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Kunduz-Augenzeuge: "Es sah aus, als ob die Erde Feuer spuckt"

Waren die Bomben auf die Tanklaster bei Kunduz gerechtfertigt? Waren die Menschen um die Lkw wirklich Taliban? Zum ersten Mal spricht im SPIEGEL-ONLINE-Interview ein Augenzeuge über die Nacht des Bombardements bei Kunduz: Tanklastwagenfahrer Abdul Malek.

Tanklasterfahrer Abdul Malek: "Die Taliban stritten sich, ob sie mich gleich töten sollten" Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE/ Shoib Najafizada

Tanklasterfahrer Abdul Malek: "Die Taliban stritten sich, ob sie mich gleich töten sollten"

SPIEGEL ONLINE: Herr Malek, Sie fuhren einen der beiden Tankwagen, der am 3. September von den Taliban entführt und später bombardiert wurde. Wie hat die Entführung begonnen?

Abdul Malek: Wir waren an dem Tag mit zwei Tankern gegen 12.30 Uhr in Kunduz losgefahren in Richtung Süden und wollten in Richtung Kabul. Kurz nach dem Ortsausgang hatte ich eine Panne, also mussten wir anhalten. Nach der Reparatur konnten wir wieder starten, doch wenige Minuten später stoppten uns etwa 25 bewaffnete Männer, die den Weg versperrten.

SPIEGEL ONLINE: Was verlangten die Bewaffneten?

Malek: Dass die Männer Taliban waren, war uns gleich klar. Ungewöhnlich war nur, dass sie ärmlich gekleidet waren, noch nicht mal Schuhe hatten sie an. Sie bedrohten uns und sagten sie seien so arm, deshalb wollten sie den Tanker in ihr Dorf nach Omarkhil bringen, eine Ortschaft südwestlich von Kunduz. Dort wollten sie den Treibstoff abzapfen. Sie brauchten das Benzin aus dem Tanker in ihren Dörfern, sagten sie. Bei jeder Gegenwehr würden sie uns sofort erschießen.

SPIEGEL ONLINE: Wer führte die Männer an?

Malek: Einen richtigen Anführer hatten sie nicht. Gleich nachdem wir losfuhren - einige der Taliban waren bei mir im Führerhaus, andere trotteten zu Fuß hinter den Lastern her - telefonierten sie immer wieder mit Mullah Abdul Rahman, der in der Region südlich von Kunduz eine Hand voll Männer unter seinem Kommando hat. Er befahl ihnen, schnell zu kommen. Wenn wir nicht gehorchen würden, sollten sie uns hinrichten.

SPIEGEL ONLINE: In dem Dorf kamen sie aber nie an.

Malek: Als wir Omarkhil erreichten, herrschte Konfusion. Ich hatte den Eindruck, verschiedene Gruppen von Taliban bekämpften sich oder stritten sich um die Tanker. Jedenfalls hörten wir immer wieder Schüsse. Auch Mullah Abdul Rahman gab immer neue Befehle und Ziele für uns durch. Schließlich sollten wir den Kunduz Fluss überqueren. Die Taliban zeigten uns eine Strecke über eine Sandbank. Doch wir steckten schnell fest, alle Versuche, die beiden Laster zu bewegen, scheiterten. Die Taliban wurden böse, schrien uns an, schlugen uns mit ihren Kalaschnikows. Meinen Kollegen in dem anderen Truck erschossen sie.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Taliban waren da präsent?

Malek: Es waren immer noch die gleichen 25, vielleicht ein paar mehr. Nun aber telefonierten sie, riefen Freunde und Bekannte in den umliegenden Dörfern an. Sie sollten kommen und das Benzin aus den Tankern abzapfen. Einige Taliban-Kämpfer gingen auch in die Dörfer und riefen die Menschen über die Lautsprecher der Moscheen zusammen. Es dauerte nicht lange, da kamen immer mehr Dorfbewohner. Mit einem Traktor versuchten sie, die Tanker zu bewegen, doch es klappte nicht. Also organisierten die Bewaffneten, dass die Menschen das Benzin abzapften und mit Kanistern wegbrachten.

