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Kunduz: Karzai und McChrystal erklären deutsches Einsatzgebiet zur Krisenzone

Von und Shoib Najafizada, Kabul

VIP-Besuch mit Signalwirkung: Afghanistans Präsident Karzai und US-Chefkommandeur McChrystal haben in Kunduz Stammesführer umworben - und die Deutschen mit ihrer Spontanreise überrascht. Diplomaten erwarten, dass mitten im Gebiet der Bundeswehr eine Großoffensive bevorsteht.

Krisenzone Kunduz: Spontaner Besuch von Präsident und Isaf-Chef Fotos
AP

Der afghanische Präsident Hamid Karzai hat gemeinsam mit dem Chef aller Nato-Truppen in Afghanistan das nordafghanische Kunduz besucht. Bei dem spontanen Besuch unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen am Sonntag trat Karzai mit US-General Stanley McChrystal vor Würdenträgern der Region auf. In seiner Rede erneuerte er sein Angebot, Kämpfer und auch Kommandeure der Taliban wieder in die afghanische Gesellschaft zu integrieren, wenn diese ihre Waffen niederlegen.

Der kurze Besuch von Karzai und McChrystal im Krisenherd von Nordafghanistan hatte Symbolcharakter. Zum einen sollte er signalisieren, dass die Nato trotz der heftigen Spannungen zwischen den USA und dem afghanischen Präsidenten weiter mit Karzai kooperiert - zumal die US-Minister Hillary Clinton und Robert Gates an diesem Sonntag Entspannungssignale an ihn sendeten. Zum anderen machte Karzai klar, dass er trotz seiner vielen kritischen Äußerungen über tote Zivilisten bei Nato-Angriffen, trotz seiner absurden Tiraden gegen den Westen zumindest mit dem militärischen Chef der Schutztruppe Isaf zusammenarbeiten will.

Für Deutschland ist der Besuch ein Zeichen, dass in Kunduz in naher Zukunft größere gemeinsame Einsätze der US-Armee mit afghanischen Einheiten gegen die Taliban bevorstehen. Diplomaten erwarten gar, dass es rund um den Bundeswehrstandort in diesem Sommer eine Großoffensive ähnlich wie vor einigen Wochen in Mardscha in Südafghanistan gibt. Konkret sprach Karzai dies in Kunduz nicht an - allerdings hatte er auch in Helmand vor dem Einsatz ähnliche Treffen organisiert, um für Rückhalt bei den Stammesführern zu werben.

Deutscher Offizier: "Die USA nehmen uns das Heft aus der Hand"

McChrystal hielt sich bei dem Treffen bewusst zurück. Die US-Armee verstärkt derzeit ihre Einheiten in Nordafghanistan massiv. Rund 5000 Soldaten und mehr als 70 Hubschrauber sollen möglichst bald im Bundeswehrgebiet stationiert sein. Dass die US-Kampfeinheiten lediglich die Ausbildung der afghanischen Armee und der Grenzpolizei verbessern sollen, glaubt niemand mehr. Vielmehr hat Vier-Sterne-General McChrystal Kunduz als zweite Krisenzone nach der Taliban-Hochburg Kandahar identifiziert und will den Kampf dort viel aggressiver führen.

Für die Nato hat Kunduz eine zentrale Bedeutung. Die neue Logistikroute der Allianz führt durch die bisher von den Deutschen kontrollierte Provinz. Schon jetzt bedrohen die Taliban durch Anschläge auf Konvois und Überfälle auf Transporte den reibungslosen Nachschub von Sprit, Waffen und Ausrüstung. Das Kalkül der US-Armee: Mit einem harten Durchgreifen gegen die vor allem in der Region Chahar Darreh südwestlich von Kunduz beheimateten Aufständischen soll deren Schlagkraft deutlich vermindert werden.

Einen glühenden Unterstützer haben die US-Truppen im Gouverneur der Provinz Kunduz gefunden. Bei dem Treffen mit Karzai forderte Mohammed Omar erneut ein härteres Durchgreifen der Nato-Truppen. "Die Situation wird sich nicht nur hier verschlechtern, sondern auch andere Provinzen in der Region destabilisieren", sagte Omar. Konkret redete er über die strikten Einsatzregeln der Deutschen, die ein offensives Durchgreifen gegen die Taliban verhinderten. Omar hatte in der Vergangenheit die rigiden Aktionen der US-Armee stets gelobt. Nun forderte er alle Nato-Nationen auf, Kampftruppen in den Norden zu verlegen.

