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Krisenstimmung in Spanien: "Meine Wohnung. Mein Geld. Mein Alptraum"

Aus Madrid berichtet

Bau-Boom, schnelle Kredite und Mega-Wachstum: Spanien steigerte sich in einen kollektiven Kaufrausch - bis die Blase platzte. Hunderttausende haben sich überschuldet und mussten ihre Wohnungen verlassen. Doch die Banken wittern schon den nächsten Deal.

SPIEGEL ONLINE

Auf einem Flur mit grauen Plastikstühlen endet für Erick Játiva ein Traum. Hier, in dem Gerichtsgebäude im Norden von Madrid, hängt seine Wohnung aus: Größe, Preis, Termin der Auktion. Ein Zettel neben vielen, eine Zwangsversteigerung von vielen. Játivas Wohnung gehört der Bank. Weil er sich irgendwann fragte: Will ich meine Hypothek zahlen oder will ich essen? Mit 32 Jahren hat Játiva 400.000 Euro Schulden.

In diesem Flur sitzen Leute, die alles verloren haben. Mehr als 180.000 Wohnungen werden dieses Jahr wohl zwangsversteigert, insgesamt werden damit innerhalb von drei Jahren 350.000 Familien ihre Häuser verlassen haben. Im Gerichtsgebäude türmen sich die Akten. 19 Zwangsversteigerungen innerhalb von anderthalb Stunden, das ist ein normaler Tag. Zum ersten, zum zweiten, zum dritten. Die Vertreter der Banken nicken sich zu, schnappen ihre Akten, drücken den Fahrstuhlknopf.

So enden viele Geschichten.

Erick Játivas Geschichte beginnt an einem Dezembertag vor sechs Jahren. Da nimmt er sich frei und lädt seine Familie ins Restaurant ein. 250.000 Euro hat er gerade für eine Wohnung gezahlt, ein guter Preis für die 65 Quadratmeter im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses, findet er. Viele Jahre hat hier keiner gewohnt, er will selbst renovieren, um zu sparen. Die Schwiegereltern leben nicht weit entfernt, sie sollen ab und zu auf die Kinder aufpassen.

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Spanien: Was vom Bau-Boom übrigbleibt
Mieten ist teuer, denkt Játiva. In Spanien kauft man. Also setzt er seine Unterschrift unter einen Vertrag, der eine Hypothek von einer Laufzeit über 30 Jahre vorsieht. Mit 66 Jahren hätte er sie abbezahlt.

Es geht doch aufwärts in Spanien. Der Bausektor boomt, es gibt Jobs für alle - und die Chance auf ein komfortables Leben. Das befeuert den Traum auf Pump: Dass du alles haben kannst, und zwar jetzt. "Die Leute verschulden sich, weil sie's können. Das hängt von der Sicherheit ab, mit der man in die Zukunft schaut", sagt der Präsident des Spanischen Hypothekenverbandes 2006.

Einen Kredit, aber schnell

Spanische Sonne und günstige Ferienhäuser locken deutsche und britische Rentner an die Mittelmeerküste. Geschäftsleute lassen sich neue Glaspaläste im Madrider "Business District Cuatro Torres" bauen, und die Hoffnung auf das schnelle Geld ködert Millionen von Einwanderern. Menschen aus lateinamerikanischen Ländern wie Játivas Heimat Ecuador, aber auch Osteuropäer und Nordafrikaner. Sie werden angelockt von Versprechen, "ohne viel Papierkram" einen Kredit zu bekommen, auch für Autos oder Computer. Wer arbeitet, kann auch die Raten zahlen, oder?

Heute steht Spanien vor einer Riesen-Rezession, mit dem dritthöchsten Defizit der Euro-Zone und einer Arbeitslosenquote von 20,5 Prozent. Innerhalb von vier Jahren hat sie sich mehr als verdoppelt. Die Euphorie ist Ernüchterung gewichen.

