Kurden-Konflikt USA rufen Iraker zum Kampf gegen PKK

Die USA wollen die Türkei um jeden Preis von einer Invasion in den Irak abhalten. Sie verstärken den Druck auf Bagdad, vermitteln hektisch zwischen allen Fronten - ob sie die PKK-Offensive und die Wut in der Türkei noch unter Kontrolle bringen können, ist ungewiss.

Von Jürgen Gottschlich, Istanbul


"Herr Präsident, Herr Präsident, ist die PKK nun terroristisch oder nicht?" - "Was, was ist? Können Sie das noch mal sagen, ich habe ihre Frage nicht verstanden!"

Die Aggressivität nimmt zu: Demonstration in Istanbul für einen am Wochenende gefallenen türkischen Soldaten
AFP

Die Aggressivität nimmt zu: Demonstration in Istanbul für einen am Wochenende gefallenen türkischen Soldaten

Wie sehr die Kommunikation zwischen den politischen Akteuren in der Türkei und im Nordirak derzeit gestört ist, illustrierte unfreiwillig ein Telefoninterview am Sonntagabend. Mehmed Ali Birand, einem der bekanntesten Journalisten der Türkei, war es gelungen, Dschalal Talabani ans Telefon zu bekommen - den Kurdenführer im Nordirak und gleichzeitig amtierenden Präsidenten des Gesamtirak. Während in Ankara das Kriegskabinett tagte, bekniete Birand Talabani, doch bitte irgendeinen entspannenden Satz zu sagen. Ohne Erfolg. Talabani wollte sich einfach nicht festlegen. Zehn Minuten wich er jeder Frage weiträumig aus. Nur so viel: Die PKK solle auch seiner Ansicht nach "aufhören, Ärger zu machen. "Wenn sie ihre Waffen nicht niederlegen wollen, sollen sie aus dem Nordirak verschwinden." Nur habe er, Talabani, leider nicht die Mittel, die PKK dazu zu zwingen.

Erst Stunden später hatte er Konkreteres zu verkünden. Im privaten türkischen Fernsehsender NTV gab er bekannt, man habe den PKK-Rebellen die Zusage abgerungen, dass ab Montagabend alle Kampfhandlungen beendet werden.

Zwischen beiden Auftritten lagen Stunden hektischer Diplomatie - die heute Nachmittag in der Zusage der Türkei gipfelte, vorerst nicht in den Nordirak einzumarschieren. Vor einem Militäreinsatz werde man alle diplomatischen Mittel ausschöpfen, sagte Außenminister Ali Babacan. Das Weiße Haus teilte mit, es verlange von den Irakern ein "zügiges Vorgehen" gegenüber der PKK. Man wolle keine "größeren militärischen Aktionen" an der türkisch-irakischen Grenze sehen und werde mit allen Parteien zusammenarbeiten, um eine Eskalation zu verhindern, sagte ein Sprecher von Präsident George W. Bush.

