Kunduz-Bombardement Anwalt spricht von 179 zivilen Opfern

Die Zahl der zivilen Opfer bei der Bombardierung der beiden entführten Tanklaster in Kunduz soll weit höher sein als bisher befürchtet. Ein deutsch-afghanischer Anwalt geht nach schwieriger Recherche in Nordafghanistan von 179 Opfern aus - und fordert nun Entschädigung.

Wrack eines der beiden bombardierten Laster: Vorwürfe gegen die Bundeswehr
AP

Wrack eines der beiden bombardierten Laster: Vorwürfe gegen die Bundeswehr


Berlin - Mit drastischen Zahlen und heftigen Anschuldigungen gegen deutsche und afghanische Behörden ist der Bremer Jurist Karim Popal an die Öffentlichkeit gegangen. In einer eilig anberaumten Pressekonferenz am Tag des Rücktritts von Ex-Verteidigungsminister Franz Josef Jung beschuldigte der Anwalt die deutsche Bundesregierung eines Verbrechens, da sie sich um die zivilen Opfer des Bombenabwurfs nicht kümmere. Zudem bezeichnete er den Gouverneur der Provinz Kunduz, der die Luftschläge gerechtfertig hat, als "korrupt und kriminell".

Karim Popal, Afghane mit deutschem Pass, war nach den Angriffen am frühen Morgen des 4. September zweimal nach Kunduz gereist und hatte nach möglichen zivilen Opfern des von dem deutschen Oberst Georg Klein angeordneten Angriffs gesucht. Dabei will er nach eigenen Angaben 179 zivile Opfer festgestellt haben - eine Zahl, die selbst die höchsten Schätzungen weit übertrifft. Laut Popal jedoch sind bei dem Angriff fünf Taliban umgekommen, die nicht aus der Region stammten und seinen Worten nach nur für die Entführung der Tanklaster dort waren.

Statt den Taliban wurden nach Popals Recherchen so gut wie ausschließlich Dorfbewohner getötet. Demnach gab es 20 Verletzte und 139 Tote, 20 Menschen gelten noch als vermisst. Unter den Toten sollen 36 Kleinkinder sein.

Die Frage, wer bei dem Anschlag getötet worden ist, ist eine der zentralen Streitpunkte rund um dem Angriff. Afghanische Behörden behaupten seit dem Abwurf der beiden Bomben stets, die meisten der Toten seien Taliban oder zumindest Sympathisanten der Aufständischen. In Bundeswehrkreisen heißt es sogar, mehrere hochrangige Kommandeure seien bei dem Luftschlag ums Leben gekommen. Klären lässt sich die Frage vermutlich nie, da die Leichname der Getöteten umgehend begraben worden sind.

Für die angeblichen Opfer forderte Popal eine Entschädigung, wollte aber nichts über die Summe sagen. Mittlerweile sind der Berliner Anwalt Andreas Schulz, Experte in Schadensersatzklagen, und Oliver Wallsch, Fachmann für internationales Strafrecht, und der Berliner Anwalt Markus Goldbach ebenfalls in den Fall eingestiegen. Gemeinsam schickten sie bereits einen Brief an das Verteidigungsministerium, bisher kam aber keine Antwort.

Wallasch brachte als Idee eines humanitären Fond in Afghanistan ins Spiel, aus dem die Opfer des Anschlags Hilfe erhalten könnten.

Popals Recherche vor Ort

Bei seiner Recherche konnte Popal nicht wie geplant den Ort des Geschehens besuchen, da die Sicherheitslage und eine Militäroperation gegen die Taliban dies nicht zuließen. Stattdessen versammelte er bei mehreren Treffen Dorfbewohner aus der Region in der relativ sicheren Stadt Kunduz. Dort ließ er sich von ihnen Mandate unterschreiben, zumeist per Fingerabdruck. Als Beweis, dass es sich tatsächlich um Opfer des Bombardements handeln soll, sammelte er lediglich Ausweise, Wahlkarten und andere Papiere von den Angehörigen ein.

Nach dem zweiten Treffen in Kunduz beendete Popal seine Nachforschungen unfreiwillig. Nachdem er auf seinem Mobiltelefon von einem Anrufer, der sich als Taliban-Kommandeur Mullah Hassan ausgab, bedroht worden war, alarmierte er die Bundeswehr. Wenige Stunden nach dem Anruf evakuierte ihn ein Sondereinsatzteam aus dem Feldlager. Nach einer Nacht im Camp flog er nach Deutschland zurück. Höchstwahrscheinlich war der Anruf ein böser Scherz, den Behörden ist jedenfalls in der Region kein Kommandeur mit dem Namen bekannt.