SPIEGEL ONLINE: Wer waren die Menschen, die das Benzin abzapften?

Malek: Es ist schwer zu sagen, es waren ja sehr viele Menschen. Zeitweise standen 200 Personen um die beiden Trucks, jeder wollte umsonst Benzin abzapfen. Es herrschte Chaos. Bewaffnet waren vielleicht 40 oder 50, sie organisierten Reihen, in denen sich die Menschen anstellten. Die anderen sahen aus wie Dorfbewohner, allerdings hatten manche ihre Gesichter vermummt. Die Menschen waren bestimmt normale Bauern aus den Dörfern, doch viele kannten die bewaffneten Taliban, begrüßten sie mit Namen und bedankten sich für das Benzin. In diesen Dörfern ist es schwer zu sagen, wer Taliban ist und wer nicht.

SPIEGEL ONLINE: Es sollen auch hochrangige Anführer der Taliban bei den Lastern gewesen sein.

Malek: Ich habe nur Mullah Abdul Rahman gesehen, er ist ein vielleicht 35 Jahre alter Mann mit einem dunklen Bart und einem schwarzen Turban. Er tauchte einmal kurz auf, als wir in einem Dorf anhielten und dann auch am Fluss, das muss so gegen 22 Uhr gewesen sein. Die anderen Taliban sagten, er sei ihr Anführer und alle gehorchten ihm. Abdul Rahman kam mit einem grünen Ford Pick-up der afghanischen Polizei angefahren, den seine Männer bei einem Überfall erbeutet hatten, darauf waren sie sehr stolz. Was er bei den Lastern machte, konnte ich nicht sehen, doch nach zehn Minuten verschwand er wieder. Ich glaube nicht, dass er getötet worden ist.

SPIEGEL ONLINE: War der B1-Bomber oder die beiden anderen Flugzeuge, welche die Szenerie beobachteten, am Fluss zu hören?

Malek: Wie viele Flugzeuge es waren oder welche, kann ich nicht sagen. Ich habe etwa ab 22 Uhr Fluglärm gehört. Es war aber recht leise, offenbar war das Flugzeug sehr hoch, doch in Afghanistan kennen wir diese Geräusche von Kampfjets. Manche der Menschen um die Trucks haben es sicher auch gehört, doch die meisten stritten sich darum, wer schneller sein Benzin bekommt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Taliban auf die Flugzeuge reagiert?

Malek: Die bewaffneten Männer wurden schon nervös, sie fingen auch wieder an, viel zu telefonieren. Ich dachte, sie rufen ihre Anführer an, fragen um Rat, was sie nun tun sollen. Irgendwann fingen manche an zu brüllen und fuchtelten mit ihren Waffen herum. Sie schrien, die Menschen sollten weg von den Lastern, es würden gleich Bomben fallen. Doch keiner wollte auf das Gratisbenzin verzichten. Manche der Bewaffneten sind dann auch weggelaufen, doch es war so unübersichtlich, dass ich nicht sagen kann, wie viele.

SPIEGEL ONLINE: Wo waren Sie zu dem Zeitpunkt?

Malek: Ich saß mit einigen Bewaffneten recht weit weg von den Tankern am Fluss, vielleicht 50 Meter entfernt. Die Männer stritten sich, ob sie mich gleich töten sollten oder ob sie mich als Geisel benutzen, um von meiner Firma Geld zu erpressen. Ich hatte große Angst, auch vor einem möglichen Bombardement.

SPIEGEL ONLINE: Die Bomben fielen dann ja auch.

Malek: Ich werde diesen Moment nicht vergessen. Es war erst ein lautes Summen, wie bei einem Kurzschluss in einem Generator. Dann gab es einen hellen Blitz. Ich habe mich einfach nach vorne fallen lassen und bin ins Wasser eingetaucht, doch selbst da spürte ich die Druckwelle. Es war für Sekunden taghell, dann wurde selbst das Wasser immer wärmer. Als ich auftauchte, stand um die Laster herum alles in Flammen, es sah aus, als ob die Erde Feuer spuckt, doch das war wohl das Benzin aus den Trucks. Es war unerträglich heiß und überall lagen Leichen, völlig verkohlt.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Tote lagen da?

