Tragödie von Kunduz Der lange Weg raus aus Afghanistan

Abzug vom Hindukusch? Das wird US-Präsident Obama nicht so schnell schaffen, wie jetzt die Lage in Kunduz zeigt. Auch die Situation in Syrien zwingt ihn, in Afghanistan weiter Stärke zu demonstrieren.

Von , Washington

US-Soldat in Afghanistan (Archivfoto): Luftangriffe wieder verstär kt
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US-Soldat in Afghanistan (Archivfoto): Luftangriffe wieder verstärkt


Ein Krankenhaus in Trümmern, 19 Zivilisten tot, internationale Kritik an der US-Luftwaffe: Präsident Barack Obama hielt es offenbar für geboten, persönlich sein Bedauern über das schreckliche Geschehen in Kunduz zu formulieren.

Im Namen aller Amerikaner wolle er den Ärzten und anderen getöteten und verletzten Zivilisten sein "tiefes Beileid" ausdrücken, betonte der Präsident in einer Mitteilung. Das Verteidigungsministerium habe begonnen, den Vorfall intensiv zu untersuchen. "Wir werden die Ergebnisse dieser Ermittlungen abwarten, bevor wir die Umstände dieser Tragödie abschließend bewerten."

Mit der Stellungnahme signalisiert Obama seinen Partnern und der afghanischen Regierung, wie ernst man den Vorfall in Washington nimmt. Wie zuvor bereits Verteidigungsminister Ashton Carter vermied er allerdings zunächst ein Schuldeingeständnis für das verheerende Unglück.

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Kunduz in Afghanistan: Luftangriff trifft Krankenhaus
Dass die US-Regierung mit einer offensiven Entschuldigung zögert, zeigt auch eine gewisse Ratlosigkeit in Washington. In Militärkreisen wird darauf verwiesen, dass der Standort des Krankenhauses den US-Streitkräften durchaus bekannt gewesen sei und der Angriff allein Taliban-Kämpfern gegolten habe.

Was genau ist passiert? Der Vorfall, der den US-Einsatz in Afghanistan grundsätzlich wieder in den Fokus rücken dürfte, fand in der Nacht zum Samstag statt. Nach Angaben des US-Hauptquartiers in Kabul waren Spezialeinheiten der amerikanischen Armee mit afghanischen Soldaten in der Nähe des Krankenhauses unterwegs, als sie von radikalislamischen Taliban-Kämpfern angegriffen wurden und daraufhin aus der Luft reagierten. Während des Angriffs starben mindestens 19 Menschen in der von der Organisation Ärzte ohne Grenzen geführten Klinik, Dutzende weitere wurden verletzt. In US-Militärkreisen wird nicht ausgeschlossen, dass das Unglück im Krankenhaus durch fliegende Granatsplitter verursacht wurde.

Für Obama ist das in vielfacher Hinsicht ein Problem: Innenpolitisch steht der US-Präsident für seine militärische Strategie in der Region seit Monaten massiv unter Druck. Seine Gegner werfen ihm angesichts der äußerst instabilen Lage in Afghanistan vor, den Abzug der eigenen Truppen zu früh eingeleitet zu haben. Der jüngste Angriff der Taliban auf den ehemaligen Bundeswehr-Standort Kunduz hatte die US-Regierung zusätzlich unter Druck gesetzt. Obama, der das militärische Engagement seines Landes eigentlich deutlich zurückfahren möchte, hatte daraufhin die Luftangriffe in Afghanistan verstärken lassen.

Wie hängt Kunduz mit Syrien zusammen? In Washington wird die jüngste US-Offensive auch auf die Lage in Syrien zurückgeführt. Das dortige Vorpreschen von Russlands Präsident Wladimir Putin hatte die US-Regierung unvorbereitet getroffen, seit Tagen muss sich Obama gegen den Vorwurf verteidigen, sich von Moskau vorführen zu lassen. Nicht zuletzt um den Eindruck amerikanischer Schwäche zu kontern, habe Obama in Afghanistan die US-Angriffe aufgestockt, so die Lesart von Beobachtern in Washington.

Welchen Plan verfolgt Obama in Afghanistan? Der US-Präsident beabsichtigt, die letzten US-Soldaten bis Ende 2017 aus Afghanistan abzuziehen. Ob es bei diesem Zeitplan bleibt, ist nicht zuletzt aufgrund der gegenwärtigen Taliban-Offensive unklar. Zu Beginn dieses Jahres hatte der US-Präsident bereits angekündigt, das Kontingent amerikanischer Truppen langsamer abzuschmelzen als geplant. Die derzeit noch rund zehntausend in Afghanistan stationierten US-Soldaten sollen demnach bis Ende 2015 bleiben. Ursprünglich sollte die Truppenstärke etwa halbiert werden.

Kann das afghanische Militär ohne Hilfe aus dem Westen operieren? Das scheint angesichts der offenkundigen Hilflosigkeit der afghanischen Armee kaum denkbar. Die wirkt trotz jahrelanger Beratung und Milliardenhilfe desorientiert und ohne echte Kampfkraft, deswegen mussten US-Spezialkräfte ihr in den letzten Tagen in Kunduz immer wieder zur Seite stehen. Schon kommende Woche beraten die Verteidigungsminister der Nato in Brüssel über die Zukunft der Mission am Hindukusch. Kanzlerin Angela Merkel hat schon vor gut einem Jahr durchblicken lassen, dass sie zu einer Verlängerung der Trainings- und Beratungsmission durch die Bundeswehr bereit ist - wenn die USA denn mitmachen.

Wie ist die Stimmung in Afghanistan dazu? Die Präsenz der US-Truppen ist in der afghanischen Bevölkerung nicht zuletzt wegen ähnlicher Vorfälle wie jenem in Kunduz umstritten. Zwar ist die Zahl der von US-Luftangriffen verschuldeten zivilen Opfer in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken. Die tragischen Geschehnisse vom Samstag dürften unter Afghanen aber viele unangenehme Erinnerungen wecken. Angriffe mit zivilen Opfern hatten das Verhältnis zwischen den USA und der Regierung des ehemaligen afghanischen Präsidenten Hamid Karsai mehrfach belastet. Das Drama von Kunduz könnte nun auch den afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani in eine unangenehme Lage bringen. Ghani hatte die Amerikaner zu Beginn des Jahres eigens um einen langsameren Rückzug gebeten. Für die damalige Bitte dürften viele seiner Landsleute jetzt Erklärungen verlangen.


Zusammengefasst: Bis 2016 wollten die USA ihre Truppenstärke in Afghanistan auf 1000 reduzieren. Das scheint jetzt unmöglich. Die Taliban zeigen in Kunduz, dass sie Terrain zurückerobern wollen, die Armee des Landes kann nicht allein agieren. Und auch die Situation in Syrien zwingt Obama, am Hindukusch weiter Stärke zu zeigen.

Mitarbeit: Matthias Gebauer



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