Kritik an Geberkonferenz: "Wie viele Tschernobyls will sich die Welt leisten?"

Mehr als eine halbe Milliarde Euro hat die Geberkonferenz in Kiew für einen neuen Sarkophag gesammelt. Tschernobyl wird Jahrtausende eine gefährliche Baustelle bleiben, sagt Tobias Münchmeyer von Greenpeace - und Europa noch viel mehr Geld kosten.

Tschernobyl (2007): Der brüchige Sarkophag muss erneuert werden Zur Großansicht
dapd

Tschernobyl (2007): Der brüchige Sarkophag muss erneuert werden

SPIEGEL ONLINE: Die EU und Regierungen aus aller Welt haben die Hilfszusagen für Tschernobyl um 550 Millionen Euro erhöht. Sie sind bei dem Gebertreffen in Kiew vor Ort: Geht von der Konferenz also ein positives Zeichen aus?

Münchmeyer: Diese Veranstaltung ist schizophren. Auf der einen Seite geht es darum, dass die internationale Gemeinschaft Geld für eine zweite Schutzhülle gibt. Sie soll den havarierten Reaktor abschirmen. Gleichzeitig verschließt man die Augen vor der eigentlichen Ursache dieser Katastrophe: der Atomkraft als solche. Der zweite Konferenzteil ist sogar offiziell der Zukunft der Atomkraft gewidmet. Man hat hier den Eindruck, man bewege sich zwischen lauter Tauben und Blinden. Tschernobyl liegt von Kiew nur 90 Kilometer entfernt, aber hier heißt es beständig, dass man an der Atomenergie festhalten muss, sie sei völlig sicher.

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Tschernobyl: Neues Dach für Unglücks-AKW
SPIEGEL ONLINE: Das ist paradox.

Münchmeyer: Die Welt pumpt Hunderte Millionen Euro in die Ukraine, um die Folgen von Tschernobyl zu beseitigen. Auf der anderen Seite will Kiew seine Atomindustrie weiter ausbauen, und der Westen bestärkt die ukrainische Regierung dabei auch noch. Wir müssen die Lehren von Tschernobyl ziehen. Es ist tragisch, dass wir es 25 Jahre danach mit der Reaktorkatastrophe von Fukushima zu tun haben. Die Frage ist: Wie viele Tschernobyls will sich die Welt noch leisten?

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern bestärkt Europa die Ukraine?

Münchmeyer: Die Laufzeiten alter Meiler sollen in der Ukraine um 20 Jahre verlängert werden. Die Osteuropabank und die European Investment Bank stimulieren Kiews Atom-Ambitionen sogar noch, indem sie den Bau von Hochspannungsleitungen finanzieren. Die sollen bald Atomstrom in den Westen exportieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist die Gefahr, die heute noch von Tschernobyl ausgeht?

Münchmeyer: Laut Schätzungen sind 95 Prozent des Brennmaterials auch nach der Explosion in der Reaktorruine verblieben. Sie bleibt deshalb die größte Sorge und müsste in den nächsten Jahrzehnten demontiert, der Brennstoff geborgen und zwischengelagert werden. Es gibt aber weltweit kein einziges Endlager für hochradioaktive Stoffe. Daneben gibt es 800 Gruben im Sperrgebiet von Tschernobyl, in denen eilig verseuchte Baumaterialien, Fahrzeuge und Maschinen verscharrt wurden. Heute weiß man noch nicht einmal, wo genau sich diese wilden Atommülldeponien genau befinden, geschweige denn, was genau dort vergraben wurde.

SPIEGEL ONLINE: Welche Auswirkungen hat das unmittelbar?

Münchmeyer: Die Gruben drohen das Grundwasser zu verseuchen, radioaktives Wasser könnte so auch in nahe verlaufende Flüsse gelangen. Bei Wald- und Buschbränden können zudem radioaktive Stoffe aus Pflanzen und dem Boden wieder aufgewirbelt werden, eine Bedrohung für die Menschen im Umkreis von mindestens 40 bis 50 Kilometern.

SPIEGEL ONLINE: Wann soll der neue Sarkophag fertig sein?

Münchmeyer: Als Orientierung gilt das Jahr 2015. Offiziell gibt es aber kein Zieldatum mehr. Das liegt daran, dass schon zweimal ein Datum für die Fertigstellung gerissen wurde. Es ist also völlig offen, wann die zweite Schutzhülle fertig sein wird.

SPIEGEL ONLINE: Der neue Sarkophag ist ein Hightechgebäude, ein Hangar, der höher ist als die Freiheitsstatue in New York. Die Schutzhülle soll 1,5 Milliarden Euro kosten. Warum ist Tschernobyl noch immer so teuer?

Münchmeyer: Weil in den letzten 25 Jahren praktisch nichts getan wurde, um die Folgen der Katastrophe zu minimieren oder gar zu beseitigen. Die Sowjets haben die strahlende Reaktorruine damals hastig in eine Hülle gepackt. Das war eine gute Entscheidung - und eine enorme Leistung.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt diese enorme Summe zusammen?

