Kritik von Menschenrechtlern Libysche Milizen terrorisieren Gaddafi-Anhänger  

Unbewaffnete werden beschossen, geschlagen und willkürlich festgenommen: Laut Human Rights Watch kommt es in Libyen immer öfter zu Übergriffen auf frühere Anhänger des Gaddafi-Regimes. In einer einstigen Hochburg des Diktators würden brutale Vergeltungsaktionen verübt.

Jubelnde Anti-Gaddafi-Kämpfer in Misurata: Meldungen über Angriffe
REUTERS

Jubelnde Anti-Gaddafi-Kämpfer in Misurata: Meldungen über Angriffe


Tripolis - Die Truppen des gestürzten libyschen Regimes waren berüchtigt für ihr brutales Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung. Nun kommt es offenbar reihenweise zu Racheaktionen gegen Anhänger des getöteten Machthabers Muammar al-Gaddafi.

Die Organisation Human Rights Watch (HRW) berichtete am Sonntag unter Berufung auf Dutzende Augenzeugen im ganzen Land, Bewaffnete aus Misurata würden aus der Nachbarstadt Tawargha vertriebene Einwohner "terrorisieren".

Es lägen glaubhafte Berichte vor, dass auf unbewaffnete Menschen aus Tawargha geschossen werde, zudem gebe es willkürliche Festnahmen, Gefangene würden brutal geschlagen.

Die Milizen werfen den ehemaligen Einwohnern Tawarghas demnach vor, an der Seite von Gaddafis Truppen in Misurata Gräueltaten wie Vergewaltigungen und Morde verübt zu haben. HRW zitierte einen Milizenvertreter mit den Worten, den Vertriebenen dürfe deswegen "niemals die Rückkehr" nach Tawargha erlaubt werden.

Die Stadt galt als Hochburg von Gaddafi-Anhängern und diente den Truppen des Diktators auch als Basis für Angriffe auf Rebellen in Misurata. Als die Aufständischen Mitte August ihre Offensive in Richtung Tripolis ausweiteten, wurden die meisten der rund 30.000 Einwohner vertrieben.

Menschenrechtler warnen vor Selbstjustiz

Die Organisation erklärte, solche Racheakte gefährdeten das "Ziel der libyschen Revolution". Menschen aus Tawargha, denen Verbrechen vorgeworfen würden, müssten "gemäß dem Gesetz" und nicht in Selbstjustiz zur Verantwortung gezogen werden.

HRW rief die neue Regierung in Libyen dazu auf, die noch verbliebenen zahlreichen Bewaffneten in Misurata unter ein einheitliches Kommando zu stellen. Der Aufstand gegen Gaddafi hatte Mitte Februar seinen Anfang genommen. Am 20. Oktober wurde er in seiner Geburtsstadt Sirt gefangengenommen und starb anschließend unter bislang ungeklärten Umständen.

In der vergangenen Woche waren laut HRW in Sirt die Leichen von 53 Menschen entdeckt worden, auch bei ihnen soll es sich um Anhänger des Diktators gehandelt haben. Die bereits verwesenden Leichen wurden im Garten eines verlassenen Hotels in der Geburtsstadt Gaddafis entdeckt.

Verletzte Libyer in die USA ausgeflogen

Die internationale Hilfsaktion für verwundete Libyer läuft unterdessen weiter. Ein US-Militärflugzeug hat am Samstag 24 während der achtmonatigen Kämpfe schwer verletzte Menschen zur medizinischen Behandlung in die USA gebracht. Der Transport der Verletzten sei von Außenministerin Hillary Clinton initiiert worden, sagte der US-Botschafter in Libyen, Gene Kretz.

Clinton hatte vergangene Woche ein Krankenhaus in Tripolis besucht. Die Kosten der Behandlung werden vom internationalen Hilfsfonds Temporärer Finanzmechanismus (TFM) getragen. Er war bei einem Treffen der Libyen-Kontaktgruppe unter anderem aus Spendengeldern für humanitäre Zwecke eingerichtet worden. Auch Deutschland wird zahlreiche Verletzte aus dem nordafrikanischen Land aufnehmen, bis 300 Personen sollen in den kommenden Wochen ausgeflogen werden.

