Getöteter Putin-Kritiker Neue Fragen im Mordfall Nemzow

Ganz in der Nähe des Kreml wurde der Putin-Kritiker Boris Nemzow 2015 ermordet, fünf Männer aus Tschetschenien später verurteilt. Der Auftraggeber blieb unbekannt. Doch jetzt wird wieder ermittelt.

Der Tatort der Nemzow-Ermordung (Aufnahme vom Februar 2015)
AFP

Der Tatort der Nemzow-Ermordung (Aufnahme vom Februar 2015)

Von Maxim Kireev, St. Petersburg


Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit haben russische Sicherheitsbehörden offenbar wieder die Ermittlungen in einem der spektakulärsten Mordprozesse der vergangenen Jahre wieder aufgenommen. Nach übereinstimmenden Medienberichten hätten Ermittler die verurteilten Mörder des Oppositionspolitikers Boris Nemzow wiederholt befragt, unter anderem mithilfe eines Lügendetektors.

Der Kremlkritiker Nemzow wurde im Februar 2015 mit vier Schüssen aus einer Pistole auf einer Brücke in Moskau unweit des Kreml getötet. Später wurden fünf Männer aus Tschetschenien schuldig gesprochen und zu Haftstrafen zwischen 11 und 20 Jahren verurteilt. Sie sollen den Auftragsmord ausgeführt haben.

Zumindest zwei der fünf Verurteilten ließen jetzt über ihre Anwälte mitteilen, dass auf sie Druck ausgeübt worden sei. Unter anderem sollten ihre Haftbedingungen verschärft werden, wenn sie nicht mit den Ermittlungsbehörden kooperierten. Einer der Verurteilten berichtete außerdem, ihm sei mit der Aufnahme in die russische Terroristenliste gedroht worden, sollte er sich weigern, Fragen am Lügendetektor zu beantworten.

Die russische Zeitung "RBK" berichtete mit Verweis auf gut informierte Quellen, dass der Geheimdienst FSB an belastendem Material gegen die tschetschenische Führung um den moskautreuen Autokraten Ramsan Kadyrow interessiert sei. Dabei handele es sich um eine Standardprozedur bei "Auftragsmorden mit tschetschenischer Spur". Dieses Material könnte zum Einsatz kommen, falls es eine entsprechende politische Entscheidung in Moskau gebe.

Wer jedoch den Auftrag für die Ermordung von Nemzow erteilte, ist bis heute unklar. Prozessbeobachter und Journalisten sind sich überwiegend einig, dass die Spuren bis in die höchsten Machtetagen von Russlands muslimisch geprägter Teilrepublik Tschetschenien führen. Der tschetschenische Präsident Kadyrow regiert die Republik wie einen Staat im Staate und bezeichnet sich gern auch als Söldner von Russlands Präsident Wladimir Putin.



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