Kuba nach Fidel Castro "Reihen fest geschlossen halten, durchhalten"

Fidel Castro ist tot, in den USA regiert bald Donald Trump: Auf Kuba macht sich Unsicherheit breit. Wie es auf der Insel weitergeht, erklärt der Politologe Bert Hoffmann.

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Ein Interview von


Kuba verabschiedet sich von Revolutionsführer Fidel Castro, der im Alter von 90 Jahren gestorben ist. Fast ein halbes Jahrhundert war er an der Macht, viele jüngere Menschen auf der Insel kennen nur Castros Sozialismus. Am Sonntag wird seine Urne beigesetzt. Im Interview erklärt Kuba-Experte Bert Hoffmann, wie sich das Leben auf der Insel entwickeln wird, wenn die offiziellen Trauerfeiern vorbei sind.

Zur Person
  • GIGA Hamburg
    Bert Hoffmann ist Lateinamerika-Experte am German Institute of Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg und Professor für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Die politische und wirtschaftliche Entwicklung in Kuba verfolgt er seit Anfang der Neunzigerjahre. Er ist Autor zahlreicher Bücher zu dem Thema.

SPIEGEL ONLINE: Für die einen war Fidel Castro Hassfigur, für die anderen Idol. Was wird von seinen Ideen bleiben?

Bert Hoffmann: Von Castro und seiner Revolution wird nicht nur auf Kuba, sondern auch international das Versprechen sozialer Gerechtigkeit bleiben und das Versprechen einer Gesellschaft, an der alle Schichten und Bürger teilhaben. Castro hatte einen autoritären Politikstil, der in einem halben Jahrhundert keine einzige legale Demonstration gegen die Regierung zugelassen hat. Dass er für viele Menschen trotzdem eine so positiv besetzte historische Figur ist, hat damit zu tun, dass die kubanische Revolution soziale Anliegen, die ganz tief auch im christlichen Humanismus verankert sind - Gesundheit, Bildung, soziale Fürsorge - auf die Agenda gesetzt und in bemerkenswertem Maße umgesetzt hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen das die Menschen auf Kuba?

Hoffmann: Viele alte Menschen werden Fidel Castro immer würdigen. Für eine ganze Generation jüngerer Menschen aber ist er aber vor allem als kranker alter Mann in Erscheinung getreten in einem Land im Krisenmodus. Sie haben keine euphorische Aufbruchszeit erlebt. Fidel Castro wird in Kuba sehr unterschiedlich wahrgenommen, zwischen sozialen Schichten, zwischen Stadt und Land. Manche verdammen ihn, manche vergöttern ihn, manche sehen bei ihm Licht und Schatten. Man kennt seinen berühmten Satz: 'Die Geschichte wird mich freisprechen.' Aber es gibt in Kuba nicht eine, es gibt viele Geschichten und viele Perspektiven.

SPIEGEL ONLINE: Erwarten Sie einen Erinnerungskult auf Kuba?

Hoffmann: Für so eine historische Figur, so einen charismatischen Revolutionsführer ist sein Abschied bemerkenswert. Er ist vor zehn Jahren erkrankt und vor aller Augen gealtert, mit 90 Jahren gebrechlich gestorben. Das war kein heroischer Abgang als Held auf der Barrikade, mit der Waffe in der Hand. Dass diese historische, geradezu überdimensionale Figur so "normal" gestorben ist, hat auch etwas sehr Gesundes für die Gesellschaft. Dazu passt, dass er auf einem normalen Friedhof in Santiago de Cuba beigesetzt wird. Der Staat baut ihm kein Fidel-Mausoleum, keine Pilgerstätte wie für Mao oder Lenin, an der Massenaufmärsche vorbeiziehen - und wie sie es noch für Che Guevara gemacht haben!

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Ein Leben in Bildern: Mythos Fidel Castro

SPIEGEL ONLINE: Fidel regierte in den letzten Jahren nicht mehr mit, aber er behielt seinen Bruder Raúl immer im Auge. Kann Kubas Präsident jetzt befreiter agieren?

Hoffmann: Die Situation auf Kuba ist momentan sehr angespannt, aber das liegt nicht an Fidel Castros Tod. Erstens ist die Wirtschaftslage sehr schwierig, und zweitens erlebt Kuba nach der Wahl von Trump vermutlich das Ende der Entspannungspolitik mit den USA. Das birgt sehr viel Spannung, sehr viele Unsicherheiten. Große Reformen und Liberalisierung haben für die Regierung da keinen Vorrang, sondern: Reihen fest geschlossen halten, durchhalten.

