Amtseinführung von Felipe VI. in Spanien Krönung, leicht bekömmlich

Als hätten sie das WM-Aus geahnt: Spaniens Königshaus feiert die Krönung von Felipe VI. betont nüchtern - wohl auch, um das Volk nicht zu erzürnen. Denn Monarchie-Kritiker haben Zulauf.

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Aus Madrid berichtet


Flaggen raus, hat Madrids Bürgermeisterin den Einwohnern der spanischen Hauptstadt empfohlen. Die Metropole soll in Rot und Gelb leuchten, wenn König Felipe am Donnerstag gekrönt wird. Obwohl die Lust an fröhlicher Beflaggung nach dem frühen WM-Aus der spanischen Nationalelf sowieso nicht besonders ausgeprägt sein wird - Ángeles Maestro wird trotzdem eine Flagge ausrollen. Und diese wird die Bürgermeisterin nicht gern sehen. Ebenso wenig wie das Plakat, an dem sie bastelt, und auf dem stehen wird: "Nieder mit der Monarchie, es lebe die Republik."

Ángeles Maestro, 62, engagiert sich seit ihrer Jugend für ein republikanisches Spanien. Unter der Diktatur von Franco arbeitete sie heimlich bei den Kommunisten, in den Neunzigerjahren war sie Abgeordnete der Linken. Sie hat große blaue Augen und kurze braune Haare, an ihrem Handgelenk baumelt ein Bändchen in den Farben der Republik: Rot, Gelb, Lila. Sie meint: "Das Volk hat den alten Machtapparat satt. Und auch die Monarchie."

Seit König Juan Carlos seinen Abschied angekündigt hat, scheint die republikanische Bewegung wieder erwacht. Tausende Menschen strömten kurz nach seiner Abdankungsrede am 2. Juni zum Platz Puerta del Sol im Zentrum von Madrid und schwenkten die Trikolore, auch Ángeles Maestro war dabei. Die Republik-Anhänger sehen ihre Stunde gekommen, sie träumen von der Abschaffung der Monarchie und vom politischen Umbruch. Die Frage ist nur, wann der kommt.

Denn erst einmal wird es einen neuen König geben. Die Amtseinführung am Donnerstag läuft so betont nüchtern ab, dass es den Eindruck erweckt, man wolle das Volk nicht provozieren. Hier regiert Bescheidenheit, nicht Pomp - als hätte man den traurigen Abschied der spanischen Nationalelf von ihrer Unbesiegbarkeit schon bei den Planungen für die Krönungsfeierlichkeiten vorausgeahnt. Kein Vergleich mit der prunkvollen Hochzeit von Felipe und Letizia vor zehn Jahren, die geschätzte 20 Millionen Euro kostete. Kein Vergleich mit der Krönung des holländischen Königspaares im vergangenen Jahr, als Amsterdam sich in einen royalen Rausch feierte.

Felipe VI. wird im Parlament seinen Eid auf die Verfassung schwören. Vertreter ausländischer Regierungen oder europäischer Königshäuser sind nicht eingeladen. Fehlen wird selbst der alte König Juan Carlos - er wolle die Bühne seinem Sohn überlassen, heißt es. Ein Gruß der Königsfamilie vom Balkon, ein Empfang, das war's.

Eher bescheiden verlief auch der Abschied von Juan Carlos am Mittwoch. 150 Gäste waren zu einer Zeremonie geladen, die nur gute zwanzig Minuten dauerte und in deren Mittelpunkt die Unterzeichnung des Gesetzes stand, das seine Abdankung endgültig regelt.

Ein "weiter so" wollen viele Spanier nicht

Demonstrative Demut in einem Land, in dem viele Menschen noch unter den Folgen der Krise leiden, selbst wenn der wirtschaftliche Aufschwung begonnen hat. In den vergangenen Jahren haben die Spanier auch erkannt, wie hemmungslos sich einige Funktionäre in den Boom-Jahren zuvor bereichert hatten - Korruptionsskandale erschütterten alle großen Parteien, alle Ebenen der Politik, bis hin zum Königshaus.

Die Meinungen über Felipe gehen daher auseinander. Ist der als kühl geltende Mann der Modernisierer, den das Land braucht? Oder steht er für das "Weiter so", das die Königskritiker verabscheuen?

Ein "weiter so" wollen viele Spanier nicht, sie haben das bei den Europawahlen deutlich gezeigt. Die beiden großen Parteien PP und PSOE kamen gemeinsam auf einen historisch niedrigen Wert, sie erreichten zusammen nicht einmal die Hälfte der Stimmen.

Überraschender Gewinner des Wahlabends war die erst vier Monate zuvor gegründete, eher linke Partei Podemos, die unter anderem mehr Transparenz von der Politik fordert. Sie erreichte aus dem Stand knapp acht Prozent der Stimmen und fünf Sitze im Europaparlament. Auch die Mitglieder scheinen von ihrem plötzlichen Erfolg überrumpelt, in ihrer Zentrale in Madrid lehnen zusammengefaltete Umzugskartons an der Wand. An der Tür klebt ein Sticker aus dem Wahlkampf: "Wann hast du das letzte Mal mit Begeisterung gewählt?"

