Kunduz-Untersuchungsausschuss: Die dunklen Geheimnisse der KSK-Krieger

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Mit dem Auftritt von Oberst Klein startet der Kunduz-Ausschuss - doch gleich danach werden sich die Parlamentarier mit dem Kommando Spezialkräfte beschäftigen müssen. Geheime Nato-Unterlagen belegen: In der Bombennacht spielten KSK-Elitekämpfer eine entscheidende Rolle.

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Kommando Spezialkräfte: Einblicke in die Elitetruppe
Berlin - Für die Privatsphäre von Oberst Georg Klein tut der Bundestag so einiges. Am Mittwoch erscheint der Bundeswehroffizier, der am frühen Morgen des 4. Septembers 2009 den Befehl zur Bombardierung zweier Tanklaster bei Kunduz gab, mit seinem Anwalt vor dem Untersuchungsausschuss des Parlaments. Aufgeklärt werden soll, was in der Nacht im Bundeswehr-Camp vor Ort und danach in Berlin schiefging. Die Regierung hat Transparenz versprochen.

Gesehen oder gar abgelichtet werden soll Klein, dessen Foto tagelang weltweit die Titelseiten zierte, bei dem Auftritt nicht. Der Ausschuss zog dafür extra in die Präsidialebene in einen dunkelblau getäfelten Konferenzraum im zweiten Stock um. Klein kommt mit seinem Bonner Anwalt Bernd Müssig direkt mit einem Aufzug aus der Tiefgarage in den für die Presse unzugänglichen Bereich, die wenigen Meter bis zum Saal werden mit Stellwänden abgeschottet.

Keine Frage, Klein ist die zentrale Figur in der Kunduz-Affäre. Entsprechend groß ist die Aufmerksamkeit. So groß, dass andere wichtige Zeugen auf der Vernehmungsliste leicht übersehen werden. Zum Beispiel ein Hauptfeldwebel des geheimen Kommandos Spezialkräfte (KSK), dessen Aussage der ganzen Affäre eine interessante Wendung bringen könnte.

Hauptfeldwebel V. vor dem Ausschuss

Der Name des Mannes ist auf allen Ausschusspapieren mit V. abgekürzt. Nur in einem geheimen Report seiner Einheit wird er einmal mit vollem Namen genannt, doch auch dieser ist nur eine Legende. V. trägt wie alle KSK-Mitglieder im Einsatz einen Tarnnamen, der die wahre Identität der Elitekämpfer verschleiert.

Wenn Hauptfeldwebel V. Ende Februar aussagt, gibt er möglicherweise seltene Einblicke in die verschlossene Welt des KSK. Vielmehr noch könnten die Aussagen von ihm und seinen Kameraden die Bundeswehr in arge Erklärungsnot bringen. Unisono behauptete die Truppe bisher, das KSK habe bei dem Angriff in Kunduz keine Rolle gespielt. Die Elitekämpfer hätten Oberst Klein lediglich technische Hilfe geleistet. Geheime Dokumente lassen diese Beschreibung mittlerweile fragwürdig erscheinen.

Die Frage nach der Rolle des KSK führt mitten hinein in die geheimen Missionen deutscher Soldaten. Fast nichts über die KSK-Aktivitäten in Afghanistan, wo rund 200 Kämpfer unter dem schlichten Tarnnamen "Task Force 47" agieren, dringt nach außen. Auch die Obleute des Parlaments werden nur selten und dann in vagen Andeutungen über die KSK-Operationen informiert. Die Einheit agiert einzig unter der Kontrolle ihrer eigenen Leitung, die vom normalen Befehlstrang abgetrennt ist.

"Task Force 47" auf Taliban-Jagd

Rund die Hälfte der "Task Force 47" besteht aus KSK-Kämpfern. Die anderen Männer und Frauen sind Aufklärer der Bundeswehr, doch der Geist der Truppe entspricht dem des KSK. Auch die Logos ähneln sich, einziger Unterschied ist die 47 über dem Eichenlaub mit dem Schwert. Die "TF47" betreibt keinen Wiederaufbau, sie baut keine Schulen. Die Einheit führt seit Jahren Krieg, beobachtet, lokalisiert und fängt im Schutz der Nacht Taliban.