jok/dapd



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insgesamt 97 Beiträge
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martin-gott@gmx.de 30.10.2011
1. Koplizen
Gaddafi hat sich selber an die Macht geputscht und denn seine Verbrechen begangen. Die neuen Machthaber wurden von der NATO an die Macht gebombt und begehen jetzt nicht weniger schlimme Verbrechen. Nur das die NATO jetzt Komplize ist.
rurei 30.10.2011
2. Das befreite Libyen ist mit Gott und sich allein
http://www.welt.de/politik/ausland/article13688509/Das-befreite-Libyen-ist-mit-Gott-und-sich-allein.html Rebellen-Chef Dschalil kündigt Änderungen im Familienrecht und die Rückkehr zur Polygamie an. Auf Druck der Islamisten wurden moderate Kräfte aus dem Übergangsrat vertrieben. ... Besuchern aus dem Westen begegnet man mit Distanz, manchmal sogar Feindseligkeit, wenn sie weiblich sind, werden sie bisweilen auf offener Straße angepöbelt. "Wir haben gesiegt", sagt ein feiernder, junger Libyer auf dem Märtyrerplatz in der Hauptstadt Tripolis. "Wir haben Öl, wir sind reich und frei. Wir brauchen niemanden und können jetzt machen, was wir wollen." ... Selbst der Vorsitzende des Übergangsrates, Mustafa Abd al-Dschalil sei "von Allah gesandt" ... Gaddafi lag da schon den dritten Tag in einem Fleischkühlcontainer in Misrata zur Schau, als der Kopf des Rebellenrates einen "islamischen Staat" in Libyen ankündigte, mit der Scharia als Hauptquelle aller Gesetze. Dschalil erntete dafür Jubelstürme. In Bengasi auf dem Festplatz ... Dschalil gab nun mit einigen Beispielen einen Vorgeschmack, was Libyen erwartet: Banken sollten nach islamischen Prinzipien arbeiten. Polygamie sei mit bis zu vier Frauen ohne Einschränkungen erlaubt. Ehescheidung solle für die Frau nur noch bei Krankheit oder Unfruchtbarkeit des Partners möglich sein oder wenn dieser sie nicht versorgen kann. ... Der Mann dagegen soll sich nach Gutdünken scheiden lassen können und muss seinen Wunsch nur dreimal aussprechen. Unter Gaddafi konnten Männer eine zweite Frau nur heiraten, wenn die erste ihr Plazet gab. Das Scheidungsrecht erkannte eine Vielzahl von Gründen an, wonach sich auch die Frau scheiden lassen konnte. Aber "beides verstößt gegen die Scharia", sagte Dschalil und pries Gott für das islamische Recht und den Sieg der Revolution. ... Die Libyerinnen wären wohl die am meisten Benachteiligten: Als Zweit- oder Drittfrau, die kein wirkliches Recht auf Scheidung und unter Umständen noch einen Vormund hat, der bestimmt, ob und wohin sie gehen oder reisen darf.
drouhy 30.10.2011
3. Leben
Zitat von martin-gott@gmx.deGaddafi hat sich selber an die Macht geputscht und denn seine Verbrechen begangen. Die neuen Machthaber wurden von der NATO an die Macht gebombt und begehen jetzt nicht weniger schlimme Verbrechen. Nur das die NATO jetzt Komplize ist.
Sie in einem der Mitgliedsländer? Ja - dann sind Sie leider auch mitverantwortlich für das Wüten der Nato-gesponsorten Wüteriche. Wie vor Monaten durch viele Foristen angesprochen, entpuppt sich, dass der selbsternannte NTC an Menschenrechten und Demokratie keinerlei Interesse hat. Mal als Tipp: So bekommt man keine Investoren ins Land. Oder werden wir durch solcherart Infos jetzt auf die Besetzung des Landes durch eine Nato-Friedenstruppe vorbereitet? Und die Neandertaler der Politik um Lady Wow haben schon das nächste Land für sich entdeckt, wo zudem auch noch verschiedene Religionen nebeneinander stehen.
sikasuu 30.10.2011
4. Tja, so was......
Zitat von sysopUnbewaffnete werden beschossen, geschlagen und willkürlich festgenommen: Laut Human Rights Watch kommt es in Libyen immer öfter zu Übergriffen*auf frühere Anhänger des Gaddafi-Regimes.*In einer einstigen Hochburg des Diktators komme es zu nun zu brutalen Vergeltungsaktionen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,794879,00.html
.. haben wir doch nicht erwartet, als wir unsere Flugzeuge zum Kampf nach Libyen geschickt haben:-(((( . Große Schei... was da jetzt abgeht, aber hat jemand etwas Anderes erwartet? Wenn ich die Straße bewaffne, benimmt sich die Straße, wie die Straße aka MOB! . Vergl. dazu Freicorps in Weimar, Bürger in Paris 1789 und Folgende, die Bauernaufstände ... und eine ungenannte Reihe von Progromen in unserer Welt. . Das ist kein libysches Problem, das ist eine Problem von Aufständen, Bürgerkriegen.... im Allgemeinen. . Revolutionen in denen bei Besetzung des Bahnhofs Bahnsteigkarten gelöst werden finden nur in Deutschland statt, wenn man Lenin glauben darf :-((
Hardliner 1, 30.10.2011
5. Verbrechern zur Macht verholfen
Zitat von sysopUnbewaffnete werden beschossen, geschlagen und willkürlich festgenommen: Laut Human Rights Watch kommt es in Libyen immer öfter zu Übergriffen*auf frühere Anhänger des Gaddafi-Regimes.*In einer einstigen Hochburg des Diktators komme es zu nun zu brutalen Vergeltungsaktionen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,794879,00.html
Wer etwas anderes erwartet hat als dass jetzt alte Rechnungen beglichen werden, ist ein realitätsferner Träumer. Die NATO hat Verbrechern zur Macht verholfen. Das steht jetzt schon fest. Gut, dass sich Westerwelle der Stimme enthalten hat. Die Kritiker Westerwelles sollten in Sack und Asche gehen.
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