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Gewalt in Kunduz: "Die Taliban zeigen ihr wahres Gesicht"

Von und Shoib Najafizada, Kabul

Nordafghanistan: Der Kampf um Kunduz Fotos
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Als die Taliban in Kunduz einfielen, versprachen sie Ruhe und Sicherheit. Einwohner aber berichten von einem brutalen Regime, Todeslisten und Vergewaltigungen. Erinnerungen an die dunklen Neunzigerjahre werden wach.

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Als die Taliban kamen, rechnete Mohammed Azizi mit dem Schlimmsten.

Es war gegen 8.30 Uhr am Montagmorgen, der Chirurg Azizi stand in Schutzkleidung am Operationstisch, da stürmte eine Gruppe von Bewaffneten in die Notaufnahme des Hospitals von Kunduz . "Ich dachte, nun ist alles vorbei, dass wir nun alle erschossen werden", erinnert sich der hagere Arzt, der seit gut fünf Jahren in der Klinik der nordafghanischen Stadt arbeitet.

Doch es kam anders. Fast höflich zog einer der bewaffneten Männer Azizi zur Seite, begrüßte den Arzt und beruhigte ihn. "Wir sind Taliban, wir haben Kunduz erobert, aber ihr müsst euch keine Sorgen machen", sagte der Kämpfer. "Wir sind keine Tiere, wir sind Menschen wie ihr auch". Nur eine Forderung hatte der Kämpfer, der Arzt sollte ihn durch die Klinik führen, er und seine Männer müssten das Krankenhaus nach verletzten afghanischen Soldaten durchsuchen und ihnen die Waffen abnehmen.

Was sich in der nächsten Stunde in dem Hospital abspielte, kann Azizi bis heute nicht recht glauben. "Die Taliban befolgten alle meine Bitten, zogen sogar ihre verdreckten Schuhe und Umhänge aus, wenn sie in die Behandlungszimmer wollten", erzählt er. Mit den völlig verängstigten Patienten hätten die Kämpfer ganz ruhig gesprochen, niemand sei bedroht worden. Von ihm und dem Kommandeur schoss Azizi sogar ein Selfie, auf dem unscharfen Bild grinsen die Kämpfer neben dem Arzt, fast wie auf einem Freizeit-Trip.

Taliban-Einheiten in den Straßen von Kunduz: Immer wieder wird gemordet Zur Großansicht
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Taliban-Einheiten in den Straßen von Kunduz: Immer wieder wird gemordet

Die Episode passt zu den Statements, die der neue Taliban-Anführer Mullah Akhtar Mansour am Montag per Twitter und auch auf Englisch verbreiten ließ.

Detailliert befahl er seinen Kämpfern, Zivilisten zu schützen, nicht zu plündern und nur die afghanische Armee zu bekämpfen. Den Bürgern versicherte er, sie könnten "in absoluter Sicherheit" leben. Die Taliban seien nicht gekommen, um wie in der Neunzigerjahren Schrecken zu verbreiten. Stattdessen wollten sie effektiver als die jetzige Regierung verwalten.

"Es war der pure Horror"

Dutzende Telefon-Interviews mit Einwohnern von Kunduz in den folgenden Tagen jedoch zeichnen ein anderes Bild. Teils erschütternd detailliert schilderten sie SPIEGEL ONLINE, wie die Taliban in Kunduz ein Schreckensregime etablierten, das eben doch an die dunklen Tagen ihrer Herrschaft über Afghanistan erinnert. "Wir sind wie in einem Gefängnis, in dem die Wärter jeden Moment die Tür aufbrechen und uns töten können", beschrieb etwa Omid die Lage. Mit seiner Familie versteckt er sich seit Tagen meist im Keller seines Hauses. Mehr als seinen Vornamen will er nicht veröffentlicht sehen.

Der Familienvater beschrieb eine Szene vom Dienstag. Mitten in der Stadt hätten die Taliban Einwohner versammelt und ein Standgericht abgehalten. Weil sie angeblich für die Regierung arbeiteten, wurden vier Männer innerhalb von Minuten von einem Imam zum Tode verurteilt. "Nachdem Kämpfer die vier Männer mit Kopfschüssen hingerichtet hatten, fuhren mehrere Pick-ups immer wieder über die Leichen, dabei wurde gejubelt", erzählt Omid. "Uns zwang man, das grausige Spektakel anzusehen".

Ein anderer Einwohner, der aus Angst nicht mit Namen genannt werden möchte, berichtete von Gruppen der Taliban, die mit einer Art Fahndungsliste mit Namen von Regierungsbeamten durch die Straßen von Kunduz liefen. Haus um Haus wurde abgesucht. Als sie bei seinem Nachbarn ankamen, hätten mehrere Taliban zunächst die Frau und die Tochter der Familie vergewaltigt, der Mann habe dabei zusehen müssen. "Danach führten sie die Familie auf die Straße und erschossen sie", erzählt der Mann. "Es war der pure Horror."

