Türkei: Kurdische Rebellen entführen Abgeordneten

In der Türkei spitzt sich der Kurden-Konflikt zu: Erstmals haben Rebellen einen türkischen Politiker entführt - der kurdischstämmige Abgeordnete sitzt für die Oppositionspartei CHP im Parlament in Ankara. Die Behörden kündigten einen Großeinsatz an.

Ankara - Der Kurden-Konflikt in der Türkei hat eine neue Eskalationsstufe erreicht: Kurdische Rebellen haben am Sonntagabend nach übereinstimmenden Angaben einen kurdischstämmigen Politiker der türkischen Oppositionspartei CHP entführt. Wie aus Sicherheitskreisen und von örtlichen Behördenvertretern zu erfahren war, wurde der Parlamentarier Hüseyin Aygün in einem ländlichen Teil der Stadt Tunceli im Südosten der Türkei verschleppt. Die Rebellen hätten sein Auto auf einer Autobahn angehalten, berichtet die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Sicherheitskreise.

Ein mitreisender Journalist sowie ein Berater Aygüns seien wieder freigelassen worden, sagte ein Sprecher der Partei CHP. Dass nun erstmals ein Abgeordneter entführt worden sei, zeige, "welches Niveau der Terrorismus" in der Türkei erreicht habe, so der Sprecher. Nach Augenzeugenberichten sollen die Entführer mit ihrer Geisel in den nahe gelegenen Wäldern verschwunden sein.

Aygüns Berater Deniz Tunc sagte dem Fernsehsender NTV nach seiner Freilassung, sein Chef habe eine halbe Stunde lang mit den Entführern auf Kurdisch verhandelt, ihn und den Journalisten laufen zu lassen. Das türkische Militär verfolgte die Entführer, die Behörden kündigten für Montagmorgen einen groß angelegten Einsatz an.

Der Abgeordnete Aygün vertritt im Parlament in Ankara die Stadt Tunceli. Laut Angaben auf seiner Internetseite befasst er sich in seiner Arbeit mit Menschenrechtsverletzungen wie Folter sowie im Zusammenhang mit Zwangsräumungen kurdischer Dörfer. Die Republikanische Volkspartei (CHP) ist die mit 135 von 550 Sitzen stärkste Oppositionspartei im Parlament.

Entführung soll Rache für Militäraktion der Regierung sein

Der jahrzehntelange Konflikt zwischen kurdischen Rebellen und der türkischen Armee war in den vergangenen Wochen wieder aufgeflammt. Nach mehreren Angriffen hatte die Armee Ende Juli eine Boden- und Luftoffensive gegen Stützpunkte der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK gestartet. Am 5. August stürmten kurdische Rebellen einen türkischen Armeeposten an der irakischen Grenze und töteten 22 Menschen. Insgesamt wurden seit Beginn der Offensive am 23. Juli nach offiziellen Angaben mindestens 115 Rebellen getötet.

Erst vergangene Woche waren im kurdischen Südosten der Türkei drei Soldaten entführt worden. Kurdische Rebellen nehmen regelmäßig Arbeiter, Soldaten oder Behördenvertreter als Geiseln, um die Freilassung gefangener Rebellen zu erpressen. Türkischen Medienberichten zufolge ist die Entführung Aygüns aber auch eine Reaktion auf die jüngste Militäroffensive gegen die Rebellen.

Die in der Türkei verbotene Kurdische Arbeiterpartei (PKK) kämpft seit beinahe 30 Jahren für Autonomie im mehrheitlich von Kurden bewohnten Südosten des Landes. Die Rebellen verfügen über Stützpunkte im Norden des Irak, von wo aus sie Aktionen in der Türkei organisieren. Die Türkei befürchtet, dass die Aufständischen den Bürgerkrieg im benachbarten Syrien nutzen könnten, um auch dort Stützpunkte einzurichten. Die EU und die USA stufen die PKK als Terrororganisation ein. Rund 20 Prozent der etwa 75 Millionen Einwohner der Türkei sind Kurden.

anr/dapd/AFP

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Fotostrecke
Kurdenkonflikt: Problemfall Öcalan

Fläche: 783.562 km²

Bevölkerung: 74,724 Mio.

Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt:
Recep Tayyip Erdogan

Regierungschef: Ahmet Davutoglu

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