Jetzt zeigt sich: In der Bombennacht spielte das KSK eine entscheidende Rolle. Oberst Klein führte die gesamte Operation, von der ersten Sichtung der beiden Tanklaster gegen 23 Uhr bis zur Bombardierung um 1.49 Uhr, aus der vom normalen Lager komplett abgeschotteten Befehlstelle der "TF47". Die entscheidenden Tipps während des Einsatzes kamen von einem afghanischen Informanten des KSK, dessen Geheimdienstexperte beriet Klein die ganze Nacht und versorgte ihn mit Details.

Hauptfeldwebel V. kann über die Nacht einiges berichten. Im abgedunkelten Zelt der "Task Force" führte er das sogenannte storybook des Einsatzes, eine Art Protokoll. Neben ihm waren noch drei weitere Mitglieder der "Task Force" mit Klein in der Kommandozentrale. Sie sind laut Bundeswehr keine KSK-Kämpfer, sondern gehören "normalen" Einheiten an. Gleichwohl sind sie in Afghanistan ausschließlich innerhalb der "TF 47" eingesetzt, auch sie sind Taliban-Jäger.

Suche nach dem Hintermann der Tanklasterentführung

Die Bundeswehr hat bisher alle Berichte über den Einfluss des KSK dementiert und die Aktivitäten der Elitetruppe heruntergespielt. "Die Operationsführung lag nicht bei der Task Force 47", erklärte erst kürzlich Staatsekretär Christian Schmidt. Oberst Klein selber schrieb in seiner ersten Stellungnahme, er habe den Gefechtsstand der geheimen Einheit benutzt, weil dort die "leistungsstärkste" Technik zur Verfügung stand. Ebenso wichtig aber sei eben die menschliche Quelle der "Task Force" gewesen.

Neue Details zu dem Angriff stellen die Darstellungen der Bundeswehr in Frage. SPIEGEL ONLINE liegen geheime Unterlagen der Nato vor. Aus diesen geht hervor, dass die "Task Force 47", also letztlich das KSK, Stunden nach dem Bombardement der beiden Laster den Hintermann der Entführung festnehmen oder eliminieren wollte. Dazu forderte das KSK am frühen Morgen des 4. Septembers bei der Isaf-Zentrale massive Luftunterstützung durch US-Jets an.

Die "Operation Joker" wird den Ausschuss intensiv beschäftigen. Ziel des KSK war es, Taliban-Kommandeur Mullah Shamsudin festzunehmen. Shamsudin gilt als einer der Top-Kommandeure in Kunduz. Er befehligt auch Mullah Abdul Rahman, dessen Männer die Tanklaster entführten. Shamsudin brüstete sich Tage später gegenüber einem SPIEGEL-Reporter mit der Planung der Attacke. Auch der geheime Nato-Bericht nennt den Kommandeur an mehreren Stellen als Hintermann der Aktion.

Klassisches KSK-Ziel

Shamsudin ist ein klassisches Ziel des KSK, auch Oberst Klein kannte den Namen und das Bild des hageren Manns mit dem grimmigen Gesichtsausdruck seit seinem Dienstantritt. Der Talib ist Kommandeur der Region Chahar Darreh, der Hochburg der Aufständischen südwestlich des deutschen Camps. Das KSK gab über den etwa 35-jährigen Paschtunen an, er sei aktiv "in der Planung und Ausführung von Angriffen, Hinterhalten und Raketenschlägen" gegen internationale und afghanische Soldaten.

Die Nato-Schutztruppe führt den Talib seit Monaten auf ihrer "Joint Priority Effects List" (JPEL). Auf der Liste stehen Top-Taliban, die von der Isaf jederzeit festgenommen oder getötet werden können. Shamsudin wird in der sogenannten capture or kill list mit Priorität 2 geführt, gleich unter Top-Kommandeuren der Quetta-Schura.

Offiziell töten Deutsche keine "JPELs". Doch sicher ist das nicht. Schließlich agiert das KSK geheim.

