Kuba in der Krise Castro-Regierung will 500.000 Beschäftigte entlassen

Kuba steckt in einer schweren Wirtschaftskrise, jetzt plant die Regierung einen radikalen Schritt: Einer Gewerkschaftszeitung zufolge sollen in Ministerien und Staatsbetrieben die Jobs von einer halben Million Beschäftigten gestrichen werden. Das soll die Planwirtschaft stärken.

Kubanischer Straßenkehrer im Staatsdienst: Entlassungen zur Stärkung der Planwirtschaft
dpa

Kubanischer Straßenkehrer im Staatsdienst: Entlassungen zur Stärkung der Planwirtschaft


Havanna/Mexiko-Stadt - Diese Entlassungswelle dürfte ohne Beispiel sein: Kubas Regierung will in den ersten drei Monaten des kommenden Jahres mehr als 500.000 Beschäftigte aus Ministerien und Staatsbetrieben entlassen - es wäre jeder zehnte staatlich Beschäftigte. Das teilte am Montag die Zentrale Gewerkschaft der Arbeiter Kubas (CTC) in ihrem Wochenblatt "Trabajadores" in Havanna mit.

Bereits Anfang August hatte Präsident Raúl Castro angekündigt, im Zuge seiner Reformen in der angeschlagenen Wirtschaft überzählige Beschäftigte zu entlassen. Sie sollten Jobs in den neu entstehenden privaten Kleinbetrieben bekommen.

Die sozialistische Führung erhofft sich von dem Schritt eine Steigerung der Produktivität der schwächelnden Planwirtschaft. "Unser Staat kann und darf Unternehmen und Produktionseinheiten mit aufgeblasenen Belegschaften und Verlusten, die die Wirtschaft belasten, nicht weiter aufrechterhalten", hieß es am Montag in einer Mitteilung der CTC. "Sie sind kontraproduktiv, erzeugen schlechte Gewohnheiten und deformieren das Verhalten der Arbeiter."

Kuba ist durch die Weltwirtschaftskrise und Unwetterkatastrophen, aber auch durch Korruption und sozialistische Misswirtschaft in eine schwere Krise geraten. Das Land muss unter anderem Lebensmittel für umgerechnet über eine Milliarde Euro importieren. Angesichts der schweren Krise im Land hatte die Regierung vor kurzem in einigen Dienstleistungsbereichen Privatisierungen zugelassen. Etwa 95 Prozent der kubanischen Wirtschaft sind in Staatsbesitz.

Zuletzt hatte Kubas Revolutionsführer Fidel Castro weltweit für Aufsehen gesorgt, als er sich kritisch zur Lage im eigenen Land äußerte. In einem Interview hatte der 84-Jährige in Havanna gesagt, das kubanische Modell funktioniere "nicht einmal mehr für uns".

Wenig später sagte Castro, er sei falsch verstanden worden und habe "genau das Gegenteil" gemeint. Es amüsiere ihn zu sehen, dass sein Interview-Partner, der US-Journalist Jeffrey Goldberg, ihn "wortwörtlich" interpretiert habe. "Wie die ganze Welt weiß, ist meine Idee, dass das kapitalistische System nicht mehr funktioniert - weder für die USA noch den Rest der Welt", führte Castro am Freitag bei der Vorstellung des zweiten Bands seiner Autobiographie aus. "Wie soll ein solches System dann für ein sozialistisches Land wie Kuba funktionieren?"

Goldberg wies den Vorwurf zurück, diese Äußerung falsch verstanden zu haben. Castros Worte bedeuteten genau das, was er geschrieben habe, versicherte der US-Journalist auf der Internetseite seiner Zeitschrift "The Atlantic". "Das Gegenteil dieser Äußerungen würde lauten: Das kubanische Modell funktioniert so gut, dass wir es gerne exportieren möchten", schrieb Goldberg weiter. "Das hat er aber nicht gesagt." Castro habe genau das gesagt, was er geschrieben habe. Er wisse nicht, wie dieser Satz anders interpretiert werden könne.