Der Kurdenkonflikt
Kurdistan
SPIEGEL ONLINE
Das Volk der Kurden umfasst Schätzungen zufolge bis zu 30 Millionen Menschen. Sie leben hauptsächlich auf dem Gebiet der Staaten Türkei, Iran, Irak und Syrien. Im Irak ist ihr ölreiches Gebiet im Norden des Landes weitgehend autonom (siehe Karte...). Einen eigenen politischen Staat Kurdistan hatten sie nie. Vor allem die Türkei unterdrückte die Kurden auf ihrem Staatsgebiet: Mehrere Aufstände wurden niedergeschlagen, Sprache, Musik, Literatur und sogar die kurdische Nationalkleidung wurden verboten. Aber auch Iran, Irak und Syrien versuchten, den Kurden ihre kulturelle Identität zu nehmen.
PKK
Die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) gründete sich in den siebziger Jahren im kurdischen Teil der Türkei. Ihr Ziel war es, mit Waffengewalt einen eigenen kurdischen Staat zu schaffen. Vor allem in den achtziger und neunziger Jahren eskalierte die Gewalt - und wurde von der Organisation auch ins Ausland getragen. Die PKK ist in der Türkei verboten, ebenso in Deutschland. Die EU und die USA betrachten die PKK als terroristische Organisation. Heute sollen sich rund 3000 PKK-Kämpfer in den Bergen im Nordirak versteckt halten. Der verhaftete und zu lebenslanger Haft verurteilte PKK-Führer Abdullah Öcalan hatte 1999 den bewaffneten Kampf der Gruppe für beendet erklärt; Mitte 2004 kündigte diese jedoch den Waffenstillstand auf.
Nordirak
Die nordirakische Kurdenregion ist seit mehr als 15 Jahren weitgehend autonom. Nach dem Golfkrieg 1991 schufen die Alliierten dort eine von den USA und Großbritannien geschützte Flugverbotszone, was noch unter Diktator Saddam Hussein zur Autonomie führte. Seit der US-geführten Invasion in den Irak und dem Sturz Saddams 2003 ist der Norden im Vergleich zum Rest des Landes weitgehend von Gewalt verschont geblieben. Viele Iraker unterschiedlicher Volksgruppen haben deshalb dort Zuflucht gesucht. In jüngster Zeit kommt es jedoch auch in der Kurdenregion vermehrt zu Anschlägen. Für Spannungen sorgt der Status des ölreichen Gebiets Kirkuk. Die gleichnamige Stadt liegt zwar knapp außerhalb der autonomen Region, wird aber von den Kurden als historische Hauptstadt beansprucht. In ihr leben jedoch auch Araber und Turkmenen. Die irakische Verfassung von 2005 sieht ein Referendum über den künftigen Status der Stadt noch in diesem Jahr vor.

Wie viel der Aufschub und die Zusagen bringen, muss sich erst noch zeigen - die PKK hat das türkische Militär offen provoziert, und niemand weiß, ob sie sich wirklich unter Kontrolle bringen lässt. Erst heute teilte sie mit, sie habe acht türkische Soldaten in ihre Gewalt gebracht. Der türkische Generalstab räumte ein, dass seit den jüngsten Gefechten im Grenzgebiet acht Soldaten vermisst werden.

Die Wut in der Türkei wächst

Die politische Lage im kurdisch kontrollierten Nordirak ist kompliziert. Massud Barsani, neben Talabani der zweite Kurdenführer im Nordirak, hatte es noch gestern rundheraus abgelehnt, die PKK als Terrororganisation zu bezeichnen. Der derzeitige Präsident der kurdischen Autonomieregion und ewige Konkurrent Talabanis kündigte an, dass sich die 100.000 Mann der offiziellen kurdischen Miliz bei einem Einmarsch gegen die türkische Armee stellen würden.

Diese klare Weigerung der kurdischen Autonomieregierung, gegen die PKK vorzugehen, hatte die Wut in der türkischen Bevölkerung angestachelt. Die offiziellen Vertreter der Kurden waren nicht bereit, sich von den Anschlägen der Separatistenorganisation in der Türkei zu distanzieren - und machten sich damit selbst immer mehr zur Zielscheibe des türkischen Volkszorns. "Gebt Barsani, was er verdient", skandierten am Sonntag Tausende Demonstranten der rechtsradikalen MHP und ihrer Jugendorganisation Graue Wölfe in Istanbul und anderen Städten. Hunderte zogen am Sonntagabend durch die zentrale Fußgängermeile der Stadt - von den shoppenden Massen teilweise durchaus mit Beifall bedacht.

Mit der PKK und Barsani rückt auch die legale kurdische Partei DTP in den Fokus der Auseinandersetzung. Von den Demonstranten kurzerhand als Sprachrohr der PKK geschmäht, fordern immer mehr Nationalisten, die Abgeordneten der DTP aus dem Parlament zu entfernen.



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