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Kuba: Der kleine Bruder soll's richten

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Nach einer Operation hat der kubanische Diktator Fidel Castro die Macht an seinen Bruder Raúl übergeben - vorübergehend, wie die Regierung betont. Führende Dissidenten hoffen jetzt auf wirtschaftliche Reformen.

Berlin - Die Nachricht elektrisierte Millionen Exilkubaner: Fidel Castro gibt zum ersten Mal seit 47 Jahren seine Macht ab. Eine Operation nach einer Magen-Darm-Krise mit inneren Blutungen zwinge den Präsidenten zu einer mehrwöchigen Bettruhe, teilte die kubanische Regierung in der Nacht mit. So lange werde sein Stellvertreter Raúl Castro die Amtsgeschäfte führen.

Raúl Castro: "Kein Anführer der Massen"
REUTERS

Raúl Castro: "Kein Anführer der Massen"

Castros Gesundheitszustand gab seit längerem Anlass zu Spekulationen. Dass sein kleiner Bruder für ihn einspringen würde, ist nicht neu: Seit 1985 hatte Fidel dies immer wieder verkündet. Eine gewisse Dramatik gewinnt die Machtübergabe, weil sie kurz vor dem mit Spannung erwarteten 80. Geburtstag des Diktators kommt. Die Feierlichkeiten wurden vom 13. August auf den 2. Dezember verschoben.

Die kubanische Regierung will nun um jeden Preis vermeiden, dass das Ende der Ära Fidel ausgerufen wird. Die Abwesenheit des Máximo Líder sei nur vorübergehend, wird betont. Doch Dissidenten in Havanna denken längst einen Schritt weiter: Was passiert, wenn Fidel sich nicht erholt? "Es ist fast das Gleiche wie der Tod", sagte eine der bekanntesten Dissidenten, Martha Beatriz Roque, der Nachrichtenagentur AP. Die Machtübergabe an den 75-jährigen Raúl könnte der Beginn des lang erwarteten Übergangs sein. Schon wird spekuliert, in welche Richtung der Bruder die Insel führen wird.

Raul, der Manager

"Raúl ist Pragmatiker", sagt Oscar Espinosa Chepe, Volkswirt in Havanna und einer der 75 Dissidenten, die Castro bei einer Verhaftungswelle im Frühjahr 2003 ins Gefängnis werfen ließ. "Er wird alles tun, um das System irgendwie zu retten." Wirtschaftliche Reformen seien dafür unausweichlich. "Er muss den Leuten mehr Eigeninitiative erlauben", meint Espinosa. "Sonst droht eine soziale Explosion". Raúl habe nicht Fidels Charisma und sei daher gezwungen, dem Volk entgegen zu kommen.

Raúl hatte sich bereits 1994 als Freund kapitalistischer Experimente gezeigt. Gegen die Zweifel Fidels setzte er die Einrichtung von Bauernmärkten durch, auf denen Bauern privat überschüssige Waren verkaufen dürfen. Damals, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, herrschte Nahrungsmittelknappheit auf der Insel, und der Leistungsanreiz sollte die Bauern dazu bringen, ihre Produktivität zu erhöhen. Nach einem China-Besuch 1997 ließ Raúl zudem Sympathien für eine allmähliche Liberalisierung der Planwirtschaft nach chinesischem Vorbild erkennen.

Zuletzt war die reformorientierte China-Fraktion im kubanischen Politbüro jedoch in die Defensive geraten. Fidel nahm viele der "liberalen Fehler" der neunziger Jahre zurück und setzte auf eine Rezentralisierung der Wirtschaft. Für Raúls Reformbereitschaft spricht, dass er als Chef der Streitkräfte bereits die Armeestrukturen modernisiert hat. "Raúl ist kein Anführer der Massen, aber ein guter Manager", sagt Espinosa. Was ihm an Charisma fehle, mache er durch Organisationstalent wett.

Wer auch auf mehr politische Freiheit hofft, dürfte allerdings enttäuscht werden. Auf dem Feld der Repression gilt Raúl ebenso wie sein Bruder als Hardliner.

Ein Leben im Schatten des großen Bruders

Dennoch wird Raúl es in den Fußstapfen seines großen Bruders schwer haben. Fidel ist eine legendäre Figur, ein Mythos, seine Autorität leitet sich direkt aus der Geschichte ab. Die Kritik der Bevölkerung richtet sich denn auch meist gegen "die Regierung", nicht aber gegen Fidel persönlich.

Raúl hingegen war immer der Mann der zweiten Reihe, unscheinbar, mit dicken Brillengläsern. Dabei hat er fast genau den gleichen Lebenslauf wie Fidel, schließlich hat er sein gesamtes Leben an der Seite des älteren Bruders verbracht. Zusammen besuchten sie die Jesuitenschule und die Universität in Havanna, später kämpften sie gemeinsam gegen die Diktatur von Fulgencio Batista. Raúl war beim Sturm auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba dabei, der am 26. Juli 1953 den Namen Castro landesweit bekannt machte. An Fidels Seite saß er anschließend im Gefängnis, ging ins Exil nach Mexiko und kehrte an Bord der "Granma" 1956 nach Kuba zurück. Nach der Revolution ernannte Fidel ihn zum Chef der Streitkräfte, den Posten, den er bis heute bekleidet.

Selbst wenn ein Machtkampf um Fidels Nachfolge ausbrechen sollte, wäre Raúl in der besten Position, diesen zu gewinnen. Als Oberbefehlshaber der 50.000 Mann starken Armee kann er auf den Rückhalt der Militärs bauen, die in jeder Übergangssituation eine Schlüsselrolle spielen.

"Zustand der Entkräftung"

Wie ernst der Gesundheitszustand Fidels ist, wurde nicht bekannt. Die inneren Blutungen wurden nach Angaben der Regierung durch "extremen Stress" ausgelöst, der zu einem "Zustand der Entkräftung" geführt habe.

Vor zehn Tagen hatte Castro entgegen seiner Gewohnheit eine Auslandsreise unternommen und war überraschend beim Mercosur-Gipfel in Argentinien aufgetaucht. Zusammen mit Venezuelas Staatschef Hugo Chavez hatte er dort auch das Geburtshaus von Ché Guevara in Alta Gracia bei Cordoba besucht. Vergangene Woche dann hatte Fidel am Nationalfeiertag gleich zwei öffentliche Reden gehalten. Schon da wirkte er müde, redete langsam und machte immer wieder Pausen.

Fidels Tod war für die Kubaner bis vor kurzem ein Tabuthema. "Darüber reden nur Terroristen", lautet eine typische Antwort, die Menschen auf der Straße auch heute noch geben. Spätestens seit Castro bei einer Rede 2001 ohnmächtig wurde, ist der Gedanke an seinen Tod jedoch ins öffentliche Bewusstsein gedrungen. Die Castro-Brüder selbst bereiten die Bevölkerung seit einiger Zeit in Reden auf den Tag X vor. Raúl deutete im Juni an, dass an die Stelle von Fidel eine mehrköpfige Führung der Kommunistischen Partei treten könne. Spekuliert wird über ein Quartett, das neben dem greisen Raul noch Außenminister Felipe Roque Cruz, Parlamentspräsident Ricardo Alarcon und Wirtschaftsminister Carlos Lage enthält.

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