Auch Podemos setzt sich dafür ein, dass die Bürger wählen können zwischen Monarchie oder Republik. Ein Referendum über die Staatsform, so wie viele es jetzt fordern. Selbst die Basis der großen sozialistischen Partei PSOE liebäugelt mit einer solchen Abstimmung, einige sogar mit einer Republik - und nervt damit die Führungsspitze. Der konservative Regierungschef Mariano Rajoy bemüht sich seit Wochen, die Debatte kleinzuhalten.

Besonders die jüngeren Spanier lehnen die Monarchie ab

Laut einer Umfrage der Zeitung "El País" wollen 62 Prozent der Spanier "irgendwann" darüber abstimmen, ob nun ein Präsident oder ein König ihr Land repräsentiert. Der Erhebung zufolge würde die Mehrheit momentan für die Monarchie plädieren.

Besonders die jüngeren Spanier lehnen aber diese Staatsform ab. Das mag auch daran liegen, dass sie den Übergang von der Diktatur zur Demokratie in den Siebzigerjahren nicht miterlebt haben. Dass Juan Carlos sich 1981 rechten Putschisten entgegenstellte und damit auch die spanische Demokratie rettete, ist für sie ein Eintrag im Geschichtsbuch. Viele Ältere, auch eher monarchiekritische Spanier, dagegen zollen ihm dafür Respekt.

Ángeles Maestro, die Frau mit der republikanischen Trikolore am Handgelenk, hat Juan Carlos allerdings nicht vergessen, dass er ein Zögling Francos war - und der Diktator die Monarchie wieder eingeführt hat. Sie glaubt, dass unter den Jubelnden am Krönungstag viele alte Franquisten sein werden. Besser sei es daher, wenn die Demonstranten mit den rot-gelb-lila Flaggen abseits davon auf einem Platz in Madrid protestieren dürfen, was die Stadt bislang abgelehnt hat. "Es ist besser, wenn wir nicht aufeinander treffen."

Proteste vom 2. Juni

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Thronwechsel in Amsterdam: Oranje im royalen Rausch

Korruptionsskandal im Königshaus

Der als kühl geltende Felipe als Modernisierer

insgesamt 22 Beiträge
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andreu66 19.06.2014
1. Gespaltene Gesellschaft
Spanien ist eine Gesellschaft, die nach mehreren Bürgerkriegen in den letzten zwei Jahrhunderten und der Franco-Diktatur noch Imme tief gespalten ist; auch wenn es seit 1976 zur Staatsraison gehört, so zu tun als ob nicht. Die nationalen Minderheiten der Basken und Katalanen sind fast ausschließlich Republikaner. Der Vorsitzende der ERC (Katalanische Republikanische Linke, Gewinner der Europawahlen in Katalonien) im Nationalparlament, dass die Volksbefragung zur Unabhängigkeit Kataloniens eben eine Entscheidung zwischen der spanischen Monarchie und der katalanischen Republik sei.
sok1950 19.06.2014
2. eine Mehrheit ist für die Monarchie
zu Wort kommt aber allein eine Republikanerin? Das nenne ich ausgewogenen Journalismus. Aber auch eine Republik kann ein monarchisches Staatsoberhaupt haben. Was bei einem gewählten Staatsoberhaupt raus kommt sieht man an unserem obersten Kriegstreiber. Da wünsche ich mir die englische Queen. Treten wir dem Commonwealth bei, das erspart uns unseren Grüßaugust.
auweia 19.06.2014
3. Geld gespart...
Zitat von sysopREUTERSAls hätten sie das WM-Aus geahnt: Spaniens Königshaus feiert die Krönung von Felipe VI. betont nüchtern - wohl auch, um das Volk nicht zu erzürnen. Denn Monarchie-Kritiker haben Zulauf. http://www.spiegel.de/politik/ausland/kroenung-von-felipe-vi-in-spanien-a-975990.html
Monarchiegegner atmen auf: Spanien braucht nichts für einen Kurzbesuch des Königs in Brasilien ausgeben.
viceman 19.06.2014
4. wozu braucht man das adlige pack
Zitat von sysopREUTERSAls hätten sie das WM-Aus geahnt: Spaniens Königshaus feiert die Krönung von Felipe VI. betont nüchtern - wohl auch, um das Volk nicht zu erzürnen. Denn Monarchie-Kritiker haben Zulauf. http://www.spiegel.de/politik/ausland/kroenung-von-felipe-vi-in-spanien-a-975990.html
denn noch? diese drohnen haben keinen anderen sinn, als mit ein bischen glamour oder skandalen die leute vom tristen dasein abzulenken...
schreiberausthür.89 19.06.2014
5. Republik oder parlamentarische Monarchie- völlig egal
Ist ein machtloser Präsident, der hauptsächlich repräsentative Aufgaben erfüllt (wie in Deutschland der Bundespräsident) als Staatsoberhaupt wirklich so viel anders/besser, als irgendein Monarch? Ich denke, die Spanier haben wichtigere Aufgaben/Probleme zu lösen. Großbritannien fährt mit seiner Monarchie doch auch recht gut, ebenso die Niederlande, Dänemark etc..
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