Bei der Pressekonferenz schilderte Popal drastische Beispiele von Opfern. So seien durch den Angriff nun 163 Kinder ohne Eltern, unter den Opfern bei dem Bombenabwurf seien allein 20 Frauen gewesen. Laut seinen Angaben hätte der Distriktchef von Chahar Darreh diese Zahlen bestätigt. Dieser hatte in der Vergangenheit stets davon gesprochen, dass bei dem Angriff hauptsächlich Taliban getötet worden waren, diese Aussagen sind auch in offiziellen Gesprächsprotokollen nach dem Angriff festgehalten.

Zurück aus Afghanistan warf Popal den afghanischen Behörden in Person des Gouverneurs von Kunduz, Mohammed Omar, eine Vertuschung der wahren Folgen des Angriffs vor. So habe der Gouverneur nach dem Bombardement viele Leichen verschwinden lassen. Popal bezeichnete den Gouverneur als "korrupt". Omar hatte kurz nach dem Angriff 30 Personen eine Entschädigung von bis zu 2000 Dollar gezahlt. Wie der Gouverneur die Personen ausgewählt hatte, war damals nicht festzustellen.

Wie das Team der Juristen weiter vorgehen wird, hängt von der Reaktion des Verteidigungsressorts ab. Dort bezweifelt man, dass Popal tatsächlich aussagekräftige Mandate und Belege hat, dass es sich bei seinen Mandanten tatsächlich um Opfer des Luftangriffs handelt. Gleichwohl hieß es im Ministerium, dass vom Feldlager Kunduz alle Schritte unternommen würden, um möglichen zivilen Opfern zu helfen und auch die betroffenen Ortschaften durch Hilfsprojekte zu unterstützen.

