Krisentreffen von Merkel und Sarkozy: Große Worte, kleine Taten
Eine gemeinsame Wirtschaftsregierung soll Europas Währung stützen - aber Euro-Bonds und die Erhöhung des Rettungsfonds bleiben tabu: Bei ihrem Krisentreffen haben sich Kanzlerin Merkel und Präsident Sarkozy auf Empfehlungen beschränkt. Die Börsen werden sie so kaum beruhigen.
"Die Kurse stagnieren, weil die Augen gebannt auf das Treffen von Angela Merkel und Nicolas Sarkozy gerichtet sind": Mit der Atemlosigkeit eines Sportreporters kommentierte der Börsenexperte des französischen Radiosenders BFM am Dienstagnachmittag die deutsch-französische Zusammenkunft in Paris - und schloss hoffnungsfroh: "Die Märkte erwarten ein starkes Signal."
Daraus wurde nichts. Statt eines "Paukenschlags" legten Kanzlerin und Präsident am Abend einen Drei-Punkte-Plan vor, der altbekannte Forderungen und Vorschläge mit rhetorischer Verve als Lösung für die Schuldenkrise anbietet. Offenbar hatten die Diplomaten-Sherpas die Texte bereits bei der Anreise im Gepäck, denn schon eine halbe Stunde früher als geplant ging es von der Besprechung (Sarkozy: "Wir haben unter Hochdruck gearbeitet") zur Pressekonferenz.
Dort gab es zwischen "Anschäla" und "Nikola" den üblichen Abtausch von Artigkeiten, das Duo versicherte sich der gegenseitigen Wertschätzung und erklärte ein "Höchstmaß von Übereinstimmung", ja Harmonie "in der Analyse und Vision der Zukunft". Motto: "Geeint sind wir stärker."
Das Treffen, in Paris vorab zur Krisensitzung stilisiert, in Berlin als Routine-Arbeitsbesprechung charakterisiert, fand im Elysée-Palast statt, der gerade aufwendig renoviert wird. Die Baustelle passte zum Ereignis. Denn auch die Empfehlungen zur Rettung der Euro-Zone erscheinen als Projekt zur Runderneuerung - teils sandgestrahlt im neuen Look, teils verborgen hinter Gerüsten und undurchsichtigen Plastikplanen.
Selbst in Frankreich ist die Schuldenbremse umstritten
Die drei Vorschläge, mit denen Kanzlerin und Präsident ihren "absoluten Willen zur Erhaltung des Euro" unter Beweis stellen wollen, wirken bei näherem Hinsehen wie renovierte, aber bereits bekannte Positionen:
Die europäische Wirtschaftsregierung für die Euro-Zone, die nach Merkels und Sarkozys Plan von EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy angeführt werden soll, müsste - um bei Übertretung der Sparvorgaben wirklich durchgreifen zu können - weit in die Belange der souveränen Staaten eingreifen.
Um dieses Problem zu umschiffen, sollen die 17 Staaten der Euro-Zone in ihren Verfassungen eine Schuldenbremse einbauen: Damit würde nicht Brüssel den Oberaufseher spielen müssen, sondern die Mitgliedstaaten würden sich das Sparen als "nationale Selbstverpflichtung" selbst verordnen. Ob die 17 Staaten des Euro-Kollektivs gewillt und in der Lage sind, eine solche Regel "bis Mitte 2012" zu installieren, ist jedoch fraglich. Selbst in Frankreich ist die vollmundig als "Goldene Regel" bezeichnete Verfassungsänderung umstritten.
Bleibt die Finanzumsatzsteuer: Selbst wenn es gelingen sollte, Europas unterschiedliche Interessen in diesem Punkt auf Linie zu bringen, dürfte eine Abgabe auf internationale Bankgeschäfte ohne Erfolg bleiben, solange nicht auch Großbritannien und die USA bei der Regulierung der Börsen und der Finanzmärkte mitziehen. Unter US-Marktliberalen gilt die nach ihrem amerikanischen Erfinder benannte "Tobin-Tax" als Teufelszeug.
"Unsere Finanzfachleute werden schon Mittel und Wege finden"
Selbst bei dem Versuch, durch bilaterales Vortanzen die hinterherhinkende Schar der Euro-Länder in Schwung zu bringen, erschöpften sich die Vorschläge des deutsch-französischen Duos bisweilen in offenbar nicht ganz garen Absichtserklärungen: Gewiss, eine Abstimmung der Haushalte ist löblich. Aber die geplante gemeinsame Körperschaftsteuer, die bis 2013 zur deutsch-französischen Harmonisierung beitragen soll, würde für deutsche Unternehmen eine Erhöhung der Abgaben bedeuten. "Unsere Finanzfachleute werden schon Mittel und Wege finden, die Probleme zu lösen", versprach die Kanzlerin.