Malek: Ich kann es nicht genau sagen, ich stand unter Schock. Vorher waren um die 120 Personen dort und nur wenige haben überlebt, glaube ich. Ein paar Taliban habe ich noch gesehen, sie rannten mit ihren Waffen vom Tatort weg. Ich hatte große Angst, also rannte ich einfach weg, bis ich nicht mehr konnte und versteckte mich in einem Reisfeld. Dort harrte ich bis zum Morgen aus. Immer wieder hörte ich, wie Menschen Tote und Verletzte vom Tatort holten, doch ich wollte nichts mehr sehen. Jede Nacht träume ich von den Bildern, die Nacht am Kunduz-Fluss werde ich wohl nie richtig verarbeiten können.

Abdul Malek, 42, wurde am Tag nach dem Bombardement auch von der afghanischen Polizei vernommen, seine Aussagen gingen in einen umfangreichen Untersuchungsbericht einer afghanischen Kommission mit Vertretern des Innenministeriums und anderer Sicherheitsbehörden ein. Dieser spricht von 69 getöteten Taliban und 30 zivilen Todesopfern.

Das Gespräch führte SPIEGEL ONLINE-Mitarbeiter Shoib Najafizada in Kabul

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Forum - Schadet das Kunduz-Krisenmanagement dem Ruf des Verteidigungsministers?
insgesamt 5369 Beiträge
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1.
AndyH 12.12.2009
Zitat von sysopVerteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat mit der Behandlung der Kunduz-Affäre erhebliche Probleme. Das kratzt am bisher glänzenden Bild des neuen Politstars. Schadet das Krisenmanagement dem Ruf des Verteidigungsministers? Diskutieren Sie mit!
Wieso Krise? Verstehe ich nicht. 2 LKW wurden geraubt und dann auf feindlichen Territorium vernichtet während sie geplündert wurden. Wo bitte ist da eine Krise oder Problem?
2.
Fliegendes Nashorn 12.12.2009
Zitat von sysopVerteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat mit der Behandlung der Kunduz-Affäre erhebliche Probleme. Das kratzt am bisher glänzenden Bild des neuen Politstars. Schadet das Krisenmanagement dem Ruf des Verteidigungsministers? Diskutieren Sie mit!
Nicht nur seinem Ruf - sondern auch dem der Bundeswehrführung. Die Vertreter der Bundeswehr haben schließlich in den Medien die Lügerei unterstützt.
3.
medienquadrat, 12.12.2009
Das Ansehen Deutschlands in Afghanistan, mit dem die ganze Zeit soviel Buhei gemacht wurde, ist im Eimer. Gut, jetzt ist der Spruch, "Deutschland wird am Hindukusch verteidigt" endlich mal in Deckung gebracht worden mit der Realität, aber die Deutschen sind die ganze Zeit ebenso belogen worden, wie die Afghanen. Die Regierungen unserer sogenannten Demokratie haben sich hinterhältig und verlogen an den wahren Krieg herangetastet, immer nach dem Motto, dass wir Michel mit dieser fraktionierten Realität irgendwann auch mit dem extremst Unvermeidlichen einverstanden sind. Ich sehe Deutsche Soldatinnen und Soldaten bereits Seite an Seite mit einer "Koalition der Willigen" in den Iran einmarschieren. Das dauert bestimmt nicht mehr lange.
4.
medienquadrat, 12.12.2009
Zitat von AndyHWieso Krise? Verstehe ich nicht. 2 LKW wurden geraubt und dann auf feindlichen Territorium vernichtet während sie geplündert wurden. Wo bitte ist da eine Krise oder Problem?
Das Problem ist, dass eine Eliteeinheit der Bundeswehr dort ebenfalls stationiert ist, deren Auftrag bestimmt nicht ist, afghanische Mädchen zu ermuntern, in die Schule zu gehen. Das Problem ist, dass sich ein Offizier der Bundeswehr offensichtlich über seine Befehle hinweggesetzt hat und Krieg spielen wollte. Wie kann ein einziger Bundeswehroffizier den Befehl geben, möglichst viele Taliban zu töten? Was hat die Eliteeinheit KSK in Afghanistan zu suchen? Warum vertuschen unsere Parlamentarier, die sogenannten "Volksvertreter" dieses Lügenkonstrukt? Warum belügt man uns? Das Problem ist, dass das, was wir Demokratie nennen, durch unsere eigenen Politiker in ein verlogenes Konstrukt von Vertuschung und Täuschung verwandelt wird. Meine Stimme bei der letzten Bundestagswahl ist aufgrund von Lügen erschlichen worden. Ich will meine Stimme zurück!
5. Kaum
Brand-Redner 12.12.2009
Zitat von sysopVerteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat mit der Behandlung der Kunduz-Affäre erhebliche Probleme. Das kratzt am bisher glänzenden Bild des neuen Politstars. Schadet das Krisenmanagement dem Ruf des Verteidigungsministers? Diskutieren Sie mit!
"Ist der Ruf erst ruiniert, lebst sich's danach ungeniert." Insofern hat Herr Baron wirklich nichts derartiges zu befürchten. Ob Letzteres auch für seine Dienstreisen nach Afghanistan gilt, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber glaubt man den herrschenden Meinungsmachern, dann ist er auch dort relativ sicher, denn: Dem afghanischen Volk läuft nach wie vor das Herz über vor lauter Liebe zu den Deutschen, die Ihnen nichts als Gutes bringen. Zumindest wird derartiges unaufhörlich behauptet...
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Fotostrecke
Besuch von Guttenberg: Krisenmanagement in Kunduz

