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05. Januar 2009, 15:43 Uhr

Lage im Gaza-Streifen

Hilfsorganisationen schlagen Alarm

Zivilisten leben in Angst, für die Verletzten fehlen Medikamente und Verbandszeug, Krankenhäuser sind beschädigt und überfüllt. Angesichts der seit Tagen andauernden israelischen Militäroperationen berichten internationale Hilfsorganisationen von dramatischen Zuständen im Gaza-Streifen.

Jerusalem - Internationale Helfer im Gaza-Streifen schlagen Alarm: Nach dem bereits seit mehr als einer Woche anhaltenden Beschuss und Bombardement des Küstenstreifens habe das Leiden der palästinensischen Zivilbevölkerung dramatische Formen angenommen. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz erklärte, die Lage sei chaotisch und extrem gefährlich.

Die Angriffe behinderten zudem die Arbeit der Helfer. Die durch Luftangriffe beschädigten Krankenhäuser seien mit der Zahl der Verletzten heillos überfordert. Es fehle an Verbandszeug und Medikamenten, vor allem an Schmerz- und Betäubungsmitteln. Aber auch Leichensäcke und -tücher würden knapp, erklärte das Rote Kreuz.

Etwa 530 Palästinenser wurden bei den Angriffen bislang getötet. Rund ein Viertel davon waren Zivilisten. Durch die Bombardements ist auch die Versorgung mit Wasser und Strom weitgehend zusammengebrochen. Die Krankenhäuser arbeiten mit Notstromaggregaten, die aber auch jederzeit kaputtgehen könnten. Laut Rotem Kreuz reichen zudem die Benzinvorräte für die Generatoren und für die Krankenwagen nicht mehr lange aus.

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) forderte Israel und die Hamas eindringlich zum Schutz der Zivilbevölkerung auf. "Wir appellieren an beide Konfliktparteien, das Internationale Humanitäre Völkerrecht zu beachten und die Zivilbevölkerung zu schonen", sagte DRK-Präsident Rudolf Seiters am Montag in Berlin. Einrichtungen wie Krankenhäuser, Moscheen und Schulen müssten geschützt werden.

Es müsse unverzüglich alles dafür getan werden, um Kranke und Verwundete aus dem Gefahrengebiet zu bringen. Medizinisches Personal, Krankenhäuser und Krankenwagen müssten geschützt werden. Angriffe auf medizinisches Personal seien laut humanitärem Völkerrecht genauso untersagt wie Angriffe auf Einrichtungen, die für medizinische Zwecke genutzt werden.

In den vergangenen Tagen waren auch Helfer von den Angriffen getroffen worden. Drei Sanitäter und drei weitere Helfer kamen ums Leben. In der Stadt Gaza wurden nach palästinensischen Angaben vier Rettungswagen durch Beschuss zerstört. Die Mitarbeiter vom palästinensischen Roten Halbmond können daher auf viele Hilferufe nicht mehr reagieren. So habe eine Schwangere am Sonntag mit einem Eselskarren in die Klinik gebracht werden müssen. Sie habe es jedoch nicht rechtzeitig geschafft: Das Kind sei tot geboren worden. Sie selbst habe einen Riss der Gebärmutter erlitten.

Auf die dramatische Lage vor allem der Kinder weist die Hilfsorganisation Save the Children hin. "Die Situation hat inzwischen ein kritisches Niveau erreicht", sagte die Leiterin des Notfallteams der Organisation, Annie Foster. Sie lebten angesichts der Gewalt in ständiger Angst und Ungewissheit. Viele Kinder, die ohnehin arm und unterernährt seien, hätten keine Wohnungen mehr und seien dem kalten Wetter ausgesetzt.

Israel gibt der radikal-islamischen Hamas eine Mitschuld an den zivilen Opfern. Sie suchten in Wohngebieten Unterschlupf und nutzten Schulen und Moscheen als Stellungen für ihre Kämpfer oder als Abschussbasen für ihre Raketen auf Israel. Durch den Raketenbeschuss aus dem Gaza-Streifen starben seit Beginn der Offensive vor gut einer Woche vier Israelis. Ein Soldat wurde bei Kämpfen getötet.

phw/dpa/Reuters

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