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Kritik an harscher Rhetorik: Sarah Palin schlägt zurück

Sarah Palin wehrt sich nach dem Attentat von Arizona gegen Kritiker - in gewohnt martialischem Ton: In einem Video weist die Republikanerin Hetzvorwürfe als unverantwortlich zurück. Der Anschlag habe nichts mit ihrem "feurigen" Wahlkampfstil zu tun. Gegnern warf Palin "Blutanklage" vor.

Sarah Palin: "Akte von monströser Kriminalität" Zur Großansicht
AFP

Sarah Palin: "Akte von monströser Kriminalität"

Washington - Sarah Palin sitzt vor einem Kamin, im Hintergrund leuchtet die US-Flagge, auf dem Revers ihres aschfarbenen Blazers auch. "Als ich von den unschuldigen Opfern erfuhr, brach mein Herz", sagt die Republikanerin in die Kamera. In der am Mittwoch auf Palins Facebook-Profil veröffentlichten Videobotschaft äußert sich die frühere Vizepräsidentschaftskandidatin erstmals ausführlich zum Attentat von Arizona.

In der knapp achtminütigen Ansprache mit dem Titel "America's enduring strength" ("Amerikas nachhaltige Kraft") preist sie die "Einzigartigkeit" ihres Landes - und geht mit Gegnern hart ins Gericht. "Wie die meisten Bürger habe ich in den vergangenen Tage versucht, das Geschehene zu verarbeiten und in meinen Gebeten um Hilfe zu bitten", sagt Palin in dem Kurzfilm. Sie sei nach dem Attentat zunächst schockiert, verwirrt und besorgt gewesen. Nun rege sich angesichts "unverantwortlicher Schuldzuweisungen" zunehmend "Traurigkeit" in ihr.

Palins polarisierende Rhetorik, so der Vorwurf von Anhängern des demokratischen Lagers und einiger Kommentatoren, habe das politische Klima in den USA vergiftet - und den Schützen von Arizona möglicherweise zu seiner Tat bewegt. Der 22-jährige Jared Lee Loughner hatte am Samstag die demokratische Abgeordnete Gabrielle Giffords durch einen Kopfschuss schwer verletzt und sechs Menschen getötet.

Bislang ist unklar, inwieweit die Tat politisch motiviert war. Dennoch geriet Palin in die Kritik. Häufig zitiert wurden zuletzt ihre Aussprüche wie "Nicht nachgeben - nachladen!" Zudem hatte die Grafik einer Palinschen Wahlkampagne für Aufruhr gesorgt: Das Schaubild zeigt ein Fadenkreuz auf dem Wahlkreis von Gabrielle Giffords und anderen demokratischen Abgeordneten.

"Blutanklage fabrizieren"

Die Ex-Gouverneurin von Alaska verurteilte die Kritik an ihrer Person als "haltlos". Eine "lebhafte und feurige" Debattenkultur sei ein Grundpfeiler des amerikanischen Wahlkampfs, verteidigte sich Palin. "Und nach der Wahl geben wir uns die Hände und machen unsere Arbeit." Die Republikanerin betonte, dass sie in ihren Reden immer deutlich gemacht habe, wie sehr sie Gewalt verabscheue.

In ihrem Appell geht Palin hart mit der "verwerflichen" Medienberichterstattung nach dem Attentat ins Gericht: "Besonders in den Stunden nach einer solchen Tragödie sollten Journalisten und Kommentatoren keine Blutanklage fabrizieren." Dadurch würden sie "jenen Hass und jene Gewalt anstacheln, die sie zu verurteilen vorgeben".

Das von Palin benutzte Wort "Blutanklage" (englisch "blood libel") ist theologisch besetzt. Es beschreibt in der Regel verleumderische Anklagen gegen religiöse Minderheiten, vor allem gegen Juden - etwa in Form von mittelalterlichen Ritualmordvorwürfen oder der Vorhaltung, Juden trügen Schuld am Tod von Jesus Christus.

Palin wies in ihrer Internetbotschaft darauf hin, dass es sich um die Tat eines Einzelnen handle. "Akte von monströser Kriminalität stehen für sich selbst, sie beginnen und enden mit den Kriminellen, die sie begehen", sagte sie. Sie würden nicht "kollektiv begangen von den Bürgern eines Staates", die ihr verfassungsmäßiges Recht auf freie Meinungsäußerung ausübten. Allein der Attentäter, ein "gestörter, anscheinend unpolitischer Krimineller", könne für die Tat zur Verantwortung gezogen werden, fügte sie hinzu.