Kunduz-Affäre: Die offenen Fragen
Welches Ziel hatte die Bombardierung?
AP
Das Bombardement nahe Kunduz galt offenbar mehreren Taliban-Kommandeuren. Der als geheim eingestufte Nato-Bericht über den Luftangriff kommt nach Informationen des SPIEGEL zu dem Ergebnis, Ziel der von Oberst Georg Klein befohlenen Bombardierung seien weniger die entführten Tanklaster als eine Gruppe von Taliban und ihre Anführer gewesen.

"Es ist schwer zu ergründen, warum der Fokus des PRT-Kommandeurs auf die Taliban in dem Zielgebiet gerichtet war und nicht allein auf die gestohlenen Tanklaster, die doch wohl die größte Bedrohung waren für die Sicherheit der PRT-Kräfte", zitiert der SPIEGEL den Bericht. PRT bezeichnet "Provincial Reconstruction Team", ein zivil-militärisches, regionales Wiederaufbau-Team.

Oberst Klein selbst schrieb demnach am 5. September an den Generalinspekteur, er habe die Tanklastwagen sowie die versammelten Aufständischen "vernichten" wollen. Bislang war von der Regierung vor allem die Sicherheit der Soldaten des nahegelegenen Feldlagers als Grund für den Abwurf zweier Bomben genannt worden.

