter den Entwicklungen an der Levante steckt: Syrien und der Iran sollten ihre Unterstützung für die "Partei Gottes" sofort einstellen, forderte Washington.

Schreckensvision für Israel

Echte Sorgen löste der Durchmarsch der Schiiten in Israel aus. Spätestens seit dem Sommerkrieg 2006 gilt die Hisbollah hier als Angstgegner, der es vermochte, der israelischen Armee über vier Wochen lang standzuhalten. Dass die von Iran und von Syrien seitdem nochmals aufgerüstete Miliz das Ruder im Land an sich reißen könnte, ist eine Schreckensvision, die es am Freitag schaffte, den gigantischen Korruptionsskandal um Premierminister Ehud Olmert zumindest kurz auf Platz zwei der Nachrichten zu verdrängen.

Silvan Schalom, Knesset-Mitglied und von 2003 bis 2006 Außenminister Israels, forderte denn auch ein sofortiges Eingreifen "der Welt" und setzte die Hisbollah eins zu eins mit Iran gleich. Den moderaten Kräften zuliebe müsse eine "iranische Besetzung des Libanon" verhindert werden. Eine "iranische Machtübernahme" könne die Stabilität im Nahen Osten und der ganzen Welt gefährden, warnte er.

Der Uno-Sicherheitsrat müsse zusammenkommen, um eine Situation zu verhindern, die "unumkehrbar" sein werde: Auch wenn in Beirut zwischenzeitlich relative Ruhe eingekehrt ist - der eigentliche Showdown, sei er politisch oder militärisch, steht erst noch bevor.

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