Münchmeyer: Der neue Sarkophag ist so teuer, weil er eine Pioniertat ist. Er wird neben dem Reaktor gebaut und dann über die Ruine geschoben. Noch nie in der Geschichte ist ein so großes Gebäude auf Schienen bewegt worden. Der Bau ist auch eine logistische Herausforderung, in der Todeszone mangelt es an Infrastruktur. Zudem herrschen in der Umgebung des Sarkophags auch heute noch so hohe Strahlenwerte, dass ein verantwortlicher Einsatz von Arbeitern sehr schwierig ist. Auch die Sorge um einen vorzeitigen Zusammenbruch des alten Sarkophags kompliziert die Planungen.

SPIEGEL ONLINE: Ist absehbar, wann die Gefahr gebannt sein wird?

Münchmeyer: Es gibt das schöne Sprichwort, die Zeit heile alle Wunden. In Tschernobyl heilt die Zeit gar nichts, denn die strahlende Gefahr wird noch in Hunderten und Tausenden Jahren bestehen. Im Falle des Plutoniums sprechen wir von Halbwertzeiten von 24.000 Jahren. Die hundert Jahre, die der neue Schutzmantel offiziell halten soll, sind da nur ein Wimpernschlag.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange wird das Thema Tschernobyl die Weltgemeinschaft noch beschäftigen?

Münchmeyer: Dies war nicht die letzte Geberkonferenz, sondern eine der ersten. Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir auch noch in Jahrzehnten, ja in Jahrhunderten Tschernobyl-Spendenkonferenzen veranstalten werden. Das Unglück war eine Katastrophe europäischen Ausmaßes. Wenn wir wirklich an eine Idee von Europa glauben, dürfen wir die Ukraine nicht damit alleinlassen.

Das Interview führte Benjamin Bidder

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insgesamt 54 Beiträge
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1.
Q16 20.04.2011
Zitat von sysopMehr als eine halbe Milliarde Euro hat die Geberkonferenz in Kiew für einen neuen Sarkophag*gesammelt. Tschernobyl wird Jahrtausende eine gefährliche Baustelle bleiben, sagt Tobias Münchmeyer von Greenpeace*- und*Europa noch viel*mehr Geld kosten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,758220,00.html
Ja, Atomstrom ist wirklich soooo billig. Und umweltfreundlich.
2. xxx
Dumpfmuff3000 20.04.2011
Zitat von sysopMehr als eine halbe Milliarde Euro hat die Geberkonferenz in Kiew für einen neuen Sarkophag*gesammelt. Tschernobyl wird Jahrtausende eine gefährliche Baustelle bleiben, sagt Tobias Münchmeyer von Greenpeace*- und*Europa noch viel*mehr Geld kosten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,758220,00.html
"Wie viele Tschernobyls will sich die Welt leisten?" Ich tippe auf 5.
3. Nichts zu geben wäre besser!
tangarra 20.04.2011
Dadurch dass sich die Deutschen vordrängeln, um die Beseitigung des Schlamassels zu bezahlen, den die Russen und Ukrainer angerichtet haben, ist nicht zu erwarten, dass irgendetwas bei der Reaktorsicherheit besser wird. Ganz im Gegenteil, sie werden noch weniger Wert auf Sicherheit legen und noch gefährlichere Anlagen betreiben. Nur wenn diejenigen, die dafür verantwortlich sind, den Schaden voll und ganz tragen, kann es besser werden. Alles andere ist falsch verstandene Humanitätsduselei von Gutmenschen.
4. Wer ist Tobias Münchmeyer
u.loose 20.04.2011
Ist ja nett das es da ein "Zur Person" gibt, aber außer selbsternannter Experte ist da nichts zu finden. Also - welche Qualifikation hat der Gute? Studium? Wenn ja, welche Fachrichtung? Sprich - warum gibt es bei den ganzen "Experten" von Greenpeace NIE eine aussagekräftige Vita? Selbst Google ist bei ALLEN Greenpeace "Experten" oder doch eher Aktivisten - völlig ahnungslos. Auch bei Greenpeace selbst wird nichts veröffentlicht. Ein bisschen Böll Stiftung und mit dem Geigerzähler Salat ausmessen ist doch ein bisschen dünne.... Ulrich
5. Es ist wie mit den Banken
tz88ww 20.04.2011
Idioten werden auch noch belohnt. Einen schönen Tag noch.
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Greenpeace
Tobias Münchmeyer, 42, ist stellvertretender Leiter der politischen Vertretung von Greenpeace in Berlin und Atom-Experte der Organisation. Das Katastrophengebiet von Tschernobyl kennt er aus eigener Anschauung: In den neunziger Jahren leitete er das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Kiew, zahlreiche Reisen führten ihn seither in die Sperrzone. Zuletzt untersuchte Münchmeyer im Frühjahr, wie stark Lebensmittel in der Ukraine noch heute kontaminiert sind.

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