Was wussten Kanzleramt und Kanzlerin?
DDP
Die Opposition verlangt Aufklärung von Kanzlerin Merkel, ob das Kanzleramt eine neue Strategie in Afghanistan mitgetragen hat. Zudem steht als Frage im Raum, ob die Informationen aus dem Nato-Bericht und die Notizen Kleins auch dem für das Verteidigungsministerium zuständigen Fachreferat im Kanzleramt und der Kanzlerin selbst bekannt waren. Merkels Sprecher Ulrich Wilhelm erklärte am Montag, die Bundesregierung werde auf die Rolle des Kanzleramts erst im Untersuchungsausschuss eingehen. "Dann wird sich das gesamte Bild ergeben, in welcher Weise im Kanzleramt diese Frage begleitet wurde und auch welche Informationen es zu welchem Zeitpunkt gab." Wilhelm wies den Vorwurf zurück, dass die Bundeswehr gegen das Mandat des Bundestages verstoßen habe.
Was wusste Minister Guttenberg?
REUTERS
Die Opposition wirft Guttenberg vor, er habe den Nato-Bericht gekannt, von einer gezielten Bombardierung der Menschen dort aber nichts erwähnt. SPD, Linke und Grüne sprechen deshalb von Verschleierung oder gar bewusster Täuschung und Lüge. Guttenberg bezeichnete kurz nach Amtsantritt am 6. November den Angriff in Kenntnis des Berichts als "militärisch angemessen". Diese Aussage nahm er später zurück. Die Kehrtwende begründete er damit, dass ihm Berichte vorenthalten worden seien.

Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan und Staatssekretär Peter Wichert mussten deswegen abtreten. Schneiderhan widersprach dem jetzt: Alle wesentlichen Informationen zum Bombardement seien im Nato-Bericht verarbeitet worden. Dieser habe Guttenberg zu Amtsantritt vorgelegen, ebenso ein Bericht des Internationalen Roten Kreuzes. Er und Wichert hätten Guttenberg dann am 25. November auf Nachfrage noch auf vier weitere Berichte hingewiesen. Guttenberg bleibt dabei, dass ihm relevante Dokumente vorenthalten worden seien.

Chronologie der Bombennacht
Klicken Sie auf die Zeiten für Details der Bombennacht vom 3. auf den 4. September 2009...
20.00 bis 22.30 Uhr Ortszeit
20.00 Uhr Ein afghanischer Informant meldet dem Bundeswehrcamp in Kunduz die Entführung zweiter Tanklaster aus einem Nato-Versorgungskonvoi bei Aliabad südlich vom Feldlager der Bundeswehr.

21.14 Uhr Uhr Auf Anforderung des deutschen Camps trifft ein B1-Bomber (Einsatzname "Bone 22") über der Region Kunduz ein, der zuvor eine andere Operation mit deutscher Beteiligung im Norden der Region unterstützt hat.

22.00 Uhr Der Informant der Bundeswehr meldet sich erneut und gibt an, die beiden Tanklaster steckten auf einer Sandbank fest.

22.30 Uhr Der B1-Bomber kann die beiden Laster nicht finden. Im Nachhinein stellt sich heraus, dass der afghanische Informant eine unklare Angabe des Orts durchgegeben hatte.
22.30 bis 1.30 Uhr
0.00 Uhr "Bone 22" lokalisiert die beiden Trucks auf einer Sandbank und sendet die ersten Schwarzweiß-Videobilder an die Kommandozentrale im deutschen Camp. Dort sitzen der Chef des Lagers, Oberst Georg Klein, und Oberfeldwebel W., der im Funkverkehr mit dem Einsatznamen "Roter Baron" auftritt. Die beiden Deutschen hocken vor einem "Rover"-Sichtgerät, einer Art Laptop mit Verbindung zur Kamera des Flugzeugs, und verfolgen die Bilder.

0.48 Uhr "Bone 22" meldet sich bei der Einsatzzentrale (Funkcode "Trinity") der Nato-Flotte. Der Bomber braucht neuen Treibstoff. Die Zentrale gibt Erlaubnis für die Rückkehr zur Basis ("RTB").

0.50 Uhr Aus dem deutschen Camp fragt "Roter Baron" erneut bei der Nato-Luftzentrale nach Unterstützung an. Von dort wird zurückgefunkt, dass eine direkte Feindberührung Voraussetzung für den Einsatz eines Kampfflugzeugs über Kunduz sei. Der deutsche Oberfeldwebel erklärt daraufhin per Funk, es bestehe Feindkontakt, im Nato-Jargon "troops in contact" oder TIC genannt, obwohl sich gar keine Nato-Soldaten oder afghanische Kräfte in der Nähe der beiden Tanker befinden.