Der KSK-Zugriff jedenfalls war lange geplant. Durch Abhöraktionen wussten die KSK-Krieger genau, dass Shamsudin in der Nacht zum 7. September mit rund 25 treuen Kämpfern in einem bestimmten Gehöft bei Kunduz sein wird. Dort sollten zwei oder drei Helikopter kurz nach Mitternacht einen KSK-Trupp und afghanische Geheimdienstler absetzen. Das KSK bat die Nato, in der Nähe zwei Minuten nach der Landung eine Bombe abzuwerfen, um Shamsudins Kämpfer abzulenken.

Intensive Aufklärung

Detailliert wie nie zuvor geht aus den Geheimdokumenten hervor, wie das KSK in Afghanistan arbeitet. Zeile für Zeile erläutern die Elitekämpfer die verschiedenen Szenarien des Zugriffs, sie rechneten mit spontanen Gefechten und versteckten Bomben. Zuvor hatten sie mit einer "Reaper"-Drohne der US-Armee genaue Aufnahmen des Zielgebiets gemacht und dabei angeblich auch ausgeschlossen, dass Zivilisten durch den Bombenabwurf getötet werden können.

Auf den Überraschungseffekt wollten sich die KSK-Leute nicht verlassen. In einer zweiten Anforderung baten sie die Nato-Einsatzzentrale, Funkname "ISAF FIRES", um einen zweiten Kampfjet mit Kameras, der die Situation am Boden beobachten sollte. Die Deutschen forderten einen Jet mit fernsteuerbaren Bomben an, falls die KSK-Einheiten in einen Hinterhalt geraten würden. Zudem warnten sie, dass die Taliban mit gestohlenen Polizeifahrzeugen unterwegs seien.

Lange Planung vor dem Tanklaster-Bombardement

Die "Operation Joker" fand am Ende nicht statt. Spontan bat die britische Armee das KSK, die Festnahme zu verschieben. Britische Elitekämpfer befreiten kurz darauf den entführten "Times"-Reporter Stephen Farrell. Er war nur 50 Meter von Shamsudins Versteck entfernt eingesperrt. Mullah Shamsudin ist der "Task Force 47" wegen der britischen Bitte entkommen. Der Talib setzte sich aus Angst vor der drohenden Festnahme wenig später aus Kunduz ab und wird nun in Südafghanistan oder Pakistan vermutet.

Klar wird durch die Papiere jedoch, dass die "Task Force" die "Operation Joker" schon weit vor dem Bombardement der beiden Tanklaster geplant und vorbereitet hatte. Der Zugriffsplan stand schon.

Für den Ausschuss stellt sich nun die heikle Frage, ob die Spezialeinheit KSK nach der Entführung der Fahrzeuge womöglich spontan die Chance sah, mit der Autorisierung durch Oberst Klein gezielt Taliban-Führer rund um die Tanker zu eliminieren. Der Chef der "TF47" jedenfalls gab später zu, die Bombardierung der Tanklaster inklusive Taliban sei für seine Truppe ein "target of opportunity" - ein Gelegenheitsziel - gewesen.

Möglicherweise wird Oberst Klein am Mittwoch hierzu Stellung nehmen. Wenn er denn überhaupt Fragen beantwortet. Der Ausschuss jedenfalls geht davon aus, dass der Offizier lediglich eine Erklärung abgeben wird. Zur Rolle des KSK kann er jedoch jederzeit erneut vorgeladen werden.

