Kurzvisite in Moskau De Maizière will Russland bei Armee-Reform helfen

Deutschland will engere militärischen Kontakte zu Russland. In Moskau sicherte Verteidigungsminister de Maizière deutsches Know-how für die Reform der Streitkräfte zu. Der Umbau ist ein Mega-Projekt - allein in bessere Ausrüstung sollen bis 2020 sagenhafte 500 Milliarden Euro fließen.

Aus Moskau berichtet

Besuch in Moskau: De Maizière will der Armee beim Schrumpfen helfen
dapd

Besuch in Moskau: De Maizière will der Armee beim Schrumpfen helfen


Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière hat Russland eine enge Kooperation beim Umbau der russischen Armee und damit bei einer der größten Reformen des Riesenreichs zugesagt. Auf einer Kurzvisite in der russischen Hauptstadt, der ersten eines deutschen Verteidigungsministers seit zweieinhalb Jahren, traf de Maizière mit seinem Amtskollegen Anatoli Serdjukow zusammen. Konkrete Verträge wurden nicht unterzeichnet, Serdjukow sprach jedoch nach dem rund einstündigen Treffen von einem "riesigen Potential für die Kooperation zwischen Russland und Deutschland". De Maizière ergänzte, dass für die kommenden Jahre viele Projekte angedacht seien, so könne Russland von den Erfahrungen der Bundeswehr beim Umbau der Armee profitieren. "Wir haben ein sicherheitspolitisches Interesse an einer modernen russischen Armee, die gut geführt ist", sagte der deutsche Minister.

Die deutsch-russischen Militärkontakte haben sich im laufenden Jahr massiv intensiviert. Kürzlich war Verteidigungsminister Serdjukow extra nach Deutschland gekommen, um dort das hochmoderne Gefechtsübungszentrum der Bundeswehr in Sachsen-Anhalt zu besichtigen. In der Anlage trainieren Soldaten Kampfsituationen und Strategien in realen Bedingungen, dabei werden sie von Vorgesetzten aus einem Kontrollzentrum überwacht und gesteuert. Die Anlage wird von einem Privatunternehmen für die Bundeswehr betrieben. Dieses könnte eine solche auch in Russland aufbauen. De Maizière signalisierte in Moskau, dass er einem solchen Projekt positiv gegenübersteht. Interessiert seien die Russen auch an deutschem Know-how zum Aufbau von Feldlagern oder Lazaretten. Es sind nicht so sehr schwere Waffen, die die Russen interessieren, hieß es. Vielmehr seien Logistik und vor allem Ausbildung gefragt.

Für Russland ist der Umbau seiner nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion völlig maroden Armee ein Mega-Projekt. Mit schlecht oder gar nicht bezahlten Soldaten gilt die Disziplin als mangelhaft. Die Ausrüstung stammt oft aus den Zeiten des Kalten Kriegs, Marine und Luftwaffe sind ziemlich marode. Handlungsbedarf erkannte die Führung schon vor einigen Jahren. Von oben ordnete der Kreml eine Radikal-Reform der Streitkräfte an. "Der Krieg wird heute nicht mehr auf dem Feld von Tausenden Soldaten geführt", erläuterte Generalmajor Sergej Ruskoj nun im Verteidigungsministerium, "wir brauchen eine Armee, die schnell und effektiv an einzelnen Konfliktherden einsetzbar ist". Eine moderne Einsatzarmee sei die erste Priorität der Reformvorhaben. Allein wegen des Anspruchs als Weltmacht setzt die Führung des Kremls auf eine mobile Truppe, die Konflikte am Rand von Russland schnell und effektiv bekämpfen kann.