1.08 Uhr Zwei F-15-Jagdbomber treffen über der Region ein. "Dude 15" und "Dude 16", so die Codenamen der Piloten, melden sich beim Kommandeur des deutschen Camps und liefern wieder Live-Bilder, welche die Deutschen auf dem "Rover"-Schirm verfolgen können. Einer der Piloten meldet: keine "friendly forces", also deutsche oder afghanische Truppen in der Nähe der Trucks. Nahe den Tankern sieht der Pilot rund 50 Aufständische, so seine Meldung. Der deutsche Oberfeldwebel bittet die US-Piloten, sechs Bomben fertigzumachen und in möglichst hoher Höhe über dem Tatort zu kreisen.

1.30 Uhr "Roter Baron" gibt Einsatzdetails zum Bombenabwurf weiter, erwähnt ausdrücklich, dass die Zeit dränge und keine alliierten Kräfte in der Nähe seien.
1.30 bis 2.30 Uhr
1.33 Uhr Einer der F-15-Piloten bittet das deutsche Feldlager um weitere Aufklärung des Tatorts. "Red Baron" hingegen gibt an die Piloten den eindeutigen Befehl des deutschen Oberst Georg Klein zum Abwurf von Bomben weiter. Sie sollen direkt auf die Sandbank gezielt werden.

1.36 Uhr Der Pilot fragt per Funk an, ob er eine Schleife in niedriger Höhe über die Tanker fliegen soll, um "die Personen auseinanderzuscheuchen". "Roter Baron" lehnt dies ab.

1.46 Uhr Der Pilot fragt per Funk, ob die Personen um die Tanker eine "unmittelbare Bedrohung" darstellen. Der Zustand des "imminent threat" ist die Voraussetzung für einen Bombenabwurf durch die Nato. Obwohl zu diesem Zeitpunkt weder Nato-Soldaten in der Nähe der Tanker sind und diese fast 15 Kilometer vom deutschen Camp entfernt feststecken, bestätigt "Roter Baron" die Anfrage und legitimiert damit den Angriff.

1.50 Uhr Zwei Bomben vom Typ GBU-38 werden abgeworfen.

2.28 Uhr Die beiden F-15-Jets fliegen erneut über den Tatort und melden 56 Tote, ohne jedoch weitere Details zu nennen. 14 Personen würden in Richtung Norden fliehen.
Im Morgengrauen
Im Morgengrauen treffen afghanische Sicherheitskräfte am Tatort ein. Leichen sind kaum noch zu finden, da die Dorfbewohner sie bereits abtransportiert und begraben haben.

7.00 Uhr Eine deutsche Drohne überfliegt das Gebiet. Außer den beiden Bombenkratern ist jedoch auf den Bildern nicht viel zu sehen.
Mittags
12.00 Uhr Ein deutsches Erkundungsteam trifft am Tatort ein, auch die afghanische Armee ist noch vor Ort. Leichen sind kaum noch zu sehen. Der Trupp notiert in seinem Bericht die beiden zerstörten Tanklaster, einen Traktor und ein Pick-up-Fahrzeug. Einem anderen Trupp wird berichtet, die Taliban hätten am Vorabend in einem nahen Dorf die Moschee betreten und Dorfbewohner gezwungen, mit ihren Traktoren beim Abtransport des Treibstoffs aus den feststeckenden Lastern zu helfen. 14 Dorfbewohner seien vermisst, also vermutlich bei den Angriffen getötet worden, so der Bericht der Deutschen - das erste sichere Indiz für zivile Opfer. Weitere Hinweise erhält ein Team, dass im Krankenhaus von Kunduz mehrere verletzte Kinder sieht und auch zwei Leichen von getöteten Teenagern gezeigt bekommt.

