Krisentreffen in Mailand Merkel und Putin sprachen bis tief in die Nacht

Das Treffen begann mit großer Verspätung - dann saß man bis tief in die Nacht zusammen: Zweieinhalb Stunden haben Kanzlerin Merkel und Russlands Präsident Putin in Mailand über die Ukraine diskutiert.

DPA

Berlin/Mailand - Kanzlerin Angela Merkel hat mit einer außergewöhnlich langen Nachtsitzung mit Russlands Präsident Wladimir Putin ein für Freitagmorgen geplantes Spitzentreffen zum Ukraine-Konflikt vorbereitet. Die beiden Politiker trafen sich am Donnerstagabend um 23.15 Uhr am Rande des Europa-Asien-Gipfels in Merkels Hotel in der Innenstadt von Mailand. Die Zusammenkunft endete erst knapp zweieinhalb Stunden später. Am frühen Abend hatte die Kanzlerin schon den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko zu Beratungen getroffen.

Das Treffen mit Putin konnte erst mit großer Verspätung beginnen, da der russische Präsident zum ursprünglich verabredeten Zeitpunkt noch nicht in Mailand war. Er traf erst am späten Abend von Serbien kommend in der norditalienischen Stadt ein.

Über den Verlauf des Gespräches mit Putin gab es zunächst keine Informationen von deutscher Seite. Wie Putins Sprecher Dmitrij Peskow in der Nacht nach Angaben der Nachrichtenagentur Itar-Tass sagte, gebe es weiter erhebliche Meinungsverschiedenheiten über den Ursprung der innenpolitischen Krise in der Ukraine und die Ursachen für die augenblicklichen Ereignisse. Merkel und Putin hätten über die Kontrolle der Waffenruhe in der Ostukraine und die Gasversorgung gesprochen.

Merkel wollte bei den Vortreffen Chancen für eine friedliche Lösung im festgefahrenen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine ausloten. Sie gilt als führende Vermittlerin zwischen den Parteien.

Eigentlich sind Vertreter aus mehr als 50 Staaten aus Asien und Europa zu dem zweitägigen Asem-Gipfel gereist, um besonders über ihre Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaft und Handel zu reden. Doch das zweitägige Treffen wurde von der Krisendiplomatie in kleinen Runden am Rande des offiziellen Geschehens bestimmt.

Am Morgen Runde mit weiteren Staats- und Regierungschefs

Zum Krisentreffen an diesem Morgen werden neben Merkel, Putin und Poroschenko unter anderen auch der britische Premierminister David Cameron, der französische Präsident François Hollande und Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi erwartet. Ob es bei den auf 45 Minuten angesetzten Verhandlungen Ergebnisse geben wird, war offen.

Der Westen wirft Russland vor, die ukrainische Schwarzmeerhalbinsel Krim völkerrechtswidrig annektiert zu haben und die prorussischen Separatisten in der Ostukraine zu unterstützen. Als Konsequenz wurden umfangreiche Wirtschaftssanktionen gegen Moskau verhängt. Russland weist die Vorwürfe zurück.

Putin hatte pünktlich zu dem Treffen in Mailand den Ton gegenüber dem Westen noch einmal verschärft. Über US-Präsident Barack Obama und die amerikanischen Sanktionen gegen Moskau sagte der Kreml-Chef in einem Interview, es sei "schwer, ein solches Vorgehen anders denn als feindselig zu bezeichnen". Partner Russlands sollten einsehen, "dass Erpressungsversuche unvernünftig sind".

Für Ernüchterung sorgte zudem ein Lagebericht der Nato. Das westliche Verteidigungsbündnis hat nach eigenen Angaben bislang keine Anzeichen für den von Putin angekündigten Abzug russischer Truppen aus dem Grenzgebiet zur Ukraine. Moskaus Versprechen wenige Tage vor dem Mailänder Treffen hatte Hoffnung auf Entspannung in der schwersten Krise in Europa seit dem Kalten Krieg genährt.

Zu europäischen Ängsten, Russland könne im Winter den Gashahn in Richtung Westen zudrehen, äußerte sich der Kreml-Chef zweideutig. "Russland erfüllt seine Verpflichtungen gegenüber den europäischen Verbrauchern vollständig", sagte er. Sollte die Ukraine allerdings wie 2008 den ungehinderten Gastransit nach Europa verhindern, werde Moskau ähnlich wie damals reagieren. 2009 hatte Russland der Ukraine den Gashahn zugedreht, wodurch es zu Lieferausfällen in Europa kam.

flo/dpa/AFP

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insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
naive is beautiful 17.10.2014
1. solange Putin nur schwätzt und ankündigt...
...aber keine Taten folgen lässt, wäre es mehr als unvernünftig, die Sanktionen aufzuheben oder auch nur zu lockern. Russland spürt die Auswirkungen der Sanktionen täglich mehr, nicht nur die allgemeine Bevölkerung sondern auch die Wirtschaft, und auch Putin würde sich heute deutlich schwerer tun, Milliardengräber wie die Olympischen Winterspiele oder einen neuen Formel-1 Rennkurs mal locker aus der Portokasse zu bezahlen - das würde ihm wohl inzwischen auch das eigene Volk nicht mehr durchgehen lassen. Er weiß auch dass seine Schwerter mit jedem Tag wirtschaftlicher und monetärer Stagnation stumpfer werden, und dass seine Administrations-Vasallen und seine Soldaten nicht mehr bis zum Sankt-Nimmerleinstag auf ihre Saläre warten werden. Auf die Fürsorge Chinas zu hoffen ist vermutlich auch keine echte Option, denn das wird sein Land mit all seinem Stolz und seinem Souveränitätsanspruch auch nicht wirklich stärken. Dumm gelaufen, Vladimir...
fatherted98 17.10.2014
2. schon lange...
...nötig. Statt sich mit Sanktionen, Drohungen und wieder Drohungen über die Medien und Botschafter zu unterhalten, sollte man doch öfter mal zusammenkommen und sich austauschen...vielleicht würden da viele aufgebauschte Dinge auf einmal in ganz anderem Licht gesehen werden.
tommi24 17.10.2014
3. Bildunterschriften
Schaut nochmals eure Bildunterschriften an! Made-Hauptstadt? Und auch beim Bild mit den italienischen MP hat sich ein Fehler eingeschlichen
newsoholic 17.10.2014
4. Gelegenheit für Frieden
Die Gelegenheit für eine Annäherung ist eigentlich gut. Sowohl Russland als auch die EU begreifen, dass die Sanktionen ihnen Schaden (zum Vorteil der USA und Chinas) und ausgeräumt werden müssen. Dafür muss sich in der Ukraine die Situation verbessern. Daran aber hat Kiew leider wenig Interesse, wie unlängst die Bestellung eines Hardliners zum Verteidigungsminister zeigte. Und die Krim-Eingliederung als Begründung für die Sanktionen zu nehmen ist ein Affront gegenüber den Menschen dort, die genau das nicht wollen. Laut einer Meinungsumfrage des US-amerikanischen Gallup-Instituts ist die "überwältigende Mehrheit" glücklich, zu Russland zu gehören.
nofreemen 17.10.2014
5. wenn der Kern mit dem Eileiter spricht
...dann kommt normalerweise dabei nicht viel heraus. Die Gegenseite fehlt.
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