Welche Rolle die Bundeswehr bei einer Offensive gegen die Taliban spielen wird, ist weitgehend unklar. In den vergangenen Wochen beobachteten die Deutschen fast jede Nacht Zugriffe von US-Spezialeinheiten im unmittelbaren Umfeld des Camps. Zwar wird die Bundeswehr über die Einsätze der nicht gerade zimperlichen Elite-Krieger in der letzten Zeit meist informiert. Wen diese aber festnehmen oder töten und was die Gesamtstrategie der USA in Kunduz ist, das erfahren die Deutschen nicht. "Die USA nehmen uns das Heft des Handelns aus der Hand", sagt ein hoher Offizier.

US-General McChrystal wirbt in Berlin um Unterstützung

Die deutsche Rolle in Kunduz zeigte sich symbolisch auch bei dem VIP-Besuch. Erst in letzter Minute wurde das Feldlager über den hohen Besuch informiert. Zumindest den Kommandanten des Camps, Oberst Reinhardt Zudrop, lud Karzai ein, mit ihm zu dem Treffen zu kommen. Für den zivilen Leiter der deutschen Mission war hingegen trotz Bemühungen der Botschaft in Kabul kein Platz. Immerhin bedankte sich Karzai in seiner Rede dafür, dass sich Kanzlerin Angela Merkel für die sechs von der Bundeswehr versehentlich erschossenen afghanischen Soldaten entschuldigt hat.

In den Details seiner Rede erneuerte Karzai sein Angebot an die Taliban, ihre Waffen niederzulegen. Mit viel Pathos inszenierte er sich als Vater der afghanischen Nation. "Meine Brüder, kommt zu mir, wenn ihr Probleme habt oder Probleme bei uns seht, meine Tür steht euch offen", rief er den Würdenträgern zu. "Hört damit auf, eure Brüder zu töten und euer Land zu zerstören." Karzai bietet den Taliban seit Monaten an, in Friedensgespräche einzutreten, die Aufständischen haben dies stets abgelehnt. Stattdessen bewiesen die Taliban pünktlich zum Karzai-Besuch ihre Entschlossenheit: Insgesamt vier Raketen feuerten sie vor der Landung des Präsidenten auf das Hochplateau bei Kunduz, auf dem sowohl das deutsche Lager als auch der Flughafen liegt. Die Raketen schlugen weit vom Lager und dem Flughafen entfernt ein - gleichwohl sagten Karzai und McChrystal wegen dieses Beschusses ein Treffen mit deutschen Soldaten spontan ab. Mehr als 300 deutsche Soldaten warteten vergeblich auf den Termin mit Karzai.

Was US-General McChrystal vorhat, wird er schon bald in Berlin erläutern. Nach SPIEGEL-Informationen will er übernächste Woche um mehr deutsche Unterstützung für den Einsatz werben. Gleich mehrere Tage bleibt der Vier-Sterne-General in der Hauptstadt, hat Termine mit Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, im Bundeskanzleramt und im Außenministerium. Außerdem wird McChrystal vor den mit Afghanistan befassten Ausschüssen des Bundestags sprechen.

