Kroatischer Grenzort Chaos-Bahnhof Tovarnik

Das kroatische Dorf Tovarnik an der Grenze zu Serbien hat sich für Tausende Flüchtlinge zur Sackgasse entwickelt. Wenn einer der wenigen Züge von dort abfährt, ist das Gedränge riesig. Bilder einer dramatischen Abfahrt.

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Die Flüchtlingskrise in Europa bringt für Beobachter der Nachrichtenlage wie für humanitäre Helfer im Wochenrhythmus neue Brennpunkte. Seit Ungarn vor knapp einer Woche seine Grenze zu Serbien dichtmachte, rückte Kroatien in den Blickpunkt - und da insbesondere die Stadt Tovarnik.

Der kleine ostkroatische Grenzort wird zu einer Art chaotischem Verschiebebahnhof. Täglich erreichen mehrere Tausend Flüchtlinge die Gemeinde. Mit Bussen und Zügen werden sie nach und nach weggebracht, wohl an die ungarische Grenze im Norden des Landes. Doch es gibt zu wenige Züge und Busse - und zu viele nachkommende Flüchtlinge. Viele warten tagelang auf ihre Weiterreise. Der kleine Ort wird für sie zur Sackgasse.

Tovarnik hat dem Ansturm nichts entgegenzusetzen. Hier leben keine 3000 Einwohner - deutlich mehr Asylsuchende warten dort derzeit auf ihre Weiterreise. Es gibt keine Zelte, kaum medizinische Versorgung, kaum Infrastruktur. Die Flüchtlinge warten auf dem Asphalt, sitzen auf ihren Rucksäcken, liegen auf der Straße.

Nur wenige Hilfsorganisationen sind vor Ort. Ehrenamtliche Helfer aus aller Welt sind auf eigene Faust angereist, sie verteilen Essen und Schlafsäcke, sprechen mit den Flüchtlingen, organisieren Übersetzer. Auf dem ganzen Gelände gibt es zwei Wasserhähne. Gerade einmal elf Dixi-Klos stehen zwischen dem Bahnhof und der Bus-Warteschlange. Die Menschen drängen sich auf engstem Raum. Am Mittwoch werden Flüchtlinge beim Widerstand gegen eine Polizeiblockade verletzt. Am Donnerstag warnt Bozo Galic, der Vorsteher des ostkroatischen Bezirks Vukovar-Srijem, vor einer "humanitären Katastrophe".

Immer neue Brennpunkte

Am kleinen Bahnhof sitzen am Wochenende mehr als tausend Flüchtlinge auf den Gleisen, zwischen Müllbergen und ernst blickenden Polizisten. Seit Stunden warten sie schon, viele haben Kleinkinder im Arm. Die Menschen ertragen die Hitze, die Ungewissheit, den Gestank mit Ruhe und Geduld.

In der Nacht zu Sonntag dann sind die Temperaturen drastisch gesunken, es hat geregnet. Als der Zug einfährt, beginnen die dramatischen Szenen erst: Flüchtlinge rennen heran, kämpfen um den Einstieg. Kleine Kinder werden aus der Masse gezogen, teilweise durch die Zugfenster. Die Polizei hatte versucht, Frauen und Kinder zuerst einsteigen zu lassen, doch es gelang ihr nicht, die Kontrolle zu behalten.

Die Situation auf der Balkanroute droht sich erneut zu verändern. Ungarn hat seine Grenze zu Serbien teilweise wieder geöffnet. Dafür berichtete ein Reuters-Kameramann am Sonntagnachmittag, dass Ungarn die Schließung der Grenze zu Kroatien vorbereite.

Bautrupps rammten drei Meter hohe Zaunpfähle in den Boden und errichteten ein Tor am Grenzübergang bei Beremend. Dorthin hatte Kroatien die Flüchtlinge das ganze Wochenende über in Bussen hingefahren und ohne Absprache ins EU-Nachbarland abgeschoben.

In Tovarnik wurden im Laufe des Sonntags die Flüchtlinge, die nicht mehr in den Zug gekommen waren, per Bus weitertransportiert. Wie ein Journalist von "Le Monde" bei Twitter berichtet, reinigen Freiwillige aus dem Dorf die Hauptstraße, an der die Menschen tagelang campiert hatten. Die Balkanroute führt jetzt nicht mehr durch Tovarnik. Die Brennpunkte werden zukünftig andere Namen haben.

feb/dpa/Reuters

insgesamt 72 Beiträge
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jugoslovenkasuzana 20.09.2015
1. Ja sehr dramatisch das alles
Mir kommen gleich die Tränen.
valleyview 20.09.2015
2. x,,
Xxx
spiegelwatcher 20.09.2015
3. Einsatz der Bundeswehr zum Schutz der Grenzen
Es wird angesichts des anschwellenden Flüchtlingsstromes erforderlich, die Grenzen komplett zu verriegeln und die "grüne Grenze" durch die Bundeswehr sichern zu lassen. Die Flüchtlinge hätten in Kroatien, Slowenien und Österreich die Möglichkeit gehabt, Asylanträge zu stellen. Deutschland ist voll und jeglicher weiterer Zuzug zu unterbinden.
Conny_1 20.09.2015
4. wo ist die Hilfe
Leider sehe ich unsere Grüne Claudia Roth nicht. Sie müsste doch mit dem Bürgermeister vom Ort schimpfen, dass er die Flüchtlinge nicht versorgt Ist sie immer noch in Berlin ?
NicksAlleVergeben 20.09.2015
5. Meinungsmache SpOn 2.ter
Aus dem Artikel: ---Zitat--- Am kleinen Bahnhof sitzen am Wochenende mehr als tausend Flüchtlinge auf den Gleisen, zwischen Müllbergen und ernst blickenden Polizisten. Seit Stunden warten sie schon, viele haben Kleinkinder im Arm. Die Menschen ertragen die Hitze, die Ungewissheit, den Gestank mit Ruhe und Geduld. ---Zitatende--- Man liest also, dass Polizisten "ernst" blicken und schafft damit eine Aussage auf der emotionalen Schiene. Eigentlich nicht das, was man sich von einem Nachrichtenmagazin erwünscht. Man liest also, dass "viele" (es gibt Leute, die zählen so: "eins, zwei, viele") Kleinkinder im Arm haben. Wieder eine Aussage von NULL Relevanz, dafür aber emotional. Wieder eines Nachrichtenmagazins unwürdig. Weiter ertragen die Menschen Hitze und Gestank und Müllberge ruhig. Für die letzten beiden Posten sind sie selber direkt verantwortlich, aber das werfe ich ihnen nicht vor, das wäre schäbig. Für das erste kann nun niemand etwas. Aber! Vorher stand im selben Artikel folgendes: ---Zitat--- Am Mittwoch werden Flüchtlinge beim Widerstand gegen eine Polizeiblockade verletzt. ---Zitatende--- Wie kann jemand, der auf dem Asphalt sitzt, mit einem Kleinkind im Arm, sich über Müllberge und zu wenig Klos erregt, und *ruhig* ist, eigentlich Widerstand leisten? Und: Wenn er Widerstand leistet gegen die Exekutive, wer hat es zu verantworten, wenn er sich dabei verletzt? Dann soll er den Widerstand einfach lassen! Das Gewaltmonopol liegt beim Staat. Punkt. Dass das hier mittlerweile auch viele anders sehen, die gegen alles Mögliche randalieren, ihre "Meinung" mit Gewalt äussern und dann "Mimimi" rufen wenn der böse Polizist (mit seiner A8-Besoldung) einfach keine aufs Maul bekommen will selber zulangt, ist leider so.
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