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Kundgebung in Ramallah: "Suha, bleib doch in Paris!"

Aus Ramallah berichtet Yassin Musharbash

Der Angriff von Arafats Ehefrau auf die neue palästinensische Führung ist nach hinten losgegangen: Auf einer Solidaritätskundgebung für den todkranken Präsidenten beschworen Demonstranten die Einheit der Nation und stellten sich hinter Abu Mazen und Abu Ala. Für Suha Arafat gab es nur Spott.

Ramallah: Solidarität mit dem todkranken Führer
REUTERS

Ramallah: Solidarität mit dem todkranken Führer

Ramallah - Zwar übertrieb die palästinensische Tageszeitung "Al-Ayyam" heute gewaltig, als sie von 1500 Demonstranten berichtete, aber immerhin gut 300 Palästinenser fanden sich gestern Abend zu einem Solidaritätsmarsch für ihren schwer krank in Paris liegenden "Rais" (Präsidenten) Jassir Arafat zusammen. Auch in den Westbankstädten Nablus und Tulkarem gab es Pro-Arafat-Kundgebungen. Redner aller Fraktionen, Parteien und Organisationen beschworen die Einheit der Palästinenser "unter diesen schwierigen Umständen".

Außerhalb dieser Einheit befindet sich, in den Augen der Palästinenser, Arafats ohnehin unbeliebte Ehefrau Suha - spätestens, seit sie gestern in einem Interview die gesamte palästinensische Führung angegriffen und als Erbschleicher dargestellt hatte, die "Arafat beerdigen wollen, obwohl er noch lebt". In Ramallah bekam sie für ihre Breitseite gestern die Quittung ausgestellt: "Suha, bleib doch in Paris, wir stehen hinter dem Rais", skandierten die Demonstranten. Ein halbes Dutzend vermummter und martialisch verkleideter Aktivisten der Arafat-treuen, militanten Al-Aksa-Brigaden verteilte Flugblätter, in denen sie versprachen, sich gegen jede Unterminierung der Autorität Arafats und sämtliche Spaltungsversuche zur Wehr zu setzen.

Etwas moderater formulierte der demokratische Oppositionspolitiker Mustafa Barghouti, dessen Bündnis "Palestinian National Initiative" neben der Arafat-Gruppierung Fatah und anderen Organisationen an dem Marsch teilnahm: "Jede Person, egal ob aus der Führung, der Familie des Präsidenten oder der Regierung, muss verstehen, dass es ihre Pflicht ist, dem palästinensischen Volk die volle Wahrheit über Arafats Zustand mitzuteilen."

Barghouti spielte damit, wie auch andere palästinensische Poltitiker, auf Suha Arafats Befugnis an, selbst zu bestimmen, wer in Paris an das Bett ihres Gatten treten darf und welche Informationen verbreitet werden dürfen. Selbst die regierungstreuen palästinensischen Zeitungen schrieben heute von einem "fast kompletten Informationsboykott", für den die First Lady der palästinensischen Gebiete verantwortlich sei.

Arafats Zustand "in der Nacht verschlechtert"

Mitglieder der Al-Aksa-Brigaden in der Westbank: "Suha, bleib doch in Paris, wir stehen hinter dem Rais"
REUTERS

Mitglieder der Al-Aksa-Brigaden in der Westbank: "Suha, bleib doch in Paris, wir stehen hinter dem Rais"

Zur Stunde befinden sich die beiden von Suha besonders attackierten Palästinenserführer Ahmed Kurei und Mahmud Abbas alias Abu Ala und Abu Mazen in Paris. Der amtierende Premierminister und sein Vorgänger, die Nummer zwei der PLO nach Arafat, wollen heute mit dem französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac zusammentreffen. In den palästinensischen Gebieten wird darüber spekuliert, dass die Unterredung dazu dienen soll, Chirac dazu zu bewegen, eine Offenlegung von Arafats Gesundheitszustand zu befehlen. Der Palästinenserpräsident wird in einem Militärkrankenhaus behandelt, Chirac habe also entsprechende Befugnisse, hieß es in Ramallah aus regierungsnahen Kreisen. Von sich aus hat die Gattin Arafats noch keine Signale gesandt, dass sie bereit sei, die beiden vorzulassen.

Sollte es Abu Ala und Abu Mazen, die im Laufe der vergangenen Woche Arafats Macht unter sich aufgeteilt haben, nicht gelingen, an Arafats Krankbett zu gelangen und Informationen einzuholen, droht ihnen eine Blamage gleich zu Beginn ihrer Interimsregentschaft. Sie würden ihr Gesicht verlieren, weil ihre Ohnmacht, sich gegen die als kompliziert und hysterisch geltende Suha und ihr Lager durchzusetzen, offenbar würde.

Viele Palästinenser gehen mittlerweile davon aus, dass nur Abu Ala und Abu Mazen die Autorität haben, Arafats Tod zu erklären. Insbesondere nachdem seit Tagen nur widersprüchliche Meldungen aus Paris dringen, denen zufolge Arafat mal in einem reversiblen und mal in einem unumkehrbaren Koma liegt, mal schon seit einer Woche hirntot sein soll oder sich gar auf dem Weg der Besserung befindet und seine Besucher anblinzelt. Heute Vormittag allerdings meldeten die Nachrichtenagenturen unter Berufung auf die französischen Ärzte, dass der 75-Jährige in ein "noch tieferes Koma" gefallen sei und sein Zustand sich "in der Nacht verschlechtert hat".

Suha endgültig diskreditiert

Auf den Straßen von Ramallah gehen die Bewohner ansonsten trotz der prekären gesundheitlichen Lage ihres Führers ihren täglichen Geschäften nach. Die Lage ist ruhig, wenn auch nervös. "Jeden Tag warten wir auf Nachrichten, jeden Morgen wachen wir auf, und wissen nicht, wie es dem Präsidenten geht", erklärt Hamid, ein 24-jähriger Bäcker. Vorbereitet sind alle auf den Tod des Rais. Auch wenn gestern nur 300 in Ramallah auf die Straße gingen, ist sich Hamid sicher, dass es, wenn die Nachricht des Todes des Präsidenten hier eintrifft, "viel mehr, eigentlich alle" sein werden.

Suha ist in den palästinensischen Gebieten wohl endgültig diskreditiert, und die Menschen sind sich einig, dass sie am besten nie wieder einen Fuß hierher setzen soll. Zwar erst auf Seite 30, aber immerhin, publizierte auch Arafats Hausblatt "al-Quds" heute die harschen Repliken der palästinensischen Führung auf Suhas Verbalattacke. "Suha Arafat repräsentiert weder das palästinensische Volk noch dessen Führung", wurde unter anderem ein hochrangiger Arafat-Berater zitiert.

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