Russland will von Deutschland lernen

Verschlankt ist die russische Armee schon heute. Statt vier Millionen Soldaten - wie noch vor einigen Jahren - hat Russland derzeit nur noch eine Million Männer und Frauen in Uniform. In den kommenden Jahren soll auch diese Zahl noch weiter sinken. Die Bundeswehr wirkt gegen die Streitmacht Russlands wie ein Mini-Heer. Derzeit sind nur noch knapp 200.000 Männer und Frauen bei der Bundeswehr, im Zuge der Reform wird diese Zahl Jahr jedes Jahr kleiner werden. Aus russischer Sicht sind die Erfahrungen aus den letzten Jahren, in der die Bundeswehr immer weiter gesundgeschrumpft wurde, besonders interessant. Nicht erst seitdem de Maizière seit dem Frühjahr Minister im Wehrressort ist, registrierten die Beamten dort ein massives Interesse Russlands an einer intensiven Zusammenarbeit.

Was Generalmajor Ruskoj in Moskau erläuterte, klingt in vielen Punkten nach den Schwerpunkten der Bundeswehrreform. "Der Dienst an der Waffe muss wieder attraktiver werden", erläuterte Ruskoj. Deswegen sollen vor allem der Sold und die Lebensbedingungen der Soldaten verbessert werden. Zudem wollen die Top-Militärs die verkrustete Befehlsstruktur verschlanken und einzelne Logistikaufgaben wie die Fahrzeugwartung oder die Instandhaltung der Kasernen an private Firmen abgeben. Am Ende sollen von dem weit verflochtenen Netz von Kasernen und Standorten nur noch 200 übrig bleiben. Bei all diesen Prozessen, die bis 2020 abgeschlossen sein sollen, könne Russland von den deutschen Erfahrungen viel lernen, sagte Ruskoj. De Maiziere sagte, Berlin sei zu einem solchen Austausch jederzeit bereit.

Für Deutschland spielt eine stärkere Kooperation mit der russischen Armee durchaus auch außenpolitisch ein Rolle. Seit Jahren sucht Berlin die Kontakte nach Moskau zu intensivieren, allein wegen der enormen Rohstoffvorkommen in Russland ist das Land für Deutschland sehr wichtig. Mit einer engeren Kooperation der Bundeswehr und der russischen Armee, das wissen erfahrene Politiker wie de Maizière, bekommt man auch bessere Einblicke und Kontakte ins Machtzentrum des Kreml.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Anton T 15.09.2011
1. zuverlässig
Panzer für die Saudis, Militär-Know-how für den faschistoiden Putin-Staat. Die Schurken dieser Welt können sich auf Toitschland verlassen.
johndo89 15.09.2011
2. genug eigene Probleme
vielleicht sollte sich de Maizière lieber um die Bundeswehr kümmern, da hat er noch genug zu tun.
M@ESW, 15.09.2011
3. _
Zitat von johndo89vielleicht sollte sich de Maizière lieber um die Bundeswehr kümmern, da hat er noch genug zu tun.
Vielleicht ist das ja der Sinn der Sache? Wenn die Russen ein Großprojekt mit x-tausend oder gar zehntausend Einheiten starten dann kann Deutschland für die BW auch ein paar davon nehmen und profitiert Dank Russland von den gesunkenen Stückkosten.
Zereus 15.09.2011
4. ...
Zitat von M@ESWVielleicht ist das ja der Sinn der Sache? Wenn die Russen ein Großprojekt mit x-tausend oder gar zehntausend Einheiten starten dann kann Deutschland für die BW auch ein paar davon nehmen und profitiert Dank Russland von den gesunkenen Stückkosten.
Dass Deutschland und Russland gemeinsam Waffensysteme entwickeln, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. In beiden Ländern gibt es ein massives politisches Interesse an einer eigenen Rüstungsindustrie, die jedes denkbare militärische Produkt entwickeln und herstellen kann. Solange das so bleibt, wird es beim Austausch von logistischem und organisatorischem Know-How bleiben, und das ist zu begrüßen.
adazaurak 15.09.2011
5. soso
sehr guter Ansatz, Kasan und Lipezk sollten Vorbilder sein
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.