Für Erick Játiva lief es gut bis zum 31. März 2009. Dann wurde dem Webdesigner gekündigt. 2000 Euro netto hatte er bislang verdient. Knapp die Hälfte davon ging für seine Hypothek drauf, später fast alles. Der Zinssatz war in seinem Vertrag an den europäischen Interbanken-Zinssatz Euribor gekoppelt - und der war inzwischen dramatisch gestiegen. Játiva musste statt 900 Euro monatlich zuletzt 1800 Euro für seine Wohnung zahlen. Nach der Kündigung bekam er noch 900 Euro Arbeitslosengeld. Die Bank wollte nicht verhandeln. Játiva stellt seine Zahlungen ein.

Niemand hat ihm die Pistole auf die Brust gedrückt und ihn gezwungen zu unterschreiben, sagt er. Aber es hat auch niemand versucht, die Risiken der Immobiliengeschäfte einzudämmen. Gebürgt haben für ihn seine Schwiegermutter und deren Lebensgefährte. "Es wurden fast wahllos Hypotheken gewährt. Es gab keine öffentlichen und politischen Kontrollen - und auch keine bezahlbaren Mieten", sagt Ada Colau, Anwältin der "Plataforma de Afectados por la Hipoteca de Cataluña", einer Vereinigung der Geschädigten.

Große Gier nach dem schnellen Geld

Blühende Geschäfte, fehlende Kontrollen - und die große Gier. Die Krise in Spanien ist auch eine Krise dieser Gesellschaft. Das Oberste Gericht bestätigte im Dezember 2009 die vierjährige Haftstrafe gegen den früheren Bürgermeister des mallorquinischen Hafenorts Andratx, der illegal gebaut hatte. Die Richter kritisierten dabei in ungewohnt scharfer Weise den Misstand im eigenen Land: Die Zerstörung der Landschaft in Spanien sei "desaströs", alle Bürger seien Opfer der urbanistischen Zügellosigkeit geworden.

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Spaniens Regierung unter Druck: Die Krise in Zahlen
Rund 35 Kilometer südlich von Madrid liegt eines dieser irrwitzigen Projekte: El Quiñón. Hier wollte ein Unternehmer 13.500 Wohnungen bauen, ein "Manhattan von La Mancha". Der Mann, früher sozialistischer Bürgermeister, deklarierte flugs Ackerboden zu Bauland um - und soll sich dabei ausgiebig bereichert haben.

Heute sind die Kräne längst abgezogen, der neue Bürgermeister hat die weiteren Projekte bis auf weiteres gestoppt. Geblieben sind zehnstöckige Wohnblocks, die über Brachflächen thronen. Bis zur nächsten Siedlung sind es zu Fuß 45 Minuten.

Die leeren Straßen der Stadt tragen klingende Namen wie "Francisco de Goya" und "Leonardo da Vinci". Einen "neuen Lebensstil" verheißen die Broschüren. Doch viele haben sich mit diesem neuen Lebensstil verspekuliert. "Sie haben sich zwei oder drei Wohnungen auf einmal gekauft", sagt der Makler in einem Verkaufshäuschen. "Nun werden sie sie nicht mehr los."

Straßen führen ins Nichts

António Pérez führt seinen Hund spazieren. So sieht es hier aus seit anderthalb Jahren, seit er eingezogen ist. "Mir gefiel das Projekt", sagt Pérez. "Hier sollte eine kleine Stadt entstehen." Aber alles ist leer geblieben. Straßen führen ins Nichts. Mehr als 100 Bänke säumen den großzügigen Park, keine einzige ist besetzt. Auf dem Spielplatz spielen zwei Kinder.

"Zu verkaufen" oder "zu vermieten": An fast jedem Haus hängt ein solches Schild. 40.000 Menschen sollten hier einziehen. Das Einwohnermeldeamt zählt heute nur 3000.