Eine Woche nach dem dramatischen Kursverfall an den Börsen fehlten bei dem Pariser Treffen halbwegs gewichtige Entscheidungen, die man als Zeichen des Aufbruchs hätte interpretieren können - zumal Merkel und Sarkozy Euro-Bonds und eine Erhöhung des Rettungsfonds rundweg ablehnten. Die beiden Vertreter von Europas "stärksten Wirtschaftsmächten" (Sarkozy), beide gebeutelt durch die Hiobsbotschaft von einem schwachen Wachstum dies- und jenseits des Rheins, boten also nicht viel mehr als hoffnungsvolle Versprechen und Einvernehmen auf allerhöchster Ebene.
Nicolas Sarkozy schaffte es immerhin, den Routinetreff zumindest verbal zum beinahe historischen Wendepunkt aufzuwerten: "Für die Gemeinschaft der Märkte in der Welt, für die gesamte Welt, die zuschaut, was heute passiert", so der Präsident, "ist die Tatsache, dass Deutschland und Frankreich über eine gemeinsame Sprache, eine gemeinsame Vision, einen gemeinsamen Willen, eine gemeinsame Perspektive verfügen, vielleicht das beste Element für ganz Europa."
"Der Gipfel, der beruhigen soll", hatte die Tageszeitung "Le Parisien" vor dem Treffen getitelt. Die Märkte reagierten auf den Zweier-Gipfel der guten Worte jedoch unbeeindruckt - europaweit schlossen die Börsen mit Negativtrend.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Dienstag, 16.08.2011 – 22:08 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 213 Kommentare
Einen solchen Wandel dürfte vor allem Deutschland nur akzeptieren, wenn damit deutlich verschärfte Kontrollen und Sanktionen für die nationalen Haushalte verbunden sind. Viele Anhänger von Euro-Bonds fordern auch eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik der EU, bis hin zu einem europäischen Finanzminister. Dies würde jedoch einen großen Souveränitätsverlust für die nationalen Parlamente und Regierungen bedeuten und deshalb wohl auf erhebliche Widerstände stoßen.
Am 30. Januar 2012 beschlossen 25 der 27 EU-Länder jedoch einen Schritt in Richtung gemeinsamer Wirtschafts- und Finanzpolitik: den Fiskalpakt. Sie verpflichteten sich zu strengerer Haushaltsdisziplin und der Verankerung einer Schuldenbremse in nationalem Recht. Die Grenze für das strukturelle Defizit legten sie auf 0,5 Prozent der Wirtschaftsleistung fest, die Gesamtverschuldung soll binnen 20 Jahren auf 60 Prozent der Wirtschaftsleistung gesenkt werden. Nur Großbritannien und Tschechien stimmten der Übereinkunft nicht zu.
Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil
- Krise der Euro-Zone: Merkel und Sarkozy planen Wirtschaftsregierung für Europa (16.08.2011)
- Rettung der Währungsunion: Europa sucht den Bond fürs Leben (16.08.2011)
- CDU-Sympathien für Euro-Bonds: FDP wacht an der roten Linie (16.08.2011)
- Mini-Wachstum: Deutsche Dümpelwirtschaft zieht Euro-Zone nach unten (16.08.2011)
- Streit über Euro-Anleihen: CDU-Politiker sprechen sich für Euro-Bonds aus (16.08.2011)
- Spitzentreffen in Paris: Sarkozy hofft auf den Merkel-Bonus (16.08.2011)
- Rettung der Währungsunion: "Deutschland muss Europa die Lösung diktieren" (15.08.2011)
- Debatte über Euro-Bonds: Jetzt hilft nur noch die Brutalo-Therapie! (15.08.2011)
- Staatsanleihen-Kauf: Union und FDP attackieren die Euro-Zentralbank (14.08.2011)
MEHR AUS DEM RESSORT POLITIK
-
Abgeordnete
Bundestagsradar: Alle Fakten, alle Abstimmungen, alles Wissenswerte -
Regierung
Schwarz-gelbe Koalition: Das ist Merkels Kabinett -
Umfragen
"Sonntagsfrage": Der aktuelle Trend anhand von Umfragen -
Nachgefragt
Abgeordnetenwatch auf SPIEGEL ONLINE: Ihr direkter Draht in die Politik -
Rundgang
Kanzleramt, Bundestag, Ministerien: Das ist das politische Berlin