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Forum - Kann der Untersuchungsausschuss die Kunduz-Affäre aufklären?
insgesamt 3396 Beiträge
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1.
semir 20.01.2010
Zitat von sysopDie Opposition wirft der Bundesregierung massive Fehler rund um die Bombardierung zweier Tanklaster am Kunduz-Fluss vor, insbesondere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Was wird der Untersuchungsausschuss dazu beitragen können?
Es wird viel geredet werden,die Verantwortlichen für den Tod von Zivilisten werden aber bestimmt nicht einen Knast von innen sehen.
2.
Leto_II. 20.01.2010
Zitat von semirEs wird viel geredet werden,die Verantwortlichen für den Tod von Zivilisten werden aber bestimmt nicht einen Knast von innen sehen.
N-TV hat schon läuten hören, das die Bundesanwaltschaft das Verfahren gegen Oberst Klein einstellen will, da nach geltendem VStGB keine strafbare Handung vorliegt. Das war nur eine Randbemerkung wert... Die Verantwortlichen für den Tod der Zivilisten sind also unter den Taliban zu suchen und die kommen in der Tat viel zu selten in den Knast.
3. ...
saul7 20.01.2010
Zitat von sysopDie Opposition wirft der Bundesregierung massive Fehler rund um die Bombardierung zweier Tanklaster am Kunduz-Fluss vor, insbesondere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Was wird der Untersuchungsausschuss dazu beitragen können?
es hat selten einen UA gegeben, der wirklich aufklärend gewirkt hätte. Meist bleibt vieles unter dem Teppich. In diesem Fall erwarte ich keine wesentliche Klärung der tatsächlichen Abläufe.
4.
M@ESW 20.01.2010
Zitat von sysopDie Opposition wirft der Bundesregierung massive Fehler rund um die Bombardierung zweier Tanklaster am Kunduz-Fluss vor, insbesondere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Was wird der Untersuchungsausschuss dazu beitragen können?
Insbesondere Guttenberg also? Na dann frage ich mich wieso die so zimperlich sind? Dann könnten sie ihm doch gleich noch den Angriff auf Polen vorwerfen. Wen interessieren schon Amtszeiten und Zeitpunkt des Vorfalls.
5.
henningr 20.01.2010
Zitat von sysopDie Opposition wirft der Bundesregierung massive Fehler rund um die Bombardierung zweier Tanklaster am Kunduz-Fluss vor, insbesondere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Was wird der Untersuchungsausschuss dazu beitragen können?
Die Frage ist doch eher "soll der Untersuchungsausschuss die Kunduz-Affäre überhaupt aufklären?"
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Chronologie der Bombennacht
Klicken Sie auf die Zeiten für Details der Bombennacht vom 3. auf den 4. September 2009...
20.00 bis 22.30 Uhr Ortszeit
20.00 Uhr Ein afghanischer Informant meldet dem Bundeswehrcamp in Kunduz die Entführung zweiter Tanklaster aus einem Nato-Versorgungskonvoi bei Aliabad südlich vom Feldlager der Bundeswehr.

21.14 Uhr Uhr Auf Anforderung des deutschen Camps trifft ein B1-Bomber (Einsatzname "Bone 22") über der Region Kunduz ein, der zuvor eine andere Operation mit deutscher Beteiligung im Norden der Region unterstützt hat.

22.00 Uhr Der Informant der Bundeswehr meldet sich erneut und gibt an, die beiden Tanklaster steckten auf einer Sandbank fest.

22.30 Uhr Der B1-Bomber kann die beiden Laster nicht finden. Im Nachhinein stellt sich heraus, dass der afghanische Informant eine unklare Angabe des Orts durchgegeben hatte.
22.30 bis 1.30 Uhr
0.00 Uhr "Bone 22" lokalisiert die beiden Trucks auf einer Sandbank und sendet die ersten Schwarzweiß-Videobilder an die Kommandozentrale im deutschen Camp. Dort sitzen der Chef des Lagers, Oberst Georg Klein, und Oberfeldwebel W., der im Funkverkehr mit dem Einsatznamen "Roter Baron" auftritt. Die beiden Deutschen hocken vor einem "Rover"-Sichtgerät, einer Art Laptop mit Verbindung zur Kamera des Flugzeugs, und verfolgen die Bilder.

0.48 Uhr "Bone 22" meldet sich bei der Einsatzzentrale (Funkcode "Trinity") der Nato-Flotte. Der Bomber braucht neuen Treibstoff. Die Zentrale gibt Erlaubnis für die Rückkehr zur Basis ("RTB").

0.50 Uhr Aus dem deutschen Camp fragt "Roter Baron" erneut bei der Nato-Luftzentrale nach Unterstützung an. Von dort wird zurückgefunkt, dass eine direkte Feindberührung Voraussetzung für den Einsatz eines Kampfflugzeugs über Kunduz sei. Der deutsche Oberfeldwebel erklärt daraufhin per Funk, es bestehe Feindkontakt, im Nato-Jargon "troops in contact" oder TIC genannt, obwohl sich gar keine Nato-Soldaten oder afghanische Kräfte in der Nähe der beiden Tanker befinden.