Doch nicht alle hier sind unglücklich. Raúl Moreno arbeitet bei einer Versicherung in Madrid, er wohnt seit zwei Jahren hier und mag die Stille. "Für mich ist das Lebensqualität." Außerdem hätten alle Häuser Spielplätze, Basketball- und Fußballfelder. Zu jedem Wohnblock gehört ein Schwimmbad - mitten in der trockenen Ebene von Castilla. Es ist nicht alles schlecht in El Quiñón, sagt Raúl.

Es ist nur vieles schief gelaufen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 61 Beiträge
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1. Selber schuld
benigno 07.05.2010
Wer mit einem Einkommen von 2.000 Euro netto einen 250.000 Euro-Kredit aufnimmt und das auch noch mit variablen Zinsen, dem ist nicht zu helfen.
2. Das Ergebnis Keynesianischer Haushaltspolitik....
VorwaertsImmer, 07.05.2010
....mit immer neuen Schulden die Wirtschaft anzukurbeln - das war der Wunsch vieler Wirtschaftspolitiker. Angeblich wird damit die Wirtschaft gefördert. Doch was ist wenn das wirtschaftswachstum nicht nachhaltig ist? Was ist wenn die Angebotsseite vernachlässigt wird und alles Wirtschaftswachstum nur auf schuldenfinanzierte Konjuntkurförderung beruht? Dann haben wir ein Ergebnis wie in Griechenland, Spanien, aber auch Frankreich! Die Staaten, die übermässig Schulden gemacht haben um die Wirtschaft zu fördern, diese Staaten haben nun ein besonders schlechtes Wirtschaftswachstum, bzw. sogar eine Wirtschaftsschrumpfung. Man hört immer nur Kritiken an den Banken. Doch die übermässige Verschuldung und laxe Kreditvergabe der Verbraucher war politisch gewollt. Heute ist längst vergessen, das der Weltökonom Lafontaine als Finanzminister in die USA gereist ist und die Verschuldungspraxis als Vorbild für Deutschland geprisen hat. Dabei stehen wir mit weniger Schulden (als USA, Frankreich...) heute weit besser da. Man kann heute froh sein das Gerhard Schröder einen ganz anderen Weg eingeschlagen hat!
3. Komisch
brux 07.05.2010
Ich habe meine Hypothek so angelegt, dass ich auch bei grösserer Einkommenseinbusse nicht gleich obdachlos werde. Das nennt man Vorsicht. Wer die Wahn vom schnellen Reichtum durch billiges Geld geglaubt hat, spielt vermutlich auch Lotto als Vermögensstrategie. Machen ist eben nicht zu helfen.
4. Parallelen
Peter Kunze 07.05.2010
Zitat von sysopBau-Boom, schnelle Kredite und Mega-Wachstum: Spanien steigerte sich in einen kollektiven Kaufrausch - bis die Blase platzte. Hunderttausende haben sich überschuldet und mussten ihre Wohnungen verlassen. Doch die Banken wittern schon den nächsten Deal. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,691599,00.html
Tach, Leider bewahrheitet sich eine wichtige Regel, welche gleichermassen fürs Pokern wie für den Immobilienkauf gültig ist: Wenn du keine Ahnung hast, welcher Mitspieler an deinem Tisch der Idiot ist, bist du es wahrscheinlich. Wer unbedarft und dann noch ohne unabhängige Beratung - welche die langfristigen Folgen für die Finanzen zumindest aufzeigen könnte - eine Wohnung/Haus kauft darf auf wenig Verständnis beim unweigerlichem Absturz seiner Lebenspläne hoffen. Bye Peter
5. Se vende
mmueller60 07.05.2010
Niedlich :) Die Autorin weiß offenbar nicht so genau, ob "se vende" oder "se alquila" kaufen bzw. mieten heißt. In dem langsam kommentierten Video war es genau falschrum; in der Bilderstrecke steht als Bildunterschrift sicherheitshalber beides. :)
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