Demonstrationen in der Türkei Erdogan sieht Friedensprozess mit Kurden in Gefahr

Präsident Erdogan hat Unterstützer der Kurden-Proteste in der Türkei scharf kritisiert. Sie würden Kobane als Vorwand nutzen und damit "den Frieden und die Stabilität" aufs Spiel setzen. Kritik an der Türkei weist er harsch zurück.

Präsident Erdogan:  "Vorwand Kobane"
DPA/ KAYHAN OZER / PRESIDENTAL PRESS OFFICE

Präsident Erdogan: "Vorwand Kobane"


Ankara - Präsident Recep Tayyip Erdogan sieht die gewalttätigen Proteste in der Türkei als Gefahr für den schwierigen Friedensprozess mit der kurdischen Minderheit im eigenen Land. In einer Rede in der Schwarzmeerstadt Trabzon machte er die kurdennahe Partei HDP sowie die Oppositionspartei CHP für den jüngsten Gewaltausbruch in der Türkei mitverantwortlich.

"Unter dem Vorwand Kobane greifen sie den Frieden, die Stabilität und die Brüderlichkeit in der Türkei an", sagte Erdogan laut der Nachrichtenagentur Anadolu. Die türkische Zeitung "Hürriyet Daily News" zitierte ihn mit der Aussage, dass man sich nicht den Bedrohungen unterwerfe und ängstlich vor ihnen zurückweiche.

Er verglich die Situation laut "Hürriyet Daily News" mit den Protesten rund um den Gezi-Park. Bei den wochenlangen Demonstrationen und Polizeieinsätzen in Istanbul waren mindestens vier Menschen ums Leben gekommen, Tausende wurden verletzt. Erdogan lobte in seiner Rede die Polizei und die Sicherheitskräfte für ihren Einsatz bei den neuerlichen Demonstrationen.

Kritik an der zurückhaltenden Politik der Türkei wies er zurück. Zu sagen, das Land würde Kobane nicht helfen, sei undankbar, sagte Erdogan laut "Hürriyet Daily News". Das Gegenteil sei der Fall: Die Türkei sei das einzige Land, das den Flüchtlingen helfe. "Es gibt 130.000 syrische Flüchtlinge in ganz Europa, während die Türkei 1,5 Millionen Menschen aufgenommen hat."

Auch PKK sieht Friedensprozess gefährdet

Bei den Protesten in der Türkei sind laut neuesten Angaben mindestens 37 Menschen ums Leben gekommen. Entzündet hatten sich die Demonstrationen an der Entscheidung der Regierung in Ankara, die Kurden in der nordsyrischen Grenzstadt Kobane in ihrem Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) nicht zu unterstützen. Zwar hat das Parlament den Einsatz der Streitkräfte bewilligt, ein Einsatzbefehl steht jedoch bislang noch aus.

Mittlerweile ist die Gewalt in den türkischen Städten jedoch weitgehend abgeebbt. In der Nacht zum Samstag marschierten nur noch kleinere Gruppen durch die Kurdenmetropole Diyarbakir, aus Istanbul wurden keine größeren Zusammenstöße gemeldet.

Nicht nur Erdogan sieht den Friedensprozess zwischen der Türkei und den Kurden gefährdet. Die in der Türkei verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK kritisierte die Regierung scharf: "Wir haben die Türkei gewarnt. Wenn sie so weiter machen, dann wird die Guerilla den Verteidigungskrieg zum Schutz des Volkes wieder aufnehmen", sagte PKK-Anführer Cemil Bayik in einem Interview mit dem ARD-Hörfunk.

bka/dpa



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insgesamt 147 Beiträge
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Teddi 11.10.2014
1. Wie soll man das deuten?
Will Erdogan auf diese Weise die IS Miliz heimlich unterstützen? Wenn er Frieden mit den Kurden will, wäre doch dies die beste Gelegenheit seinen guten Willen zu beweisen, indem er ihnen hilft. Statt dessen fällt er ihnen mit diesem Unsinngerede in den Rücken. Der Mann redet immer mit gespaltener Zunge. Man kann ihm nicht über den Weg trauen und so ist er eine Gefahr für ganz Europa.
hubertrudnick1 11.10.2014
2. Kurden
Lieber Herr Erdogan haben sie denn jemals daran gedacht, ihre kurdischen Mitbüger in ihrer Politik und Gesellschaft mit einzubeziehen, ich glaube nicht daran, sie haben bisher nur alle getäuscht und das zeigt sich jetzt erneut, denn sie hoffen doch, dass mit der Zurückhaltung ihnen vielleicht das Kurdenproblem ein Stück entgegen kommen kann. Sie sind für mich ein total unglaubwürdiger Politiker.
Leser1000 11.10.2014
3. Bodenlose Unverschämtheit
Dieser Herr und seine Clique liefern die Kurden ans Messer. Er schneidet den Kämpfern in Kobane den Weg ab bzw. erlaubt ihnen nicht Waffen und Kämpfer nachzuführen. Es würde einen nicht wundern, wenn die Türkei noch immer mit IS paktiert. Was erwartet er denn bei dieser Politik? Das die Kurden ihm danken, während ihre Leute vertrieben und abgeschlachtet werden? Und nun beschuldigt er die Kurden des Aufruhrs. Es fehlen einem die Worte.
imadhabka 11.10.2014
4.
Es dauert nicht mehr lange und dann hat er ähnliche Probleme wie sein ehmaliger Freund Assad,denn in der Türke gibt es genug unzufriedene und gucken wir mal wie er damit umgeht.
Tiberias 11.10.2014
5. Oftmals frage ich mich...
... in welcher Welt dieser Mensch lebt. Die Kurden werden in Kobane abgeschlachtet und Erdogan schaut zu. Welche Reaktion erwartet er denn bitteschön? Es wäre für die Türkei ein Leichtes, den ganzen IS-Spuk innerhalb von Tagen zu beenden, aber leider tut sie das nicht. Ich glaube, dass das Land sich sehr bald für eine Seite entscheiden muss: Zivilisierter Westen oder barbarischer Islamismus.
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