Palin beschwört Machtwechsel

Palin hatte sich nach der Bluttat mit öffentlichen Reaktionen zurückgehalten, abgesehen von einem knappen E-Mail-Wechsel mit Journalisten und einer Beileidsbekundung, gab es kein persönliches Statement. Die Veröffentlichung der Videobotschaft zeigt, dass sie die Diskussion um ihre Person durchaus ernst nimmt. Die 46-Jährige ist eine Ikone der US-Rechten, sie zählt zu den polarisierendsten Figuren in den Vereinigten Staaten, gilt als mögliche Bewerberin für die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner 2012. Kommentatoren mutmaßen, dass ihre Chancen auf eine Nominierung jedoch durch die Debatte der vergangenen Tage deutlich geschmälert wurden.

In ihrer Rede lässt Palin keinen Zweifel daran, dass sie von ihrem eigenen Führungstalent überzeugt ist, stellt sich indirekt auf eine Stufe mit US-Präsident Barack Obama. "Präsident Obama und ich mögen nicht in allen Fragen übereinstimmen", fährt Palin fort, "aber ich weiß, er steht mit mir auf einer Seite, wenn es um die Gesundheit unseres demokratischen Prozesses geht."

Die frühere Gouverneurin nutzte ihre Videobotschaft auch für subtilen Wahlkampf: "Vor zwei Jahren hat seine Partei gewonnen", fährt sie fort. "Im vergangenen November (bei den für die Republikaner siegreichen Kongresswahlen, Anm.d.Red.), gewann die andere Seite. In beiden Wahlen kam der Wille des amerikanischen Volkes zum Ausdruck, und der friedliche Wechsel der Macht bewies wieder einmal die andauernde Stärke unseres Landes."

Obama reist am Mittwoch nach Arizona und wird voraussichtlich auf dem Gedenkgottesdienst für die Todesopfer von Tucson eine Rede halten. Begleitet wird er von seiner Frau Michelle, Justizminister Eric Holder, Heimatschutzministerin und dem Obersten Richter, Anthony Kennedy.

amz/AFP

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insgesamt 117 Beiträge
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1. dumm dümmer palin
sysiphos, 12.01.2011
Die Geschichte ist voll von Beispielen in denen diese Form der Agitation zu Mord geführt hat. Selbst Abraham Lincoln wurde ein Opfer des Hasses. Wenn man derart den Mob beschwört kann man sich nicht raus reden, die haben genau das bekommen was sie in ihrer Rhetorik beschworen haben Punkt. DAs einzige was man sich Fragen muss ist ob diese Bewegung so naiv ist oder sich nicht insgeheim sogar freut und darauf wartet das es ihr Feindbild nummer Eins erwischt.
2. Hach, wie schlimm ist Sarah Palin
country_yokel, 12.01.2011
Wer jetzt Palin "polarisierende Rhetorik" vorwirft, der hat wohl schon die gnadenlose Hetzkampagne vergessen, der George Bush am Ende seiner Amtszeit ausgesetzt war. Die liberalen Medien versuchten Bush fertig zu machen. Komischerweise störte sich seinerzeit niemand an deren Tonfall.
3. Das saß, Frau Palin !
moderne21 12.01.2011
Diese Powerfrau hat tatsächlich 10mal so viel Charisma wie Kanzlerin Merkel. Auch wenn einen das nicht davon ablenken sollte, dass sie genauso zum amerikanischen Establishment gehört wie Obama. Ich denke nicht, dass sie in erster Linie die Freiheit der US-Bürger im Sinn hat, wenn sie die Demokraten attakiert.
4. Der wahre Agitator ist Beck
Höhlentroll 12.01.2011
Nicht Palin schürt den meisten Hass, sondern dieser geistig verwirrte Glenn Beck auf FOX. Er ist es, der vielen Amerikanern einbläut, eine gesetzliche Krankenversicherung sei "Sozialismus" und damit eine Ausgeburt des Bösen, Obama sei kommunistischer Moslem und würde insgeheim Amerika hassen, etc. Wer sich diese Scheiße mal selbst angesehen hat, der weiß, wovon ich rede. Ansonsten kann man sich auf www.thedailyshow.com Ausschnitte ansehen, die dann auch gleich von Jon Stewart angemessen kommentiert werden...
5. "die ihr verfassungsmäßiges Recht auf freie Meinungsäußerung ausübten."
pfeifffer, 12.01.2011
Na, das wird Julian Assange ja freuen, daß Palin ihn so unterstützt und so dolle für die Meinungsfreiheit ist. Das hat sie doch so gemeint, oder?
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