SPIEGEL ONLINE: Von Donald Trump ist ein deutlich härterer Kurs gegenüber Kuba zu erwarten. Er hat Fidel Castro nach seinem Tod als brutalen Diktator verurteilt.

Hoffmann: Wenn Trump in den USA die Regierungsgeschäfte übernimmt, wird er vermutlich eine sehr aggressive Rhetorik und konfrontative Politik gegenüber Kuba fahren. Das ist ein riesiger Rückschlag für das, was Obama und Raúl Castro an Annäherung zustande gebracht haben. Auch die kubanische Regierung musste über einen großen Schatten springen. Am Ende saß Raúl Castro mit dem einstigen imperialistischen Erzfeind hemdsärmelig zusammen und schaute gemeinsam ein Baseballspiel.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht Kuba mit der schwierigen wirtschaftlichen Lage um? Das Land ist abhängig von Öllieferungen aus Venezuela, doch mit der Krise dort sind die Lieferungen drastisch reduziert worden.

Hoffmann: Die Unterstützung aus Venezuela ist weitgehend weggefallen, es gibt jetzt ein Sparprogramm. Viele öffentliche Einrichtungen haben verkürzte Arbeitszeiten, um Strom zu sparen. Die Versorgung ist schlechter geworden, die Bevölkerung unzufrieden. Darauf muss die Regierung reagieren - aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das derzeit mit einer weiteren wirtschaftlichen Öffnung tut. Nicht Öffnung dürfte ihr Gebot der Stunde sein, sondern Kontrolle.

SPIEGEL ONLINE: Raúl Castro, der die Öffnung vor ein paar Jahren eingeleitet hatte, will noch bis 2018 regieren. Dann sollen Jüngere an die Macht. Wie könnte die Zeit nach Raúl aussehen?

Hoffmann: Wenn Raúl abtritt, endet die Ära Castro. Es ist der Abschied der historischen Generation. Die nach 1960 Geborenen werden in die erste Reihe treten. Aber niemand wird die Machtfülle von Fidel oder Raúl erreichen. Beide waren nicht nur Präsident, sondern auch Erster Sekretär der Kommunistischen Partei und oberster Militär des Landes. Diese drei Funktionen werden, denke ich, in Zukunft auseinanderfallen und auf verschiedenen Schultern liegen. Es wird viel darum gehen, die unterschiedlichen Interessen im Apparat auszubalancieren. Aber solange es eine gemeinsame Bedrohung gibt, und Trump seine Rhetorik verschärft, wird das die Kader zusammenschweißen.

insgesamt 12 Beiträge
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leibnizkekse 03.12.2016
1. Und wenn der Hahn kräht auf dem Mist
ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist. So könnte man die Prognosen des erwählten Experten umschreiben. Hoffentlich hat dieser dafür nicht auch noch Geld erhalten.
gehirngebrauch 04.12.2016
2. es wird
so kommen wie mit der sowjetunion, bloß ein bisschen schneller, da nicht so viele rohstoffe zur verfügung stehen und auch die menschlichen ressourcen viel geringer sind. auch hat sich fiedel seinerzeit nicht um eine sich selbst tragende volkswirtschaft gekümmert. es kommt also ziemlich bald zum völligen zusammenbruch und einer neuausrichtung des gesamten lebens.
ulli7 04.12.2016
3. Kuba ist weiterhin ein Überwachungsstaat
Mir hatte bei meinen zehn längeren Besuchen auf Kuba überhaupt nicht gefallen, dass man vom Staatssicherheitsdienst lückenlos überwacht wird. Zehn Prozent der Erwachsenen auf Kuba arbeiten haupt- oder nebenberuflich für die Staatssicherheit. Das ist mir unbegreiflich. Denn Kuba ist eine Insel und eine Opposition gibt es im Inland kaum. Das Castro-Regime kann sich auch ziemlich sicher fühlen, weil ein großer Teil der Bevölkerung die zurück gelassenen Immobilien der rd. zwei Millionen Exilkubaner nutzt. Bemerkenswert: die Mitglieder von Cuba Si, eine Arbeitsgemeinschaft in der Partei DIE LINKE, fahren heute noch regelmäßig mit Hilfslieferungen nach Kuba und lassen sich dort verwöhnen. https://cuba-si.org/
frank_ionitsch 04.12.2016
4. Hä?
Was ist den bitte der "christlichen Humanismus"? Der Vatikan hat die Menschenrechtscharta bis heute nicht ratifiziert.
thrashmail 04.12.2016
5. Reihen fest geschlossen, durchhalten
...bis ein Befreier kommt und die Kubaner aus dieser Zwangsjacke befreit !
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