Kritik am Übergangsrat Obama rügt Umgang mit Gaddafis Leiche

Das brutale Regime von Gaddafi ist gestürzt-  jetzt gerät der libysche Übergangsrat selbst immer stärker ins Zwielicht. US-Präsident Obama übt scharfe Kritik am Umgang mit der Leiche Gaddafis. Der Übergangsrat verstrickt sich nach Berichten über ein Massaker in Widersprüche.

Warten auf die Leichenschau: Libyer stehen Schlange, um den toten Gaddafi zu sehen
DPA

Warten auf die Leichenschau: Libyer stehen Schlange, um den toten Gaddafi zu sehen


Berlin - Wenige Tage nach dem gewaltsamen Tod Muammar al-Gaddafis sieht sich der libysche Übergangsrat immer heftigeren Vorwürfen ausgesetzt. In deutlicher Form wandte sich US-Präsident Barack Obama gegen den Umgang der Rebellen mit der Leiche Gaddafis.

Auch ein Gaddafi, dem "schlimme Dinge" vorgeworfen worden seien, habe einen Anspruch auf anständige Behandlung nach dem Tod, sagte Obama dem Fernsehsender NBC. Gaddafi war nach seiner Gefangennahme schwer misshandelt worden. Sein Leichnam war anschließend tagelang in einem Kühlhaus in Misurata zur Schau gestellt worden, ehe er am Dienstag beigesetzt wurde. "Das ist etwas, an dem wir uns nicht ergötzen sollten", sagte Obama. Ein solches Ende habe auch Gaddafi nicht verdient. Der US-Präsident verwies darauf, dass seine Regierung keine Bilder des von US-Spezialkräften in Pakistan getöteten Qaida-Führers Osama Bin Laden veröffentlicht habe.

Gaddafis Ende enthalte zugleich aber die Botschaft an alle Diktatoren der Welt, dass ihre Völker frei sein wollten, ergänzte Obama. Der ehemalige libysche Machthaber habe die Chance versäumt, während des Arabischen Frühlings den eisernen Griff auf seine Landsleute zu lockern.

Der Umgang mit dem Leichnam Gaddafis ist nicht der einzige Grund, warum das Vertrauen des Auslands in den Übergangsrat schwer erschüttert ist: Nach Berichten der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) über ein Massaker in Gaddafis Geburtsstadt Sirt hat sich das vom Ausland als rechtmäßige Volksvertretung anerkannte Gremium in starke Widersprüche verstrickt - Zweifel an der Aufrichtigkeit der Rebellen werden genährt.

Rebellensprecher blamieren sich mit widersprüchlichen Aussagen

Human Rights Watch hatte am Montag den Fund von 53 Leichen in Sirt gemeldet, die toten Männer seien zum Teil noch gefesselt gewesen, dem Anschein nach seien sie zeitgleich ermordet worden - eine Massenexekution also. Die Organisation vermutet, dass es sich bei den Getöteten zumindest teilweise um lokale Gaddafi-Loyalisten handelte. Die Leichen wurden nahe einem Hotel entdeckt, in dem Anti-Gaddafi-Kämpfer zeitweise Quartier bezogen hatten.

Der Militärsprecher des Übergangsrats, Ahmed al-Bani, wies laut "New York Times" am Montag bei einer Pressekonferenz in Tripolis die Vorwürfe zurück. Die Männer seien in Kämpfen getötet worden, weil sie Widerstand gegen die Truppen des Übergangsrats geleistet hätten, so Colonel Bani. "Unsere Kämpfer haben nur ihre Pflicht erledigt", erklärte Bani. Gleichzeitig bestritt Bani Misshandlungen von Gaddafi-Loyalisten: "Unsere islamischen Werte verlangen danach, dass wir Gefangene gerecht behandeln."