Im Verteidigungs- und im Außenausschuss wird der eine oder andere Abgeordnete von ihm sicher gerne wissen wollen, was auf die Bundeswehr in Kunduz zukommt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Spontanbesuch
clh 11.04.2010
Zitat von sysopVIP-Besuch mit Signalwirkung: Afghanistans Präsident Karzai und US-Chefkommandeur McChrystal haben in Kunduz Stammesführer umworben - und die Deutschen mit ihrer Spontanreise überrascht. Diplomaten erwarten, dass mitten im Gebiet der Bundeswehr eine Großoffensive bevorsteht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,688352,00.html
Unsere Politiker werden sich wieder erst dafür interessieren, wenn es die nächsten toten Soldaten gibt und die Versicherungsbranche nicht mitspielen will. Vorher denkt man noch nach, ob es Krieg heißt oder nicht.
2. Old News Diffrent Day
Nairod 11.04.2010
"Die USA nehmen uns das Heft des Handelns aus der Hand", sagt ein hoher Offizier. Ich kann mich noch erinnern das die BW doch drum Gebeten unterstützt zu werden. Jetzt wo hilfe naht ist man SCHNIPPISCH Wussten wir schon seit 18 März Die Nato plant im deutschen Kommandobereich in Kundus eine Offensive gegen die Taliban. Als Vorbild diene die aktuelle Operation im Süden Afghanistans, sagte der höchstrangige deutsche Isaf-Offizier Bruno Kasdorf. Die Lage in Kundus ordnete er als "problematisch" ein. Ein Erfolg am Hindukusch sei alternativlos.
3. Jetzt gehts "richtig" los
mavoe 11.04.2010
Zitat von sysopVIP-Besuch mit Signalwirkung: Afghanistans Präsident Karzai und US-Chefkommandeur McChrystal haben in Kunduz Stammesführer umworben - und die Deutschen mit ihrer Spontanreise überrascht. Diplomaten erwarten, dass mitten im Gebiet der Bundeswehr eine Großoffensive bevorsteht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,688352,00.html
"Diplomaten erwarten, dass mitten im Gebiet der Bundeswehr eine Großoffensive bevorsteht." Also keine "kriegsähnliche" Zustände mehr. Und jetzt fehlen dort Leopard2-Panzer. Oder Eurofighter. Oder haben die doch Angst, plötzlich flüchten zu müssen und die ganze Gerätschaft zurücklassen. In aller Eile? Mannomann ich war auch schon zwangsweise in der Bundeswehr, allerdings 1983/84. Und schon da hätte, im kriegsähnlichen Fall, die Truppe der geballten Sowjetarmee standhalten sollen. Also richtig oder garnicht, am besten garnicht und alle raus!
4. Propaganda
derweltbuerger 11.04.2010
"Konkret redete er über die strikten Einsatzregeln der Deutschen, die ein offensives Durchgreifen gegen die Taliban verhinderten. Omar hatte in der Vergangenheit die rigiden Aktionen der US-Armee stets gelobt. Nun forderte er alle Nato-Nationen auf, Kampftruppen in den Norden zu verlegen." Die deutsche Öffentlichkeit soll hiermit anscheinend auf eine aggressivere Gangart der Bundeswehr vorbereitet werden. Abzug aus Afghanistan jetzt! Dieser Irrsinn muss ein Ende haben.
5. Ja, ...
sam clemens, 11.04.2010
... dann geht's wohl los. Erst eine Offensive, um Raum zu gewinnen und dann der schnelle Rückzug. Die Formulierung "keine Alternative zum Erfolg ..." zählt zu den dämlichsten der letzten Jahre. Ist doch offensichtlich, dass der Rückzug und die Machtergreifung durch die Taliban kommen werden.
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Karzai und Afghanistan
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Hamid Karzai
AFP
Hamid Karzai ist der derzeit amtierende Präsident Afghanistans. Nach der ersten Phase des Afghanistan-Kriegs hatten ihn die USA und die Uno auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 als Regierungschef einer afghanischen Interimsregierung durchgesetzt. Die Loya Jirga wählte Karzai 2002 zum Präsidenten einer Übergangsregierung, und nach Verabschiedung einer neuen Verfassung bestimmten ihn die Afghanen 2005 in direkter Wahl zu ihrem Präsidenten. Durch den Einfluss der Warlords blieb Karzais Macht jedoch beschränkt. Zuletzt verlor er auch die Unterstützung der USA.

Hamid Karzai wurde 1957 in Kandahar geboren. Er gehört dem mächtigen Paschtunen-Stamm der Popalzai an, der mehrere afghanische Könige hervorbrachte. Karzai studierte in Indien und hielt sich immer wieder in den USA auf. Zusammen mit den Mudschahidin kämpfte er in den achtziger Jahren gegen die sowjetische Besetzung Afghanistans . Aus dem Exil in Pakistan unterstützte Karzai die Taliban zunächst, wandte sich dann aber gegen das Regime, dem auch die Ermordung seines Vaters zugeschrieben wird. Nach Beginn der amerikanischen Militäraktion in Afghanistan kehrte Karazi 2001 in seine Heimat zurück und stellte sich an die Spitze der Anti-Taliban-Bewegung in der Region Kandahar.

Präsidentschaftswahlen
dpa
Am 30. August 2009 wählten die Afghanen ihren neuen Präsidenten. Doch es kam zu massiven Fälschungen, insbesondere zugunsten Karzais. Die Auszählungsergebnisse in 210 Wahllokalen wurden anschließend für ungültig erklärt. Karzai, der sich zuvor als Sieger gesehen hatte, verfehlte nach dem um manipulierte Stimmen bereinigten Endergebnis die absolute Mehrheit: Er erreichte nur 49,67 Prozent der Stimmen.

