Kurdische Attacke auf Militärposten Türkei startet massiven Vergeltungsschlag

Kurdische Rebellen haben mehr als 20 türkische Sicherheitskräfte getötet, die Staatsführung in Ankara kündigt massive Vergeltung an. Laut Nachrichtenagentur Reuters hat das Militär bereits mehrere aufständische Kämpfer getötet, die Luftwaffe fliegt schwere Angriffe.

DPA

Ankara - Die Türkei werde die Angreifer, "bis zum Ende" verfolgen, kündigte der türkische Präsident Abdullah Gül an. "Die Vergeltung für diese Angriffe wird heftig sein." Tatsächlich holt das türkische Militär bereits zu einem massiven Vergeltungsschlag aus, nachdem kurdische Rebellen mehr als 20 türkische Soldaten und Polizisten getötet haben.

Es sollen Beobachtern zufolge die schwersten Verluste für die türkische Armee sein, seitdem die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) im Jahr 1984 den bewaffneten Kampf gegen den türkischen Staat aufnahm.

Offenbar als Reaktion auf den Angriff haben türkische Sicherheitskräfte in der Nähe der irakischen Grenze nun 15 kurdische Rebellen getötet. Die türkischen Soldaten begannen noch in der Nacht, die Milizen zu jagen, nachdem diese wenige Stunden zuvor zeitgleich mehrere Polizei- und Militärstationen in der Provinz Hakkari attackiert hatten.

Als Vergeltung auf den blutigen Angriff marschierten türkische Sicherheitskräfte nach übereinstimmenden Berichten türkischer und kurdischer Medien auch in den Nordirak ein und machten dort Jagd auf kurdische Rebellen. Sie wurden dabei von Bombern und Kampfhubschraubern der türkischen Luftwaffe unterstützt. Die irakische Nachrichtenagentur AK News berichtete, vier türkische Kampfflugzeuge hätten eine Ortschaft in der nordirakischen Provinz Erbil angegriffen.

Der türkische Sender NTV meldete, die Flugzeuge seien von einem Fliegerhorst in der Provinz Diyarbakir aufgestiegen. Der Fernsehsender berichtete weiter, die türkische Armee sei vier Kilometer tief in den Irak eingedrungen. Eine offizielle Bestätigung für den Einmarsch gab es zunächst nicht.

Erdogan kündigt "massive Militäroperationen" an

Der türkische Armeechef sowie der Innen- und der Verteidigungsminister begaben sich der Nachrichtenagentur dapd zufolge umgehend ins Kampfgebiet. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan brach eine Reise nach Kasachstan ab und rief das Kernkabinett zu einer Krisensitzung zusammen. Truppen seines Landes würden nach den tödlichen Angriffen der kurdischen Rebellen "massive Militäroperationen" im türkisch-irakischen Grenzgebiet durchführen.

Die kurdischen Rebellen hatten ihre Angriffe seit einigen Monaten wieder ausgedehnt, nachdem die türkische Armee einen von ihnen einseitig erklärten Waffenstillstand nicht beachtet hatte. Zugleich zerstreuten sich Hoffnungen auf eine Verhandlungslösung des Kurdenkonflikts in der Türkei nach den Parlamentswahlen im Sommer. Dabei hatte ein von der Kurdenpartei BDP geführtes Bündnis 36 Sitze im Parlament erreicht, was die Kurden als Erfolg feierten. Jedoch wurde dem BDP-Abgeordneten Hatip Dicle aus der Kurdenmetropole Diyarbakir und mehreren seiner Kollegen unmittelbar nach der Wahl das Mandat aberkannt, weil sie die PKK unterstützt haben sollen. Das brachte die Kurden ebenso auf wie eine monatelange Kontaktsperre für den inhaftierten PKK-Chef Abdullah Öcalan, der auf der Gefängnisinsel Imrali einsitzt.

Die kurdische Abgeordnete Aysel Tugluc hatte kürzlich angeboten, die PKK werde ihre Waffen niederlegen, wenn Öcalans Haft in einen Hausarrest umgewandelt werde. Darauf ging die türkische Seite jedoch nicht ein, obwohl wiederholte Gespräche zwischen Öcalan und Vertretern des türkischen Staates bekannt geworden waren. Die Kurden fordern "demokratische Autonomie" in den mehrheitlich von ihnen bewohnten Gebieten, was vor allem auf kommunale Selbstverwaltung und die uneingeschränkte Benutzung ihrer Sprache in Bildung und Öffentlichkeit hinausliefe. Zwar hat die Regierung kurdische Sprach-Institute an Universitäten, privaten Sprachunterricht und Fernsehsendungen auf kurdisch zugelassen. Kurdisch ist aber generell in den Schulen noch nicht erlaubt.

