Peschmerga-Armee im Irak Die Kämpfer Kurdistans

Die Peschmerga-Armee kämpft im Nordirak gegen die IS-Terrormiliz, unterstützt von den USA mit Waffen und Luftschlägen. Wer sind die kurdischen Kämpfer und wie stark sind sie?

Kurdische Peschmerga-Kämpfer im Nordirak: Altertümliche Armee
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Kurdische Peschmerga-Kämpfer im Nordirak: Altertümliche Armee


Oft tragen sie weite Hosen, am Bauch zusammengebunden mit dicken Gürteln, dazu Turbane: Die Kämpfer der kurdischen Peschmerga-Armee im Nordirak wirken wie ein sonderbares, altertümliches Militär. "Die dem Tod ins Auge Sehenden", das heißt Peschmerga übersetzt - und zurzeit trifft der Begriff mehr zu als es den meisten Kämpfern lieb sein dürfte.

Die Soldaten der kurdischen Armee stehen im Norden des Irak seit Wochen unter enormen Druck: Zuletzt verloren sie große Gebiete gegen die brutal agierende Terrorgruppe "Islamischer Staat", dann kündigten sie eine Gegenoffensive an. Inzwischen bekommen die Kurden Unterstützung aus dem Ausland: Die US-Armee hilft mit Luftschlägen gegen Stellungen der IS-Extremisten, liefert wie Iran zusätzlich Waffen. Auch in Deutschland wird diskutiert, ob die Bundesregierung Waffen schicken sollte. Aber wer sind die Kämpfer überhaupt? Die wichtigsten Antworten im Überblick:

Wer sind die Peschmerga?

Die Peschmerga sind die Armee des kurdischen Autonomiegebiets im Irak. Laut dem US-amerikanischen Thinktank Washington Institute besteht die Truppe aus mindestens 130.000 Soldaten, andere Quellen gehen von bis zu 200.000 Kämpfern aus. Das oberste Kommando über die Soldaten hat das Peschmerga-Ministerium der kurdischen Regionalregierung in Arbil. Die kurdischen Kämpfer sind seit Wochen der einzige ernstzunehmende Gegner der IS-Extremisten im Nordirak.

Wie stark ist die Truppe?

130.000 Kämpfer, das klingt nach einer schlagkräftigen Armee. Die Peschmerga sind jedoch durch einen inneren Zwist geschwächt: zwischen den Kämpfern der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) und der Patriotischen Union Kurdistans (PUK). Laut Washington Institute besteht die eigentliche Armee aus lediglich 33.000 Mann, 30.000 weitere bewaffnete Kräfte unterstehen dem kurdischen Innenministerium und sind mit Polizeikräften zu vergleichen. Die restlichen 70.000 Mann werden laut Washington Institute von KDP und PUK jeweils unabhängig kontrolliert. "Die Peschmerga sind stark politisiert und kaum vereinigt", sagt Nahost-Experte Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. "Das schwächt die Armee enorm."

Welche militärische Ausrüstung haben die kurdischen Kämpfer?

Die Peschmerga sind vor allem mit leichtem Kriegsgerät ausgerüstet. Laut US-Regierungskreisen kommt ein Großteil der Munition von der irakischen Zentralregierung. Das schwere Kampfmaterial der Truppe ist offenbar veraltet: Es handelt sich um erbeutete Panzer, Transportfahrzeuge und Panzerabwehrsysteme aus der Ära Saddam Husseins, gegen den die Peschmerga kämpften. Seitdem sind Ausrüstung und Ausbildung besser geworden, dennoch seien die Peschmerga "weiterhin stark unterentwickelt", urteilt das Washington Institute. Vor allem schweres Kriegsgerät, also Artillerie, gepanzerte Fahrzeuge, Truppentransporter, besitze die Truppe viel zu wenig. Bis auf wenige Helikopter haben die Peschmerga auch keine Luftwaffe.

Was bedeutet die mangelhafte Ausrüstung für den Kampf gegen die IS-Extremisten?