Auch die Kuba-Expertin des US Council on Foreign Relations (CFR), Julia Sweig, die bei den dreitägigen Gesprächen mit Castro dabei war, sagte gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, der 84-Jährige habe mit seinen Äußerungen "nicht gescherzt". "Als ich ihn das sagen hörte, dachte ich, er meint, dass das Wirtschaftsmodell nicht mehr funktioniert - nicht die Revolution, die sozialistische Gesinnung, der Unabhängigkeitswillen - nur das Modell", sagte Sweig. "Als er sagte, 'Oh, das Modell funktioniert nicht einmal mehr für uns', bezog er sich geradezu auf dieses fast schon zum Fetisch erhobene Modell", sagte sie weiter.

Sweig betonte, Castro sei trotz seiner verschiedenen Krankheiten in "wirklich guter Verfassung" gewesen. "Natürlich ist er gealtert (...), aber er isst und spricht, betreibt eine gewitzte Konversation, ist interessiert; ich würde er sagen, er ist zu 1000 Prozent präsent."

hen/dpa/AFP

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insgesamt 8 Beiträge
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lemmy01 14.09.2010
1. Chuzpe
Das nenne ich Chuzpe. Erst einmal Kleinkapitalisten zulassen. Dann 500.000 Leute aus den Staatsbetrieben werfen und davon ausgehen, dass die noch gar nicht existierenden Kleinkapitalisten diese einstellen werden. Aber nein, Fidel ist missverstanden worden. Seine Aussage vor ein paar Tagen war nur ironisch gemeint...
Centurio X 14.09.2010
2. Den Kapitalismus in seinem Lauf...
Zitat von lemmy01Das nenne ich Chuzpe. Erst einmal Kleinkapitalisten zulassen. Dann 500.000 Leute aus den Staatsbetrieben werfen und davon ausgehen, dass die noch gar nicht existierenden Kleinkapitalisten diese einstellen werden. Aber nein, Fidel ist missverstanden worden. Seine Aussage vor ein paar Tagen war nur ironisch gemeint...
...halten weder Ochs noch Castro auf. Quo vadis Fidel Castro? Sollte das tatsächlich ein Signum von Altersweisheit sein? Die Welt ist voller Wunder!
Sabi 14.09.2010
3. Chinesierung
Zitat von sysopKuba steckt in einer schweren Wirtschaftskrise, jetzt plant die Regierung einen radikalen Schritt: Einer Gewerkschaftszeitung zufolge sollen in Ministerien und Staatsbetrieben die Jobs von einer halben Million Beschäftigten gestrichen werden. Das soll die Planwirtschaft stärken. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,717300,00.html
Das ist vielleicht der Anfang von Kommunistischen Kapitalismus à la Peking .In China wurden Millionen Arbeiter aus staatl. Betrieben entlassen, die nun als Arbeiter-Nomaden durchs Land ziehen um etwas zu arbeiten ?
Dodol 14.09.2010
4. Diese üblen Kapitalisten
Ich rufe einen Generalstreik aus gegen diese üblen Heuschrecken in Kuba. Schielen die doch nur auf ihren Profit und der kleine Mann muss es wieder ausbaden. Ein hoch auf den Kündigungschutz im deutschen Arbeiter und Beamtenparadies.
Kalaschnikowa 14.09.2010
5. Socialismo o muerte!
Zitat von sysopKuba steckt in einer schweren Wirtschaftskrise, jetzt plant die Regierung einen radikalen Schritt: Einer Gewerkschaftszeitung zufolge sollen in Ministerien und Staatsbetrieben die Jobs von einer halben Million Beschäftigten gestrichen werden. Das soll die Planwirtschaft stärken. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,717300,00.html
Bin mir sicher, dass die Bevölkerung Kubas diesen Weg begrüsst und ihren Kommandanten Fidel, Cienfuegos und Raul zujubeln werden........Socialismo o muerte! Patria o muerte!!
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