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Völkermord an den Armeniern: Lammert nimmt Erdogan in die Pflicht

Bundestagspräsident Lammert: Findet deutliche Worte zum Völkermord Zur Großansicht
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Bundestagspräsident Lammert: Findet deutliche Worte zum Völkermord

Nach Bundespräsident Gauck hat nun auch Parlamentspräsident Lammert klare Worte für das Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich gefunden. US-Präsident Obama hingehen drückt sich nach wie vor um das Wort "Völkermord".

Im Ersten Weltkrieg waren Armenier im Osmanischen Reich als vermeintliche Kollaborateure systematisch vertrieben und umgebracht worden, nach Schätzungen wurden zwischen 200.000 und 1,5 Millionen Menschen getötet. Zu den Vorgängen hat Bundestagspräsident Norbert Lammert am Freitag überraschend deutliche Worte gefunden. "Das, was mitten im Ersten Weltkrieg im Osmanischen Reich stattgefunden hat, unter den Augen der Weltöffentlichkeit, war ein Völkermord", sagte Lammert am Morgen in der Gedenkstunde des Parlaments.

"Er ist nicht der letzte im 20. Jahrhundert geblieben. Umso größer ist unsere Verpflichtung, im Respekt vor den Opfern und in der Verantwortung für Ursachen und Wirkungen die damaligen Verbrechen weder zu verdrängen noch zu beschönigen", sagte er weiter. In der vergangenen Woche war die schwarz-rote Koalition unter Druck geraten, weil sie es zunächst vermieden hatte, den Völkermord klar als solchen zu benennen.

Lammert stellte zugleich die historische Mitverantwortung Deutschlands in den Mittelpunkt seiner Rede. "Obwohl die Reichsleitung (des Deutschen Reichs - d. Red.) umfassend darüber informiert war, nutzte sie ihre Einflussmöglichkeiten nicht. Diese Mitschuld einzuräumen, ist Voraussetzung unserer Glaubwürdigkeit gegenüber Armeniern wie der Türkei."

Der Parlamentspräsident äußerte sich damit ähnlich deutlich wie Bundespräsident Joachim Gauck. Dieser hatte am Donnerstagabend ebenfalls klar von Völkermord an den Armeniern gesprochen.

Zugleich betonte Lammert die Verbundenheit zur Türkei, die derzeit mit der Aufnahme von weit über einer Million Flüchtlingen "eine immense, zu selten gewürdigte und manchen in Europa beschämende humanitäre Hilfe" leiste. "Diese Bereitschaft, Verantwortung in der Gegenwart zu übernehmen, vergessen wir ausdrücklich nicht." Dennoch stehe Präsident Recep Tayyip Erdogan in der Pflicht, forderte Lammert: "Die heutige Regierung in der Türkei ist nicht verantwortlich für das, was vor 100 Jahren geschah, aber dafür, was daraus wird."

Obama spricht nicht von "Völkermord"

US-Präsident Barack Obama hingegen entschied sich weiter gegen eine klare Wortwahl: "Die Armenier des Osmanischen Reichs wurden deportiert, massakriert und marschierten in den Tod, ihre Kultur und ihr Erbe in ihrer alten Heimat wurden ausgelöscht", erklärte er am Donnerstag. "Inmitten entsetzlicher Gewalt, die auf allen Seiten Leid verursachte, kamen eineinhalb Millionen Armenier ums Leben."

Im US-Kongress wurde im März eine Resolution vorgelegt, die Obama zur offiziellen Anerkennung eines Völkermords aufrief. Im Wahlkampf des Jahres 2008 hatte er den Begriff noch genutzt. Am Donnerstag erklärte er, sein Standpunkt habe sich "nicht geändert".

Armenien gedenkt am Freitag in der Hauptstadt Eriwan der Massaker der Jahre 1915 bis 1917. Präsident Sersch Sargsjan legte am Morgen Blumen am Mahnmal für die Opfer der Gräuel nieder. An der Zeremonie nahmen auch Frankreichs Präsident François Hollande und Russlands Staatschef Wladimir Putin teil.

Völkermord an den Armeniern
Worum geht es?

Millionen Armenier sind während des Ersten Weltkriegs aus dem Osmanischen Reich geflohen oder vertrieben worden. Ende des 19. Jahrhunderts lebten in dem Vorläuferstaat der heutigen Türkei etwa 2,5 Millionen Armenier. Die osmanische Regierung sah in der christlichen Minderheit innere Feinde und zweifelte im Weltkrieg an deren Loyalität im Kampf gegen das christliche Russland.

Daher begann 1915 die systematische Vertreibung und Vernichtung der Armenier. Nach unterschiedlichen Schätzungen kamen bei den Deportationen 1915/16 zwischen 200.000 und 1,5 Millionen Menschen ums Leben. Viele Armenier wurden gezwungen, zum Islam überzutreten.