mgb



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SaT 08.11.2009
1. abziehen oder ewig weiterkämpfen
Wieso siegen? Da keine Kriegsziele existieren kann man im Grunde weder gewinnen oder verlieren sondern nur abziehen oder ewig weiterkämpfen. Vorschlag: wir erklären uns zum moralischen Sieger und ziehen mehr oder weniger geordnet ab. Dem korrupten Karzeiclan, Warlords und die Drogenbarone unserer Wahl geben wir halt soviel Waffen, dass die das Thema Taliban alleine in den Griff bekommen. Wir überlassen Afghanistan den Afghanen und kümmern uns endlich um unsere eigenen Probleme – davon gibt es genug.
Ökopit 08.11.2009
2. Westlich und Islam ...
Zitat von sysopZweifelhafte Präsidentschaftswahlen, ständig neue Angriffe der Taliban, umstrittene Bombardements - mit welcher Strategie können die westlichen Alliierten in Afghanistan siegen?
... schließt sich naturgegeben aus! Die beste Strategie in Afghanistan wäre ein kompletter (und sofortiger) Rückzug des Westens - nicht nur der Truppen, auch aller zivilen "Möchtegern-Helfer" und natürlich der Krämerseelen! Nur, das geht leider "geostrategisch" nicht, denn wer "die Passhöhen des Hindukusch" beherrscht, kann, wenn er will, ganz Asien beherrschen! Die Engländer haben das im 19. Jahrhundert nicht geschafft, die Sowjetunion ab 1980 auch nicht! Die Ami's und ihre Vasallen (leider gehört Deutschland dazu) versuchen das seit 2001! Ich gönn ihnen den Erfolg nicht!
ewspapst 08.11.2009
3. Nur Siegen?
Zitat von sysopZweifelhafte Präsidentschaftswahlen, ständig neue Angriffe der Taliban, umstrittene Bombardements - mit welcher Strategie können die westlichen Alliierten in Afghanistan siegen?
Hier das Ausgangsthema. Ist der Krieg in Afghanistan noch zu gewinnen? Natürlich ist der Krieg zu gewinnen. Haben Sie sich als Forist hier nicht die vielen Militärexperten, Generalsdoppel, Humanisten und göttergleiche Juristen, ja selbst Philosophen, die alle ein ungemein umfassendes und unbedingt richtiges Wissen mitbringen, angeschaut. Ihr Spezialwissen übertrumpft alle, denn das haben sie uns oft genug gesagt. Und warum sollen wir ihnen nicht glauben? Ihre Erkenntnisse erfüllen uns täglich mit staunen, ob der vielen Darbietungen. Sie alle wissen viel besser als die afghanische Bevölkerung, unter welchen Bedingungen dort gelebt werden soll und muss und bringen uns Unwissende alles haarklein nahe. Es ist doch ganz klar, dass die westliche Intelligenz viel klarer definieren kann, was gut und böse ist und was einem Paschtunen natürlich nicht möglich ist. Wie Wahlen zu werten sind, können doch nur die politisch vorgebildeten Nato - Angehörigen. Die westliche Welt hat über lange Zeit nur nach Recht und Gesetz gehandelt, nur um der Menschlichkeit willen und ist deshalb in der Lage, dieses Wissen und Handeln an die dritte Welt weiterzugeben, die dann ebenso handeln soll, ganz besonders die Afghanen. Haben Sie diesen Worten geglaubt? Natürlich, denn sie werden uns doch täglich ohne Unterbrechung frei Haus geliefert. Dann werden „Sie “ diesen Krieg auch gewinnen, „wir “ Ungläubigen dagegen nicht. Übrigens, warum haben die Russen, die Inder, die Pakistani, die Engländer, wieder die Russen und dann auch die Amerikaner die Kämpfe nicht gewonnen? Die genannten EXPERTEN werden es Ihnen mit vielen Worten und rechtsphilosophischen Erläuterungen sagen.
mark anton, 08.11.2009
4. Ist die Haltung der D Feigheit vor dem Feinde?
oder wie wuerde man es bezeichnen koennen? Auch wenn der Ausgang in Afghanistan wegen der vielseitig unguenstigen und unueberbrueckbaren Problemen negativ ist, haette man als Verbuendeter seine Verpflichtungen nachkommen muessen. Was, wenn D einmal Verbuendete braucht - die Nato koennte dann auch sagen, wir erinnern uns an Kunduz und verhalten uns ebenso.
Stahlengel77, 08.11.2009
5.
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,660064,00.html Na prima. Das US-Militär operiert in dem von der Bundeswehr kontrollierten Bereich zusammen mit afghanischer Miliz. Wir können an fünf Fingern abzählen, was das für unsere Soldaten bedeutet: Weitere Destabilisierung, die Taliban werden mehr Zulauf bekommen und wie das bei den Paschtunen so ist, wird die Blutrache ausgerufen und dann wird nicht mehr unterschieden, welches Nationalitätenzeichen auf einer Uniform prangt. Es steht außer Zweifel, das wir mit vermehrten Anschlägen und Angriffen auf unsere Soldaten rechnen müssen nach der Offensive. Und wenn die von der Bundeswehr besetzte Region durch die US-Militärs so richtig aufgemischt wurde, wird eine Aufstockung des Mandats notwendig sein. Ob es dafür eine Mehrheit im Bundestag gibt, wenn auch endlich offiziell von einem Krieg gesprochen wird, ist fraglich. Am Ende werden unsere Soldaten in Afghanistan alleine gelassen, wenn sie das nicht schon sind. Wenn ich von Soldaten, die aus dem Einsatz kommen, hören muss, das sie sich ihre Ausrüstung immer noch selbst kaufen müssen, das sie unter schwierigsten Bedingungen mit unzureichendem Material ihren Aufgaben nachkommen müssen, das die Bevölkerung ihnen weitgehend feindlich gesonnen ist und sie quasi mitanschauen müssen, wie Warlords unbehelligt ihren Opiumanbau vorantreiben und damit enorme Gewinne erzielen (und dagegen nicht vorgegangen wird), da fragt man sich wirklich: Was haben wir dort überhaupt verloren? Die geplante Pipeline der Amerikaner schützen? Abortmücke am Hintern Chinas spielen? (Es ist längst bekannt, das die Taliban einen guten Teil ihrer Waffen aus China gesponsert bekommen) Noch heute bin ich der Meinung, das Struck, Fischer und Schröder juristisch zur Rechenschaft gezogen gehören, da sie deutsche Soldaten in einen Angriffskrieg der USA geschickt haben. In tausenden von Jahren hat niemand es geschafft, diese Region dauerhaft zu besetzen. Nur Wahnsinnige glauben, man könnte dort einen Krieg gewinnen.
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