Schwere Missstände Italien räumt Flüchtlingslager auf Lampedusa

Die Berichte über Schikanen und Misshandlungen in einem Aufnahmelager für Flüchtlinge auf der Insel Lampedusa schockierten Italien. Jetzt hat die Regierung in Rom das Lager räumen lassen. Die Menschen wurden nach Sizilien oder aufs Festland gebracht.

Bild aus dem schockierenden TV-Bericht über das Auffanglager auf Lampedusa
DPA/ RAI2

Bild aus dem schockierenden TV-Bericht über das Auffanglager auf Lampedusa


Rom - Oftmals waren hier mehr als 1000 Flüchtlinge auf engstem Raum untergebracht, eigentlich bietet das Lager auf Lampedusa Platz für nur etwa 250 Menschen. Jetzt leben dort nur noch 17 Migranten, berichten italienische Medien. Nach schockierenden Berichten über Misshandlungen und menschenunwürdige Zustände hat die italienische Regierung in Rom das Aufnahmelager zu Weihnachten nahezu ganz geräumt.

169 Flüchtlinge waren am Dienstag von Lampedusa aus nach Sizilien oder aufs Festland gebracht worden. Von den restlichen 17 Migranten sei die Identität noch nicht mit Sicherheit festgestellt worden, heißt es. Sobald dies geschehen sei, könnten auch sie an andere Orte gebracht werden.

Eine offensichtlich schockierende Behandlung von Flüchtlingen in dem Aufnahmezentrum hatte vor acht Tagen Italien empört. Bilder des Rai2-Fernsehens zeigten, wie sich Migranten reihenweise nackt an einer Wand aufstellen mussten, um in der winterlichen Kälte dann mit Wasser abgespritzt und damit wegen Krätze "desinfiziert" zu werden.

Neun Flüchtlinge aus Nordafrika hatten sich in der vergangenen Woche aus Protest gegen die katastrophalen Zustände im Lager die Lippen zusammengenäht.

Die Innenkommissarin der Europäischen Union (EU), Cecilia Malmström, zeigte sich schockiert von den "bedauernswerten Zuständen" und forderte eine sofortige Aufklärung der Vorwürfe. Giusi Nicolini, Bürgermeisterin von Lampedusa, verglich die Zustände in dem Aufnahmezentrum mit einem "Konzentrationslager".

"Das ist kein Lager, wir halten uns an Gesundheitsvorschriften", wehrte sich der Verantwortliche des Aufnahmezentrums, Cono Galipò, im "Corriere della Sera". Eine Desinfizierung drinnen berge Risiken für alle. Das Personal arbeite Tag und Nacht, und man werde ihm nicht gerecht, wenn man es wegen der Videobilder an den Pranger stelle.

Italiens Regierungschef Enrico Letta versprach, gründliche Ermittlungen in diesem Fall einzuleiten, um "die Verantwortlichen zu bestrafen". Letta versprach außerdem, die Zustände in den Zentren zu verbessern.

Flüchtlingswellen aus Afrika und dem Nahen Osten und die Behandlung der Migranten sorgten immer wieder für unzumutbare Verhältnisse auf der Insel, die zwischen Sizilien und Tunesien liegt. Die meisten Flüchtlinge stammen aus Eritrea, Ghana und Nigeria. Unter den von der rüden Behandlung Betroffenen waren italienischen Medien zufolge auch Menschen, die das Unglück am 3. Oktober überlebt haben. Bei der Flüchtlingstragödie vor Lampedusa waren mehr als 500 Menschen ums Leben gekommen.

lgr/dpa/Reuters

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tjivi 26.12.2013
1. Afrikaner haben kaum eine Lobby
Traurig, dass erst die Veröffentlichung schlimmster Misshandlungen wenigstens zu ein bisschen Aufmerksamkeit beiträgt. Aber wir alle tragen Verantwortung. Wir dürfen Italien nicht allein lassen. Die Flüchtlinge müssen in allen EU Staaten aufgenommen werden. Und jetzt bitte nicht die üblichen Kommentare: wir können nicht jeden aufnehmen. Wer in Afrika gelebt hat, weiß wie gut es uns immer noch geht. Historisch betrachtet, sind wir nicht ganz unschuldig am Elend der Menschen.
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