Guttenbergs Erklärung im Wortlaut
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"Militärisch nicht angemessen"
"Das, was vorhin die Debatte und die Diskussion so ausgelöst hat, war ein geäußerter Vorwurf, uns würde es nicht interessieren, wenn Menschen ums Leben kommen. Und ich kann nur sagen, dieser Vorwurf ist an Niveaulosigkeit nicht zu übertreffen. Ich glaube, das gilt für jeden hier in diesem Raum. (...) Das was sich in Kunduz am 4. September abgespielt hat, war natürlich nicht Routine. Und gestatten Sie mir, nachdem das Thema heute auch angesprochen wurde, und ich dem Parlament zugesagt habe, dass ich eine Neubewertung der Vorfälle in Kunduz vornehmen werde, dass ich Ihnen meine Neubewertung heute auch vortrage.

Meine Damen und Herren, jede Bewertung dieses Vorfalls hängt in hohem Maße davon ab, inwieweit man die Perspektive des in einer kriegsähnlichen, ja kriegsähnlichen, besonderen Situation stehenden Kommandeurs einnimmt oder den Vorfall primär unter dem Blick möglicher aber auch tatsächlicher Regelverstöße (...) sieht.

Ich darf in aller Klarheit sagen, dass Oberst Klein mein volles Verständnis dafür hat, dass er angesichts kriegsähnlicher Zustände um Kundus, angesichts anhaltender Gefechte in diesen Tagen, bei denen in diesen Tagen auch deutsche Soldaten verwundet wurden, unter seinem Kommando in diesen Monaten auch deutsche Soldaten gefallen sind, er - Oberst Klein - subjektiv von der militärischen Angemessenheit seines Handelns ausgegangen ist. Dafür hat er mein Verständnis. Und ich zweifele nicht im geringsten daran, dass er gehandelt hat, um seine Soldaten zu schützen (...).

Und jeder, der jetzt aus der Distanz, leise oder laut, Kritik übt, sollte sich selbst prüfen, wie man in dieser Situation gehandelt hätte. Und wie viel leichter erscheint es jetzt, sich ein Urteil über die Frage dieser Angemessenheit zu bilden, aus der Distanz mit auch für mich zahlreichen neuen Dokumenten, mit neuen Bewertungen, die ich am 6. November dieses Jahres noch nicht hatte. Und diese weisen im Gesamtbild gegenüber dem gerade genannten Komm-Isaf-Bericht deutlicher auf die Erheblichkeit von Fehlern und insbesondere von Alternativen hin. Zu dem Gesamtbild zählt auch, ein durch das Vorenthalten der Dokumente leider mangelndes Vertrauen gegenüber damaligen Bewertungen.

Und ich wiederhole noch mal: Obgleich Oberst Klein - und ich rufe das auch den Offizieren zu, die heute hier sind - zweifellos nach bestem Wissen und Gewissen sowie zum Schutz aller Soldaten gehandelt hat, war es aus heutiger, objektiver Sicht im Lichte aller, auch mir damals vorenthaltener Dokumente, militärisch nicht angemessen.

Und nachdem ich ohne juristische Wertung, das ist mir wichtig, meine Beurteilung diesbezüglich, rückblickend mit Bedauern korrigiere, korrigiere ich meine Beurteilung allerdings nicht betreffend meines Verständnisses von Oberst Klein. Und das ist auch der Grund, und das sage ich auch an dieser Stelle, weshalb ich Oberst Klein nicht fallen lassen werde. Das würde sich nicht gehören.

In Afghanistan wird auch künftig der Einsatz militärischer Gewalt notwendig sein, leider. Unsere Soldaten müssen sich schützen und verteidigen können. Und sie müssen den schwierigen und fordernden Auftrag in der ganzen Breite des Spektrums ausfüllen.

Und deshalb ist es wichtiger denn je (...) dass sie sich auf unseren vollen Rückhalt verlassen können und unser Verständnis für ihre schwierige Entscheidungssituationen, in denen sie immer wieder sein werden, auch entsprechend gegeben ist. Und gleichzeitig ist auch von unserer Seite alles, alles Machbare getan worden, um vergleichbare Fehler, ich habe auf diese Fehler auch schon am 6.11. hingewiesen, künftig zu vermeiden, und diesbezüglich im übrigen auch unmittelbar entsprechende Maßnahmen eingeleitet."

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