Von Stefan Simons, Paris
Große Premiere, publizistische Vorschußlorbeeren und zum Ende des demokratischen Schauspiels doch keine Überraschung - nach Runde eins der Vorwahlen, gepriesen als "historischer Sieg des Kollektivs", liegen zwei gestandene sozialistische Karrierepromis vorne.
Denn mit François Hollande (39 Prozent) und Martine Aubry (30 Prozent) haben sich Frankreichs zwei Millionen linke Wähler für verdiente Genossen aus dem personellen Stammkader der Sozialistischen Partei (PS) entschieden: Aubry und Hollande gehören ideologisch fast deckungsgleich zur linke Mitte und sind eng vernetzt mit den lokalen und regionalen Organisationen gewählter Abgeordneter. Noch immer stellen diese alternden Hierarchen das Gros der treuen PS-Anhänger.
Nicht dass es an Alternativen gefehlt hätte: Immerhin erreichte Arnaud Montebourg, Anwalt und dezidierter Linker, überraschend 17 Prozent und deklassierte damit Ségolène Royal: Die gescheiterte Kandidatin von 2007 und Ex-Lebensgefährtin von Hollande brachte es auf bescheidene 7 Prozent; Manuel Valls, Verfechter eines realistischen republikanischen Kurses, der wegen seiner Ansichten in Fragen der Sicherheitspolitik bisweilen als "Sarko der Linken" apostrophiert wird, blieb abgeschlagen mit 5 Prozent. Und außen vor landete auch Jean-Michel Baylet (1 Prozent), Präsident der "Partei der Radikalen Linken", der die Chance nutzte, als Nicht-Sozialist in das Rennen der offenen Vorwahlen einzusteigen.
Gemeinsamkeiten trotz Unterschiede
Statt eines Nachwuchsvisionärs letztlich lieber doch die Vertreter des Parteiestablishments. Nach drei respektablen und wenig kontroversen TV-Debatten orientierte sich die kollektive Weisheit in den 9600 Wahllokalen offenbar an nur dem einen Kriterium: Welcher Sozialist hat die besten Karten, um Nicolas Sarkozy im nächsten Jahr aus dem Élysée zu vertreiben? Die Entscheidung an der Urne zeigt eindeutig: "Eher die alten Elefanten als junge Löwen".
Die beiden Dickhäuter Hollande und Aubry haben sich durch Fleiß und Geschick an die Spitze der PS gehangelt. Hollande, elf Jahre Generalsekretär der Partei, verfügt über solide Seilschaften bis an die Basis der PS; Aubry, die im November 2011 unter zwielichtigen Umständen den Chefposten übernahm, nimmt für sich in Anspruch, einen zerstrittenen und maroden Laden wieder auf Vordermann gebracht zu haben.
Trotz demagogischer Seitenhiebe gegen ihren Konkurrenten geht der Bürgermeisterin von Lille der Ruf nach, sie dränge nicht mit vollem Enthusiasmus zu den höchsten Ehren der Republik. So als fehle ihr - wie einst Vater Jacques Delors, der seinerzeit auf die PS-Kandidatur verzichtete hatte - die nötige Härte, der nachhaltige Biss. Aubry ist an diesem Eindruck nicht ganz unschuldig; immerhin war sie mit Dominique Strauss-Kahn einen umstrittenen "Pakt" eingegangen, der dem ehemaligen Chef des Weltwährungsfonds den Vortritt eingeräumt hatte. Erst nachdem dessen Ambitionen durch seine New Yorker Sex-Affäre gescheitert waren, übernahm Aubry die Kandidatenrolle.
Vorteil: Erfahrung
Nach einem langsamen Start ist der "Diesel" Aubry ("Le Nouvel Observateur") dennoch auf Touren gekommen. Bei den landesweiten Auftritten umwarb sie wichtige Wählerschichten: Lehrer, Sozialarbeiter, Bauern oder Eisenbahner. Ihre Strategie betont soziale Gerechtigkeit, wirkte dabei aber kleinteilig-verzettelt. Mit ihren deutlich linken Akzenten und ihren provokanten Ausfällen gegen die "Weicheier" in den eigenen Reihen, gelang es Aubry aber, ihre Anhänger zu mobilisieren. Der wichtigste Vorteil gegenüber dem Favoriten Hollande aber ist ihre Erfahrung als Ministerin für Arbeit - Aubry brachte im Parlament die 35-Stunden-Woche durch.
Hollande, trotz langer Politkarriere nie mit Ressortverantwortung in einer Regierung, konnte sich die Pole-Position erobern, weil er es innerhalb der vergangenen eineinhalb Jahren geschafft hat, sich ein quasi-präsidiales Profil zu geben. Der Ex-Parteichef und Ex-Lebensgefährte Royals, wenig wortgewaltig und ohne Charisma, galt beinahe als Mann ohne Eigenschaften.
Nicht mehr: Mit neuer Freundin, neuem Look und mühevoller Basisarbeit konnte der einstige Bohemien beim langen Marsch durch die Orts- und Regionalverbände die Genossen von seinen Ambitionen überzeugen. Zudem setzten Hollande und seine Equipe vor allem aufs ökonomische Rüstzeug. Angesichts der Dauerkrise ein enormer inhaltlicher Heimvorteil - vor allem nach dem Ausscheiden von IWF-Chef Strauss-Kahn.
Zweite Runde
So gravitätisch sich Hollande jetzt gebärdet, so staatsmännisch geschliffen ist mittlerweile sein Diskurs: Global, mit ein paar Schwerpunkten zu Jugend, Steuergerechtigkeit und Umverteilung der Arbeit - eine Dreifaltigkeit von Argumenten, die die schlimmsten Versäumnisse der Ära Sarkozy anspricht. Daneben bleibt der angehende Kandidat, trotz einiger kostspieliger Vorschläge etwa zum Thema neue Lehrerposten, unerbittlich beim Thema Sanierung von Haushaltsdefizit und Staatsverschuldung.
Martine oder François? Im Élysée wünschte man sich nichts lieber als die weibliche Gegnerin. Ihre schärferen Worte, ihre weiter links verankerte Rhetorik machen es leichter, sie als Radikale zu charakterisieren. Hollande könnte hingegen mit seinem beinahe überparteilichen Habitus bis weit in die politische Mitte auf Resonanz und Rückhalt stoßen: Für Nicolas Sarkozy, der nicht einmal seine eigenen rechts-konservativen Truppen hinter sich weiß, wäre der Mann aus der Corrèze daher der gefährlichere Gegner.
Doch die Entscheidung über den PS-Kandidaten wird nicht im Élysée getroffen, sondern bei der zweiten Runde der Vorwahlen - Rendez-vous, kommenden Sonntag zur selben Zeit: 9 bis 19 Uhr.
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