Wie werden die Taten international bewertet?

Die Regierung im Südkaukasusstaat Armenien sieht in den Massakern einen "Genozid". Am 24. April gedenkt die Ex-Sowjetrepublik der Gräueltaten, die vor 100 Jahren begannen.

1987 stufte auch das Europaparlament die Tragödie als "Völkermord" ein und forderte die Regierung in Ankara auf, dies ebenfalls anzuerkennen. Zahlreiche Regierungen folgten. Am 12. April 2015 bezeichnete Papst Franziskus die Morde ebenfalls als Genozid.

Wie verhält sich die Türkei?
Die Türkei, wo nur noch eine armenische Minderheit lebt, bestreitet einen Völkermord vehement. Die fast hundert Jahre zurückliegenden "tragischen Ereignisse" seien etwas für Historiker, heißt es in der Türkei. Die Armenier hätten sich ihrerseits in einem Bürgerkrieg erhoben - und das Osmanische Reich habe nur reagiert. Die hohen Todeszahlen seien durch die Wirren des Krieges, Hunger und Witterung zu erklären, so eine verbreitete Darstellung.

amz/vek/AFP/dpa

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insgesamt 55 Beiträge
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1. Glückwunsch an unseren BP für diese klaren Worte!
David67 24.04.2015
Dies war überfällig und es ist beschämend, wie lange unsere Politik brauchte, um die historische Wahrheit als solche zu benennen. Jetzt liegt der Ball in der Türkei, sich endlich ihrer Geschichte zu stellen. Das Land würde dadurch im Ansehen in der Welt gewinnen!
2. Reich das nicht?
Bueckstueck 24.04.2015
"Die Armenier des Osmanischen Reichs wurden deportiert, massakriert und marschierten in den Tod, ihre Kultur und ihr Erbe in ihrer alten Heimat wurden ausgelöscht" Das ist deutlicher als das Wort "Völkermord" es jemals ausdrücken könnte.
3. Ja es war Völkermord!
bene_lava 24.04.2015
Ja es war Völkermord.... Es ist gut, dass die Anerkennung von der Türkei eingefordert wird. Dennoch zweifele ich etwas an der Motivation derjenigen, die die Türkei nun auf die Anklagebank setzen. Denn Deutschland verharmlost bis heute die fast vollständige Auslöschung der Hereros in Südwestafrika und verweigert gegenüber den Hereros die Anerkennung dieser Ereignisse als Völkermord. Ich würde mir auch wünschen, dass Gauck mit genauso ernster Mine im Gesicht Belgien auffordert, die Ermordung von fast 10 Millionen Kongolesen unter Leopold II. als Völkermord anzuerkennen. Leider wird an diesen aber auch an anderen Beispielen sehr deutlich, mit welchen unterschiedlichen Maßstäben hier gemessen wird. Sind die Opfer Schwarzafrikaner und kommen die Täter aus den eigenen Reihen, dann wird dies ignoriert - damals (weil man Afrikaner nicht als Menschen ansah) und heute leider genauso. Es wäre schön, wenn man die Völkermorddebatte zu den Armeniern dazu nutzt, wirklich jeden Völkermord des 19. und 20 Jhdts. schonungslos zu benennen und Schuld einzugestehen.
4. Deutschland - und der Volkermord an den Armeniern
ksy 24.04.2015
Danke, die Spitze des Staats hat nach hundert Jahren zwei Dinge endlich klargestellt: Den Völkermord des Osmanischen Reiches an ihrer ethnische Gruppe, den Armeniern und die Verstrickung des Deutschen Kaiserreichs in diesen Völkermord. Beiden, den Herrn Gauck und Lammert gilt der Dank und damit die Besinnung auf die Werte der Bundesepublik Deutschland als Nachfolgestaat des unsäglichen Dritten Reichs. Endlich steht dieses Land gewissermaßen als Vorbild der Erkenntnis bzw. als getragen von der Aufklärung dar. Es bleibt nur zu hoffen, dass diesem Beispiel andere folgen und damit der heutigen türkischen Regierung ihr absurdes kollektives, wie persönliches Verhalten der Staatsspitze weiter vor Augen geführt wird. Herr Obama folgen sie uneingeschränkt diesem Beispiel. Es geht um die Glaubwürdigkeit ihrer Nation, nicht nur ihrer Person. Ihre vermeindlichen politischen Rücksichtnahme sind uneingeschränkt falsch.
5. Die USA
SPONU 24.04.2015
...brauchen ihre Militärbasen in der Türkei, ebenso die Ueberflugrechte. Auch ein Friedensnobelpreisgewinner (Menschenrechte und so'n Kram) wird strategische Interessen der USA nicht für das Wohlwollen einer mittellosen und unbedeutenden Volksgruppe opfern.
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