Westerwelle verurteilt kurdischen Angriff

Außenminister Guido Westerwelle verurteilte den Angriff von kurdischen Kämpfern auf türkische Sicherheitskräfte. Der FDP-Politiker äußerte sich am Mittwoch in Berlin "bestürzt und erschüttert". Zugleich appellierte er an die Türkei und den Irak, gemeinsam mit der kurdischen Regionalregierung nach Lösungen für den Kurdenkonflikt zu suchen. Terrorgruppen wie die verbotene Arbeiterpartei PKK dürften in der türkisch-irakischen Grenzregion kein "Rückzugsgebiet" haben.

Die kurdischen Rebellen kämpfen für Unabhängigkeit oder größere Autonomie der Kurdengebiete in der Türkei. Seit 1984 fielen dem Konflikt Zehntausende Menschen zum Opfer. Die PKK wird von der Türkei, der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft. Kurdische Organisationen beklagen eine systematische Diskriminierung ihrer Volksgruppe durch den türkischen Staat. Die EU fordert von ihrem Beitrittskandidaten Türkei, den Kurden mehr Rechte zu geben.

Derzeit sitzen über 4000 kurdische Politiker, darunter viele Bürgermeister und Kommunalpolitiker meist unter dem Vorwurf der Unterstützung der PKK in Untersuchungshaft.

heb/hen/Reuters/dapd/dpa



insgesamt 156 Beiträge
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Seite 1
nahal, 19.10.2011
1. interessant
Zitat von sysopKurdische Rebellen haben mehr als 20 türkische Sicherheitskräfte getötet, die Staatsführung in Ankara kündigt*massive Vergeltung an. Laut Nachrichtenagentur Reuters hat das Militär bereits mehrere aufständische Kämpfer*getötet, die Luftwaffe fliegt schwere Angriffe. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,792700,00.html
"Turkish commandos crossed 3-4 km (1.9 to 2.5 miles) into northern Iraq in pursuit of the rebels following the attacks in Cukurca and Yuksekova districts of Hakkari province, military sources said.... Turkish media reported Turkish warplanes, which have launched retaliatory air strikes on Kurdish rebel targets in northern Iraq after past attacks, had taken off from a base in the city of Diyarbakir." Angesichts rabiater Kritik der türkischen Regierung bei leicht vergleichbaren Reaktionen anderer Staaten wäre interessant zu erfahren, ob diese Reaktion des türkischen Militärs "legal" sei. Hätte nicht, wie sonst von Erdogan laut gefordert, zuerst der UN-Sicherheitsrat befragt werden müssen?
angnaria 19.10.2011
2. bitte
Bitte nicht einfach die Pressemeldungen der türkischen Regierung unreflektiert 1:1 übernehmen: Es wurden 15 Kurden getötet oder von mir aus 15 mutmassliche kurdische Rebellen.
Hypotheker, 19.10.2011
3. Rebellen ?
PKK als Rebellen oder Freiheitskämpfer darzustellen hat in Deustchland tradition. Ja sogar deren politische Unterstützung insbesondere durch die Linken und SPD ist unerträglich. Einer von den Linken hat sogar Öcalan mit Mandela verglichen. Muss ich dann Adolf mit Ghandi vergleichen ? PKK sind Terroristen die auch Ihre eigenen Leute killen. Aber 95 % der Kurden in der Türkei lehnen die PKK ab.
Talking Frog 19.10.2011
4. Bin gespannt auf die Kommentare ...
Bin gespannt auf die Kommentare im Forum ... Wenn Israel in einer vergleichbaren Situation den Gaza Streifen bombardieren würde. Dann wären die Reaktionen klar: Emotionen, Nazi-Vergleiche spätestens auf Seite 2 etc. Wenn aber die Russen Tschetschenien ins Mittelalter zurückbomben. Dann wird leidenschaftslos diskutiert. "Mit zweierlei Maß messen." Mal sehen, zu welcher Gruppe die Türkei zählt. Wird da analytisch, gelangweilt diskutiert werden? Oder zählen sie zur Gruppe der finstren Mächte: Hitler, Sauron, USA, Israel?
hksm 19.10.2011
5. War da nicht was?
Goodbye EU-Beitritt. (NB: mir ist die EU jetzt schon zu groß)
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