Das Statement Banis steht im Widerspruch zu der Erklärung eines anderen Sprechers des Übergangsrats in Tripolis. Der Sprecher hatte SPIEGEL ONLINE am Montag erklärt, der Rat habe überhaupt erst durch die HWR-Veröffentlichung von dem mutmaßlichen Massaker erfahren. "Wir werden dem nachgehen", versprach er. Welche der unzähligen Rebellenbrigaden für die Tat verantwortlich sein könnte, vermochte der Sprecher nicht zu sagen: "Wenn es ein Verbrechen gegeben hat, werden wir die Täter bestrafen", sagte er stattdessen allgemein. Bisher aber habe es keine Ermittlungen gegen einzelne Rebelleneinheiten gegeben - weder wegen der Vorfälle in Sirt noch anderswo im Land.

Laut "New York Times" hatte bis zum Montag tatsächlich noch kein Angehöriger der Übergangsregierung den Tatort aufgesucht, um das Massaker zu untersuchen. "Während des gesamten Konflikts", so das Blatt in seltener Eindeutigkeit, seien die Übergangsführer "entweder nicht willens oder nicht in der Lage gewesen, Anschuldigungen von Fehlverhalten ihrer Kämpfer zu untersuchen, obwohl sie mehrmals versprochen hatten, Misshandlungen nicht zu dulden."

In den vergangenen Tagen hatte es immer mehr konkrete Berichte über Menschenrechtsverbrechen der Rebellen gegeben. Wie die "Washington Post" am Sonntag meldete, befinden sich derzeit rund 7000 Kriegsgefangene in den Händen der Rebellen - in den improvisierten und überfüllten Gefängnissen, so das Blatt, werde auch gefoltert.

anr mit Material von Reuters

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insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
frubi 26.10.2011
1. .
Zitat von sysopDas brutale Regime von Gaddafi ist gestürzt-* jetzt gerät der libysche Übergangsrat selbst immer stärker ins Zwielicht. US-Präsident Obama übt scharfe Kritik am Umgang mit der Leiche Gaddafis. Der Übergangsrat verstrickt sich nach Berichten über ein Massaker in Widersprüche. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,794044,00.html
Amerikanische Regierungsvertreter sollten sich mit Kritik an moralischen Verfehlungen anderer Staaten deutlich zurückhalten. Bevor Amerika sich das wieder erlauben kann, müssten einige Fehler aus der Vergangenheit behoben werden. Dazu fehlt aber die Bereitschaft denn man müsste zugeben, dass die Fehler sehr schwerwiegend waren.
bayern2004 26.10.2011
2. Gaddafi
Obama meldet sich zu diesem Thema zu Wort - welch ein Heuchler!! Er läßt die Leiche von Bin Laden ins Meer werfen!! Wo ist da ein Unterschied? Obama wird immer lächerlicher!
HappyLuckyStrike 26.10.2011
3. Die Clinton sagt "legt ihn um",
Obama sagt "aber Vorsicht mit der Leiche". Kommentar überflüssig.
man_vs_ape 26.10.2011
4. wieso?
Ach wieso macht man den NTC jetzt plötzlich so schlecht? Vorher wurden sie doch in der Mainstreampresse als Helden in Turnschuhen hochstilisiert mit hehren Zielen, in einem Krieg der vom Volk getragen wurde um den schrecklichen Tyrannen Gaddafi loszuwerden. Machen die nun nicht so mit wie sich das Trio Obama/Cameron/Sarkozy vor dem Krieg erwartet hatten? Vorher wurde doch alles gebilligt und alle Gräueltaten Gaddafi in die Schuhe gesteckt. Bin mal gespannt ob das jetzt durchkommt, normalerweise tut es das ja nicht!
Abbuzze 26.10.2011
5. und die Lebenden?
Nicht schlecht, Lebende mittels Drohnen ohne Urteil zu eliminieren, oder Menschen ohne Gerichtsverhandlungen in Guantanamo Bay gefangen zu halten ist moralisch einwandfrei, aber Leichen von Dikatoren sollten anständig behandelt werden. Moral ist das, was man daraus macht!
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