1.08 Uhr Zwei F-15-Jagdbomber treffen über der Region ein. "Dude 15" und "Dude 16", so die Codenamen der Piloten, melden sich beim Kommandeur des deutschen Camps und liefern wieder Live-Bilder, welche die Deutschen auf dem "Rover"-Schirm verfolgen können. Einer der Piloten meldet: keine "friendly forces", also deutsche oder afghanische Truppen in der Nähe der Trucks. Nahe den Tankern sieht der Pilot rund 50 Aufständische, so seine Meldung. Der deutsche Oberfeldwebel bittet die US-Piloten, sechs Bomben fertigzumachen und in möglichst hoher Höhe über dem Tatort zu kreisen.

1.30 Uhr "Roter Baron" gibt Einsatzdetails zum Bombenabwurf weiter, erwähnt ausdrücklich, dass die Zeit dränge und keine alliierten Kräfte in der Nähe seien.
1.30 bis 2.30 Uhr
1.33 Uhr Einer der F-15-Piloten bittet das deutsche Feldlager um weitere Aufklärung des Tatorts. "Red Baron" hingegen gibt an die Piloten den eindeutigen Befehl des deutschen Oberst Georg Klein zum Abwurf von Bomben weiter. Sie sollen direkt auf die Sandbank gezielt werden.

1.36 Uhr Der Pilot fragt per Funk an, ob er eine Schleife in niedriger Höhe über die Tanker fliegen soll, um "die Personen auseinanderzuscheuchen". "Roter Baron" lehnt dies ab.

1.46 Uhr Der Pilot fragt per Funk, ob die Personen um die Tanker eine "unmittelbare Bedrohung" darstellen. Der Zustand des "imminent threat" ist die Voraussetzung für einen Bombenabwurf durch die Nato. Obwohl zu diesem Zeitpunkt weder Nato-Soldaten in der Nähe der Tanker sind und diese fast 15 Kilometer vom deutschen Camp entfernt feststecken, bestätigt "Roter Baron" die Anfrage und legitimiert damit den Angriff.

1.50 Uhr Zwei Bomben vom Typ GBU-38 werden abgeworfen.

2.28 Uhr Die beiden F-15-Jets fliegen erneut über den Tatort und melden 56 Tote, ohne jedoch weitere Details zu nennen. 14 Personen würden in Richtung Norden fliehen.
Im Morgengrauen
Im Morgengrauen treffen afghanische Sicherheitskräfte am Tatort ein. Leichen sind kaum noch zu finden, da die Dorfbewohner sie bereits abtransportiert und begraben haben.

7.00 Uhr Eine deutsche Drohne überfliegt das Gebiet. Außer den beiden Bombenkratern ist jedoch auf den Bildern nicht viel zu sehen.
Mittags
12.00 Uhr Ein deutsches Erkundungsteam trifft am Tatort ein, auch die afghanische Armee ist noch vor Ort. Leichen sind kaum noch zu sehen. Der Trupp notiert in seinem Bericht die beiden zerstörten Tanklaster, einen Traktor und ein Pick-up-Fahrzeug. Einem anderen Trupp wird berichtet, die Taliban hätten am Vorabend in einem nahen Dorf die Moschee betreten und Dorfbewohner gezwungen, mit ihren Traktoren beim Abtransport des Treibstoffs aus den feststeckenden Lastern zu helfen. 14 Dorfbewohner seien vermisst, also vermutlich bei den Angriffen getötet worden, so der Bericht der Deutschen - das erste sichere Indiz für zivile Opfer. Weitere Hinweise erhält ein Team, dass im Krankenhaus von Kunduz mehrere verletzte Kinder sieht und auch zwei Leichen von getöteten Teenagern gezeigt bekommt.