Eine Stichwahl zwischen Karzai und Ex-Außenminister Abdullah Abdullah sollte die Entscheidung bringen. Doch der Herausforderer zog seine Kandidatur zurück mit der Begründung, es könne wie im ersten Durchgang erneut zu Unregelmäßigkeiten kommen. Die afghanische Wahlkommission rief Karzai daraufhin erneut zum Präsidenten aus.

Isaf-Einsatz
DDP
Nach Beginn des Afghanistan-Kriegs 2001 und dem Sturz der radikal-islamischen Taliban beschloss der Uno-Sicherheitsrat , eine internationale Schutztruppe im Land ( Isaf ) einzusetzen. Sie soll den Wiederaufbau Afghanistans zu einer Demokratie absichern, auch indem sie zivile Wiederaufbauteams (PRTs) schützt, von denen derzeit 26 tätig sind.

Der Einsatz war zunächst auf die Hauptstadt Kabul und deren Umgebung beschränkt und wurde bis 2006 auf das ganze Land ausgeweitet. Seit 2003 führt die Nato die Isaf. Derzeit gehören ihr mehr als 119.000 Soldaten aus 46 Nationen an, darunter auch aus Nicht-Nato-Staaten wie Australien und Neuseeland.
Deutschland übernahm 2006 das Isaf-Kommando für den Norden Afghanistans. 2007 bestellte die Bundeswehr sechs Aufklärungsflugzeuge vom Typ Tornado ab, die Luftbilder aus ganz Afghanistan für Isaf liefern. Die Bundesrepublik stellt derzeit mit mehr als 4000 Soldaten die drittgrößte Truppe nach den USA und Großbritannien.

Probleme in Afghanistan
AFP
Da die Taliban inzwischen wieder an Stärke gewonnen haben, nehmen die militärischen Auseinandersetzungen zu. Besonders hart umkämpft ist der Osten des Landes, wo die meisten US-Soldaten stationiert sind. Die schwer kontrollierbaren Stammesgebiete Pakistans gelten als Rückzugsgebiet und Nachschubbasis der Taliban.

Die Stabilisierung Afghanistans wird durch Korruption, die bis in höchste Regierungskreise verbreitet ist, sowie durch Drogenproduktion und -schmuggel erschwert.

Opium-Wirtschaft
REUTERS
Obgleich die afghanische Übergangsregierung unter Karzai im Januar 2002 den Schlafmohnanbau verboten hat, ist der Drogenanbau rasch wieder zum dominierenden Wirtschaftszweig Afghanistans geworden. Das Land ist der weltweit größte Produzent von Rohopium .

Mit Einnahmen aus dem Drogenschmuggel finanzieren die Taliban ihren Kampf gegen Karzais Regierung und die ausländischen Truppen. Die Bekämpfung ist problematisch, weil viele Menschen von dem Handel leben. Isaf -Soldaten sind inzwischen befugt, gegen Drogenhändler vorzugehen und Laboratorien zu zerstören, in denen Schlafmohn zu Opium verarbeitet wird.

Afghanistan-Krieg
REUTERS
Der Afghanistan-Krieg der USA und ihrer Verbündeten war die erste große militärische Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 . Er richtete sich sowohl gegen das Terrornetzwerk al-Qaida , das für die Anschläge verantwortlich gemacht wird, als auch gegen das seit Mitte der neunziger Jahre in Afghanistan herrschende islamisch-fundamentalistische Taliban -Regime.

Die Taliban wurden bezichtigt, Osama Bin Laden und andere hochrangige Mitglieder von al-Qaida zu unterstützen und zu beherbergen.

Die erste Kriegsphase endete mit dem Fall der Hauptstadt Kabul und der Provinzhauptstädte Kandahar und Kunduz im November und Dezember 2001. Auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 wurde eine Interimsregierung unter Präsident Hamid Karzai eingesetzt und die Einberufung einer verfassunggebenden Loya Jirga beschlossen. Gleichzeitig erteilte der Uno-Sicherheitsrat den Nato-Staaten und mehreren Partnerländern das Isaf -Mandat zur Unterstützung des Wiederaufbaus.


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