Kampf um Kunduz Uno nennt US-Angriff auf Krankenhaus "unentschuldbar"

Bei einem Luftangriff starben in einem Krankenhaus in Kunduz mindestens 19 Menschen, die Uno spricht von einem möglichen Kriegsverbrechen. Das Pentagon bedauert den Vorfall, vermeidet aber ein Schuldeingeständnis.

Zerstörtes Krankenhaus: Verdacht auf Kriegsverbrechen
AP

Zerstörtes Krankenhaus: Verdacht auf Kriegsverbrechen


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Die Vereinten Nationen haben den möglichen US-Luftangriff auf ein Krankenhaus im nordafghanischen Kunduz scharf verurteilt. Der Vorfall sei "absolut tragisch, unentschuldbar und vielleicht sogar kriminell", erklärte der Uno-Hochkommissar für Menschenrechte, Seid al-Hussein. Seid forderte eine Untersuchung des Angriffs. Sollte dieser sich vor einem Gericht als vorsätzlich herausstellen, "könnte ein Luftangriff auf ein Krankenhaus ein Kriegsverbrechen darstellen".

Bei dem Angriff auf das von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (Medecins sans Frontieres, MSF) geführte Krankenhaus kamen mindestens 19 Menschen ums Leben. Es handele sich um zwölf MSF-Mitarbeiter und sieben Patienten, darunter auch drei Kinder, sagte MSF-Sprecherin Christiane Winje am Samstag in Berlin. Weitere 37 Menschen, darunter 19 Mitarbeiter, wurden ihren Angaben zufolge verletzt.

Die US-Armee erklärte Stunden nach dem Vorfall ihr Bedauern über die Toten in der Klinik, vermied aber ausdrücklich eine Entschuldigung und damit auch ein Schuldeingeständnis. US-Verteidigungsminister Ashton Carter sprach von einem "tragischen Vorfall". "Während wir noch herauszufinden versuchen, was genau passiert ist, möchte ich allen Betroffenen sagen, dass ich ihnen meine Gedanken und Gebete widme", hieß es in einer schriftlichen Mitteilung.

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Kunduz in Afghanistan: Luftangriff trifft Krankenhaus
"Eine volle Untersuchung des tragischen Vorfalls ist in Abstimmung mit der afghanischen Regierung im Gange", erklärte Carter weiter. "Zu diesem schwierigen Zeitpunkt werden wir weiterhin mit unseren afghanischen Partnern zusammenarbeiten, um zu versuchen, die andauernde Gewalt in und um Kunduz zu beenden."

Der Chef der US-Mission in Afghanistan, der zur Zeit in den USA ist, telefonierte am Nachmittag mit dem afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani, drückte ebenfalls sein Beileid aus und kündigte eine umfassende Untersuchung an.

Laut einer Mitteilung seines Hauptquartiers in Kabul waren Spezialeinheiten der US-Armee in der Nacht mit afghanischen Soldaten in der Nähe des Krankenhauses unterwegs, dann wurden sie von Taliban-Kämpfern direkt beschossen und forderten Luftunterstützung an. Bei dem anschließenden Beschuss zur Abwehr des "direkten Angriffs auf US-Soldaten" könne es zu zivilen Opfern in der nahe gelegenen Klinik gekommen sein, so das US-Militär.

In Militärkreisen und unter westlichen Diplomaten in Kabul war am Samstag von einem "tragischen Unfall" die Rede. Demnach habe sich die US-Luftwaffe offenbar zum Abschuss von mehreren Granaten durch ein Flugzeug des Typs AC-130 entschieden, das die Kämpfe aus großer Höhe beobachtete.

Granaten oder Schrapnell?

Das Hospital sei allerdings nicht von den Granaten getroffen worden, hieß es über die ersten Erkenntnisse, möglicherweise aber von herumfliegendem Schrapnell. Die wenigen Bilder von der Klinik jedoch zeigen zumindest an einigen Stellen Hinweise auf direkte Treffer.

In den Militärkreisen wurde betont, dass ein bewusster oder fahrlässiger Beschuss der Klinik ausgeschlossen sei, da die Koordinaten der MSF-Einrichtung bekannt gewesen und bei den Luftschlägen berücksichtigt worden seien. Gleichwohl zeige der tragische Vorfall, wie schwierig der Kampf gegen die Taliban in der Stadt Kunduz sei, da sie sich in Wohngebieten und eben auch nahe an Krankenhäusern verschanzten.

Ein MSF-Sprecher schloss aus, dass sich Taliban-Kämpfer in der Klinik verschanzt haben könnten. "Die Tore waren geschlossen, so dass niemand außer dem Personal und den Patienten in der Klinik waren", sagte Jason Cone SPIEGEL ONLINE. Afghanische Sicherheitskräfte hatten behauptet, die Taliban hätten in der Klinik eine Stellung errichtet.

Ärzte ohne Grenzen verurteilte den Vorfall aufs Schärfste. "Diese Attacke ist eine abscheuliche und schwere Verletzung internationalen humanitären Rechts", sagte MSF-Präsident Meinie Nicolai. "Wir können es nicht hinnehmen, dass dieser schreckliche Verlust von Menschenleben einfach als "Kollateralschaden" abgetan wird."

MSF: USA hatten Koordinaten des Krankenhauses

Alle Anzeichen deuteten darauf hin, dass die Bombardierung durch das Bündnis der internationalen Streitkräfte erfolgt sei. MSF-Sprecher Cone betonte, dass sich bisher niemand, weder das US-Militär noch die Regierung, bei der Organisation gemeldet oder eine Zusammenarbeit bei der Aufklärung angeboten habe.

Nach Angaben von MSF wurden allen Konfliktparteien, vor allem aber dem US-Militär, die genauen Geodaten ihrer Einrichtungen vorsorglich mehrfach übermittelt, zuletzt am 29. September. Nach Beginn des nächtlichen Angriffs habe man zudem das amerikanische und afghanische Militär erneut kontaktiert, dennoch habe das Bombardement noch mehr als 30 Minuten angehalten.

Die Organisation veröffentlichte Bilder von der in Flammen stehenden Klinik und den massiven Schäden. Auf einem Foto kümmern sich Ärzte in einem überfüllten kleinen Raum um verletzte Patienten und Mitarbeiter. "Die Bomben schlugen ein und dann hörten wir, wie die Maschine Kreise flog", wurde der Leiter der MSF-Mission in Nordafghanistan, Heman Nagarathnam, in einer Mitteilung zitiert. "Dann gab es eine Pause und dann schlugen noch mehr Bomben ein. Das passierte immer weiter."

Seit Montag wurden nach Angaben von MSF in der Klinik 394 Verletzte behandelt. Zum Zeitpunkt des Luftangriffs seien 105 Patienten, Angehörige und gut 80 Mitarbeiter in dem Gebäude gewesen.

Die Klinik wird ausschließlich aus Spenden finanziert und behandelt jeden - unabhängig von Herkunft oder Religion. Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid sagte: "Keiner unserer Kämpfer war zum Zeitpunkt des Angriffs ein Patient der Klinik."


Zusammengefasst: Die Uno zweifelt an der Darstellung des Pentagon, der Beschuss des Krankenhauses in Kunduz sei ein bedauerliches Versehen. Sie forderte eine Untersuchung des Vorfalls. US-Verteidigungsminister Ashton Carter sprach den Hinterbliebenen der Opfer sein Mitgefühl aus, vermied aber jeden Satz, der als Eingeständnis der Schuld gewertet werden könnte.

mik/mgb/AFP/dpa



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