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Afghanistan: Klein und der Befehl zum Bomben

Die wichtigsten Kunduz-Berichte
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Der Nato-Bericht
Der Nato-Bericht (auch Isaf-Bericht genannt) stützt sich auf Recherchen von Experten einer Nato-Untersuchungskommission. Nach dem Bericht habe Oberst Klein am 4. September gezielt Taliban-Kämpfer töten wollen, die in der Nähe der Tanklastwagen standen. Die Piloten seien dazu angewiesen worden. Der Bericht zweifelt allerdings deutlich an der Angemessenheit des Einsatzes: "Es ist schwer zu ergründen, warum der Fokus des PRT-Kommandeurs (Klein) auf die Taliban gerichtet war und nicht allein auf die gestohlenen Tanklaster, die doch wohl die größte Bedrohung waren für die Sicherheit der PRT-Kräfte." Am 6. November spricht Guttenberg noch von der potentiellen Gefahr, die von den Tanklastern ausgeht. In einem Interview mit der "Bild"-Zeitung am 30.November sagt er: "Eine erste Sichtung der Berichte zeigt, dass sich insbesondere folgende Fragen stellen: Hätte es zum Luftschlag gegen die Tanklaster kommen müssen?" Zu diesem Zeitpunkt liegt ihm der Bericht fast schon vier Wochen vor. Er hätte also schon wissen müssen, dass der Luftschlag gegen Menschen gerichtet war. Beim Angriff kamen bis zu 140 Menschen ums Leben. Zwar hat Verteidigungsminister Guttenberg den Angriff mittlerweile als "militärisch nicht angemessen" bezeichnet, dennoch steht er bislang noch hinter Oberst Klein.
Die zweiseitige Meldung von Oberst Klein
Klein schickt nach Informationen des SPIEGEL am 5. September einen zweiseitigen Bericht an Generalinspekteur Schneiderhan. Darin schreibt Klein: "Am 4. September um 1.51 Uhr entschloss ich mich, zwei am Abend des 3. September entführte Tanklastwagen sowie an den Fahrzeugen befindliche INS (Insurgents, zu Deutsch: Aufständische) durch den Einsatz von Luftstreitkräften zu vernichten." Er habe das Bombardement befohlen, "um Gefahren für meine Soldaten frühzeitig abzuwenden und andererseits mit höchster Wahrscheinlichkeit nur Feinde des Wiederaufbaus zu treffen". Zuvor sei Klein in den Befehlsstand der Task Force 47 gegangen und habe aus Luftbildern der Piloten geschlossen, dass die Anwesenheit von Unbeteiligten sehr unwahrscheinlich sei. Nach diesem Bericht bewertet Guttenberg die Situation am 3. Dezember neu, spricht erstmals von der Unangemessenheit.
Der Bericht der Feldjäger
Die mangelnde Aufklärung nach dem Einsatz steht bereits im Feldjägerbericht vom 9. September. Aus dem Bericht geht hervor, dass Oberst Klein innerhalb der vorgeschriebenen zwei Stunden keine Maßnahmen zur Aufklärung vorgenommen habe. Dies schreiben allerdings neue Vorschriften der Isaf seit Anfang Juli vor. Der Bericht stammt vom 9. September, Guttenberg erfährt davon aber erst am 25. November, auf Nachfrage der "Bild"-Zeitung.
Der Bericht des Roten Kreuzes
Am 6. November erhält Guttenberg einen Bericht des Internationalen Roten Kreuzes. Nach Informationen des "Stern" stehen auf den Seiten die Namen von 74 getöteten Zivilisten. Unter den Opfern seien auch acht-, zehn- und zwölfjährige Kinder. Weiter heißt es, dass der Angriff nicht im Einklang mit dem Völkerrecht stehe. Nach Angaben des Berichts habe keine unmittelbare Bedrohung für das deutsche Feldlager bei Kunduz bestanden.
Der "Initial Action Team"-Report
Das 27-seitige Schreiben trifft bereits am 7. September beim Einsatzführungsstab in Berlin ein. Er wurde kurz zuvor verfasst. Auf der ersten Seite steht: "Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit hat es zivile Opfer gegeben." Der Bericht schildert bereits das Bombardement und Fehler vor dem Befehl. Außerdem schildert er detaillierte Einschätzungen über Opfer. Am 8. September sagt Kanzlerin Angela Merkel in ihrer Regierungserklärung: "Über die Folgen, insbesondere über zivile Opfer, gibt es widersprüchliche Meldungen."
Tod im Flussbett: Grafische Rekonstruktion von Taliban-Überfall und Nato-Luftangriff bei Kunduz (Angaben in Ortszeit) Zur Großansicht
DER SPIEGEL

Tod im Flussbett: Grafische Rekonstruktion von Taliban-Überfall und Nato-Luftangriff bei Kunduz (Angaben in Ortszeit)