US-Luftangriff in Kunduz Ärzte ohne Grenzen spricht von Kriegsverbrechen

Der US-Luftangriff auf ein Krankenhaus der Ärzte ohne Grenzen in Kunduz sorgt weltweit für Entsetzen: Die Hilfsorganisation nennt den Beschuss einen "schweren Bruch des Völkerrechts" - und fordert eine unabhängige Untersuchung.

Zerstörte Klinik in Kunduz: Fataler Fehlschlag
AP

Zerstörte Klinik in Kunduz: Fataler Fehlschlag


Die Zahl der Toten nach dem Luftangriff auf eine Klinik der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières - MSF) in Kunduz steigt weiter. Wie MSF-Sprecherin Christiane Winje mitteilte, kamen 22 Menschen ums Leben. Es handelt sich ihren Angaben zufolge um zwölf MSF-Mitarbeiter und zehn Patienten, darunter drei Kinder.

Der fatale Luftangriff in der nordafghanischen Stadt sorgt weltweit für Entsetzen - und bringt dem US-Militär harsche Kritik ein. Der Präsident der Hilfsorganisation, Meinie Nicolai, sprach von einem "schweren Bruch des Völkerrechts". MSF-Generaldirektor Christopher Stokes nannte den Angriff ein Kriegsverbrechen und forderte eine unabhängige internationale Untersuchung.

Die US-Luftwaffe hatte die Klinik in der Nacht zum Samstag offensichtlich aus Versehen bombardiert. US-Präsident Barack Obama beklagte eine "Tragödie", sprach den Opfern sein Beileid aus und versprach Aufklärung. Das US-Militär kündigte eine multinationale Ermittlung an. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon drang auf eine rasche, umfassende und unvoreingenommene Untersuchung. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg drückte seine Bestürzung aus.

Seit dem überraschenden Taliban-Angriff auf die nordafghanische Stadt Kunduz am Montag versuchen Regierungstruppen mit Hilfe der Nato, die Stadt wieder komplett unter Kontrolle zu bekommen.

Aus Sicht von Ärzte ohne Grenzen steht außer Zweifel, dass die US-geführte Militärkoalition die Klinik bombardiert hat, wo sich nachts 105 Patienten, Angehörige und gut 80 Mitarbeiter aufhielten. Der Nato-Sprecher in Afghanistan, Sernando Estreooa, erklärte, US-Streitkräfte hätten zur fraglichen Zeit einen Luftangriff nahe der Klinik durchgeführt. Dort hätten einzelne Personen die Truppen bedroht. Der Sprecher der US-Streitkräfte in Afghanistan, Brian Tribus, räumte ein, dabei könnte versehentlich die medizinische Einrichtung getroffen worden sein.

Nach Angaben von Ärzte ohne Grenzen wurden allen Konfliktparteien die genauen Geodaten ihrer Einrichtungen vorsorglich mehrfach übermittelt, zuletzt am 29. September. Nach Beginn des nächtlichen Angriffs habe man zudem das amerikanische und afghanische Militär erneut kontaktiert; dennoch habe der Beschuss noch mehr als 30 Minuten angehalten.

Von 2.08 bis 3.15 Uhr Ortszeit sei die Klinik in Intervallen von etwa 15 Minuten beschossen worden. Das zentrale Krankenhausgebäude mit Intensivstation und Notfallräumen sei wiederholt "sehr präzise" getroffen worden. "Gleichzeitig blieben umliegende Gebäude fast unberührt", erklärte MSF. Nach dem Luftangriff zog sich Ärzte ohne Grenzen aus Kunduz zurück.

Das afghanische Verteidigungsministerium erklärte, "eine Gruppe von Terroristen mit leichten und schweren Waffen" sei in der Klinik gewesen. Die Hilfsorganisation wies die Vorwürfe zurück, islamistische Taliban hätten in der Klinik Unterschlupf gefunden. Außer Mitarbeitern und Patienten sei niemand in der Klinik gewesen. Zudem sei jeder Patient - auch verwundete Taliban-Kämpfer - nach dem humanitären Völkerrecht ein nicht-kämpfender Zivilist. "In keinem Fall kann die Bombardierung eines funktionierenden Krankenhauses gerechtfertigt sein", hieß es.

wit/dpa/AFP

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