Die Front zwischen IS und Peschmerga ist mehrere hundert Kilometer lang. In großen Teilen ist das Gelände flach und schlecht zu sichern. Laut SWP-Experte Steinberg waren die Waffenlieferungen der USA an die kurdischen Kämpfer deshalb dringend nötig: "Der IS ist sehr mobil und flexibel, die Kampflinie im Nordirak ungeheuer lang. Ohne Luftwaffe und schweres Kriegsmaterial stehen die Chancen für die Kurden sehr schlecht."

Welche Waffen liefern die USA den Peschmerga?

Über den genauen Inhalt und Umfang der Lieferungen ist kaum etwas bekannt. Laut der US-Zeitung "Washington Post" helfen die USA den Peschmerga-Kämpfern vor allem mit Schnellfeuergewehren, Munition und Mörsern, damit diese ihre Stellungen besser verteidigen können. Ebenso unterstützen die USA Lufttransporte von Waffen aus irakischen Armeelagern rund um Bagdad in den Norden des Irak, hieß es in Militärkreisen.

Wären Waffenlieferungen auch von Deutschland sinnvoll?

SWP-Experte Steinberg findet: ja. Gerade Deutschland und die EU sollten sich durchringen, die Peschmerga zu unterstützen, fordert er. Für Berlin bestehe ein natürliches Interesse, den Konflikt im Nordirak zu befrieden - wegen der Nähe zu Europa noch stärker als für die USA. "Etabliert sich der IS, kommt auf Europa ein neues Terrorproblem zu, außerdem bekommen wir es mit neuen Flüchtlingsströmen zu tun."

Wie steht die Bundesregierung zu Waffenlieferungen?

Die Bundesregierung scheint uneins. Bislang hat das Kabinett es abgelehnt, die Peschmerga mit Waffen zu unterstützen. Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) sagte, es sei zwar gut, dass die USA nun Waffen an die Kurden lieferten. Für Deutschland komme das dennoch nicht infrage: "Wir leisten die humanitäre Hilfe", sagte Kauder. "Es gibt schon einen Unterschied zwischen der Weltmacht Amerika und dem, was Deutschland leisten kann. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel schwenkte nun jedoch vorsichtig um: Waffenlieferungen wollte er nicht mehr ausschließen. "Je nach Entwicklung wird Deutschland über alle Fragen reden müssen", sagte Gabriel.

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insgesamt 88 Beiträge
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rkinfo 13.08.2014
1. Zerstritten bleibt zerstritten
Diese tiefe Zerstrittenheit wird per Waffenlieferungen nicht besser. Daher ist Vorsicht angebracht und die US-Luftschläge sinnvoller als signifikante Waffenlieferungen. Den radikalen Islam müssen wir bei uns wie Atatürk bekämpfen: Kopftuch verbannen und wer da aufmuckt aus der EU rauswerfen.
meinung2013 13.08.2014
2.
es gab mal eine zeit, da hieß es:" die wilden Kämpfer Kurdistans". Unglaublich wie schnell im Westen aus bösen Buben gute Jungs werden und umgekehrt.
Gerhard Gösebrecht 13.08.2014
3.
natürlich kann man die Kurden kräftig aufrüsten, nur besteht die Gefahr das wir in wenigen Jahren ein Problem in der Türkei haben. Was dann? Die Türkei ist in der NATO und somit wird man nicht drumherum kommen die Türkei zu unterstützen und gegen die heute aufgerüsteten Kurden in den Krieg zuziehen.
david_2010 13.08.2014
4. 270 Leopard Kampfpanzer
Die 270 Leopard Kampfpanzer, die an Saudi Arabien gehen sollten einfach an die Kurden verkaufen. Gegen Öl. Aber dann gehört den Kurden bald der ganze Irak. ;)
hanseat89 13.08.2014
5.
In 3 Jahren fragt sich die Welt, wer zum Teufel hat die mit Waffen beliefert, sollte es bis dahin nicht geklärt sein, sage ich Russland voraus
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