Rom - Mit dem Vorschlag, zur Steigerung der Produktivität die Mittagspause abzuschaffen, hat ein italienischer Minister einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. "Die Mittagspause schadet der Arbeit. Das ist ein Ritual, das das ganze Land lahmlegt", hatte der Minister zur Umsetzung von Regierungsprogrammen, Gianfranco Rotondi, am Montag erklärt.
Die Kritik folgte auf dem Fuße: "Hat Rotondi überhaupt schon mal gearbeitet?" fragte Gianni Pagliarini von der Kommunistischen Partei in der Zeitung "La Stampa" vom Dienstag ironisch. Gewerkschaftschef Michele Gentile sprach von einem Angriff auf die Rechte der Arbeitnehmer. Bei der Mittagspause handele es sich "um ein vor langer Zeit errungenes Recht." "Wenn wir schon mal dabei sind, schaffen wir doch auch das langweilige Ritual des Schlafens ab", sagte ein anderer Gewerkschaftschef sarkastisch.
Ernährungswissenschaftler Giuseppe Fatati zeigte sich gegenüber dem "Messaggero" besorgt um die Volksgesundheit: Es seien die Mahlzeiten, die dem menschlichen Organismus einen Rhythmus verliehen. Ein Dauerfasten während der Arbeitszeit sei daher schädlich. "Man kann das Gehirn nicht ohne Nahrung lassen. Um die Konzentration und die Produktivität zu erhalten, braucht man Brennstoff", betonte Fatati.
Rotondi hatte argumentiert, die lange Mittagspause mit dem Verzehr einer warmen Mahlzeit aus Nudeln oder Fleisch, Gemüse, Obst und Espresso befördere Fettleibigkeit und schade der Wirtschaft. Laut einer Studie des Verbands der Lebensmittelindustrie essen 44 Prozent der italienischen Arbeitnehmer in einem Restaurant oder einer Bar zu Mittag. 36 Prozent gehen in die Kantine, und weniger als fünf Prozent bringen sich ihr Essen von zu Hause mit zur Arbeit.
Der im Kabinett für die "Umsetzung des Regierungsprogramms" zuständige Rotondi hatte sich zudem dafür ausgesprochen, die subventionierte Kantine im Parlament zu schließen, "weil ihr Betrieb zu teuer ist und sie die Abgeordneten fett macht". Der "Corriere della Sera" erinnerte anlässlich der Äußerung daran, dass Diktator Benito Mussolini 1924 beim Bemerken von Essensdüften im Parlament geschimpft habe: "Wir sind hier, um Gesetze zu machen, nicht um zu essen."
Angesichts der Kritik gibt sich Rotondi mittlerweile weniger forsch. Er habe niemals den Verzicht auf die Mittagspause gepredigt. "Ich habe nur gesagt, dass ich sie für mich vor 20 Jahren abgeschafft habe." Ideal sei es, wenn die Arbeitnehmer eine ähnliche Entscheidung träfen.
ffr/AFP/Reuters
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