Viele dachten, die Taliban hätten sich geändert

Horia Mosadiq kennt die brutalen Geschichten der vergangenen Tage. Für die Menschenrechtsorganisation Amnesty International sprach auch sie per Telefon mit Einwohnern von Kunduz oder befragte diejenigen, denen die Flucht gelungen war. "Die fürchterlichen Berichte, die wir bekommen haben, zeichnen das Bild eines Terrorregimes der Taliban während ihrer Machtübernahme", sagt sie.

Auch die lokalen Mitarbeiter von internationalen Organisationen leben in Angst. Zwar ist die Armee in die Stadt eingerückt und versucht die Taliban zu vertreiben. In zahlreichen Vierteln ist das bereits gelungen. Die USA fliegen Luftangriffe gegen Taliban-Stellungen.

Soldaten der afghanischen Armee: Teile von Kunduz sind zurückerobert Zur Großansicht
DPA

Soldaten der afghanischen Armee: Teile von Kunduz sind zurückerobert

Trotzdem ziehen in manchen Stadtteilen Todeskommandos umher. Bei sich tragen sie Personallisten, die ihnen bei Plünderungen in den Büros der Uno oder der Entwicklungsagentur GIZ in die Hände gefallen sind. Einige der gelisteten Mitarbeiter befinden sich noch in Kunduz, sie halten sich versteckt

Die Schreckensmeldungen haben die Stimmung in Kunduz verändert. "Anfangs dachten viele hier, die Taliban hätten sich tatsächlich geändert", sagt Familienvater Omid. "Deswegen wurden sie teilweise auch mit Jubel begrüßt." Nun zeigt sich, dass alle Ankündigungen über Recht und Ordnung nur Propaganda waren oder die Kämpfer die Anordnung schlicht nicht befolgten. Für Omid hat das Morden auch eine "positive" Seite. "Die Taliban zeigen ihr wahres Gesicht", sagt er. "Niemand kann sich Illusionen machen, was sie in Afghanistan vorhaben."

Im Video: Krankenhaus in Kunduz bei US-Luftangriff zerstört


Zusammengefasst : Bei ihrem Einmarsch in Kunduz verkündeten die Taliban noch großspurig, der Zivilbevölkerung drohe keine Gefahr. Nun zeigt sich: Die Islamisten morden, verhaften, vergewaltigen. Mit erbeuteten Listen jagen ihre Todeskommandos die lokalen Mitarbeiter von internationalen Organisationen. Viele Bewohner halten sich versteckt.

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insgesamt 90 Beiträge
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1. Gesicht
scosima 03.10.2015
Hätten die Taliban denn jemals ein anderes Gesicht ?
2. Raushalten
dieter 4711 03.10.2015
Wer hätte etwas anderes erwarten können. Trotzdem war die Beteiligung an dem Krieg in Afghanistan ein Fehler. Genauso wie im Irak sind die örtlichen Regime, ohne Hilfe des Westens, nicht in der Lage sich zu behaupten.
3. Der Westen...
sorbas2013 03.10.2015
...und die Bundeswehr wahren ja anscheinend sehr effektiv. Milliarden Euros verpulvert und ein bisschen Cowboy und Indianer gespielt...Arbeitsbeschaffungsmassnahme und Spielplatz für ein paar Möchtegernsoldaten/Rambos und für ahnungslose Politiker.
4. Man muss schon sehr blauäugig sein
mulli3105 03.10.2015
um zu glauben, dass die Neandertaler der IS und/oder Taliban in irgendeiner Weise das Volk "schützen" würden. Es geht darum, über diese Terrorsysteme den wahren Islam zu zementieren und das Land von Ausländern und Ungläubigen zu säubern. Warum wir da immer noch versuchen, mit dem Einsatz von Soldaten westliche Wertvorstellungen zu zementieren ist mir unklar. Diese Kultur der Gewalt und Unterdrückung ist nicht zu ändern - raus aus diesem Land, lasst sie alleine mit ihrem Gottesstaat. Ich wüßte nicht, was für Ambitionen wir hätten, hier als Besatzer aufzutreten. Aber es gehört wohl ebenso zum festen Willen der deutschen Regierung, den Rest der Welt zu retten
5. Mit solchen Horrorgeschichten
Bernhard.R 03.10.2015
soll die öffentliche Meinung für einen neuen Kriegseinsatz in Afghanistan bereit gemacht werden.
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Fläche: 652.864 km²

Bevölkerung: 26,023 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staatsoberhaupt:
Ashraf Ghani Ahmadsai

Regierungschef: Abdullah Abdullah

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