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Flüchtlinge: Libyen - Lampedusa - Europa

Von , Rom

Trip nach Europa: Flüchtlingstreck aus Afrika Fotos
AFP/ Marina Militare

Der italienische Geheimdienst schlägt Alarm: Tausende Flüchtlinge warten in Nordafrika nur darauf, ihren gefährlichen Trip ins gelobte Europa zu starten. Das Chaos in Libyen hilft den Menschenschmugglern, vor allem Flüchtlinge aus Syrien bringen ihnen viel Geld ein.

Eigentlich ist Ghat ein unbedeutender, eher lausiger Ort im Süden Libyens, direkt an der Grenze zu Algerien, mitten in der Sahara. Doch wenn italienische Geheimdienstler hier einen Verkehrsstau orten, löst das nicht nur in Rom, sondern in etlichen europäischen Hauptstädten Alarm aus.

Einst zogen Kamelkarawanen auf dem Weg von oder nach Ägypten durch den Ort. Später nahmen Wüstenfahrer, denen es die märchenhaft schönen, relativ nahe gelegenen Mandara-Seen angetan hatten, Proviant und Treibstoff auf.

In diesen Tagen füllen klapprige Lastwagen, verbeulte Pick-ups und rostige Großraumlimousinen die engen Straßen von Ghat. Und das ist beileibe kein lokales Ereignis. Die eindrucksvolle Armada wartet dort auf eine ganz spezielle Fracht: auf Flüchtlinge, sehr viele Flüchtlinge.

Die werden von dort nach Norden, an die Mittelmeerküste gekarrt. Dann geht es per Boot weiter, nach Lampedusa etwa, der kleinen italienischen Urlaubsinsel weit draußen im Meer, oder auch gleich ans süditalienische Festland.

Die Menschen kommen aus:

  • Somalia und Eritrea
  • Ägypten
  • Nigeria
  • und Syrien. Dort ist das Leben unerträglich und das Überleben Glückssache. 56.000 Syrer verließen voriges Jahr ihre Heimat und suchten Asyl in Europa oder in den USA. In diesem Jahr könnten es noch weit mehr werden.

Das Vakuum des "arabischen Frühlings"

Ihr Weg der Hoffnung auf ein besseres Leben führt derzeit meist über die ägyptisch-libysche Grenze bei Kufra und weiter quer durch die libysche Sahara. Libyen bietet optimale Voraussetzungen für die lange, illegale Reise. Der libysche Staat zerfällt, ist in weiten Teilen des Landes nicht mehr existent. Bewaffnete Milizen aus unterschiedlichen Ethnien oder Familienclans füllen das Vakuum, das der "arabische Frühling" auch im einstigen Reich des Oberst Gaddafi hinterlassen hat.

Manchmal streiten sie heftig untereinander, dann stoppt der Flüchtlingsstrom. Wenn das Schießen vorbei ist, geht es umso intensiver weiter. Denn die Warlords machen mit den Flüchtlingen viel Geld, nehmen ihnen für die Wüstenfahrt tausend, zweitausend Dollar oder auch mehr ab. Pro Person, versteht sich.

Asylbewerber 2013 zu 2008 nach Herkunftsländern Zur Großansicht
Europäische Kommission

Asylbewerber 2013 zu 2008 nach Herkunftsländern

Süditalien: Seit Januar 10.000 Flüchtlinge

Derzeit stockt es offenbar mal wieder. Deshalb stehen die Fahrzeuge in Ghat Schlange, warten auf die Transporte aus Kufra. Doch in ein paar Tagen, allenfalls einigen Wochen, wenn die Laster wieder rollen, "dann müssen wir mit Flüchtlingen in erheblich größerer Zahl rechnen", zitiert die Tageszeitung "La Repubblica" italienische Behörden.

Dabei liegen die Flüchtlingszahlen auf der Süditalien-Route schon jetzt deutlich über dem Niveau der vergangenen zwei Jahre. In den ersten drei Monaten 2014 landeten über 10.000 Reisende an.

2013 waren es im Vergleichszeitraum gerade einmal 735.

Die große Reisewelle beginnt freilich erst, wenn das Wetter besser, die See ruhiger wird. Und seitdem die italienische Küstenwache die zerbrechlichen Flüchtlingsschiffe nicht mehr abschrecken und verjagen soll, sondern die Flüchtlinge in Seenot rettet, sinkt auch das Risiko der freilich immer noch gefährlichen Reise etwas. Über 4000 Schiffbrüchige wurden allein in den vergangenen zwei Wochen gerettet.

Fünf EU-Länder tragen die "Hauptlast"

Lampedusa und ganz Italien richten sich darauf ein, dass die Zahl der Flüchtlinge, die über See kommen, in diesem Jahr deutlich steigen könnte.

Und regelmäßig beklagt die römische Regierung in Brüssel, dass die Länder an Europas Peripherie die Lasten der globalen Flüchtlingstrecks allein tragen müssten, wo es doch eigentlich eine gemeinsame, europäische Aufgabe sei.

Tatsächlich ist die Reise der Flüchtlinge in Italien noch lange nicht zu Ende. Der Treck geht vielmehr weiter Richtung Norden. Dort suchen die meisten Arbeit und Asyl. Vor allem fünf Länder, so die zuständige EU-Kommissarin, die Schwedin Cecilia Malmström, trügen die "Hauptlast": Deutschland, Frankreich, Schweden, Großbritannien und Belgien.

In absoluten Zahlen hat Deutschland mit Abstand die meisten Asylbewerber, rund 127.000 im vergangenen Jahr. Dann folgen Frankreich mit 65.000 und Schweden mit 54.000. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl freilich hat Deutschland weniger Verfahren als andere Länder, auf eine Million Bürger kommen nur knapp 1600 Asylanträge. Bei den Schweden ist die Quote mehr als dreimal so groß, da kommen 5680 Bewerber auf eine Million Einwohner.

Doch die wenigsten Verfahren gehen für die Bewerber positiv aus. Von den 435.000 Asylanträgen, die im vorigen Jahr in der EU gestellt wurden, lehnten die Behörden zwei Drittel in erster Instanz ab. Unter anderem, weil die Antragsteller nicht eindeutig nachweisen konnten, dass in ihrer Heimat ihr Leben in Gefahr ist.

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Asylanträge in der EU 2008-2013

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1. Oh danke du gelobte EU!
Berufskritiker 30.03.2014
Zitat von sysopAFP/ Marina MilitareDer italienische Geheimdienst schlägt Alarm: Tausende Flüchtlinge warten in Nordafrika nur darauf, ihren gefährlichen Trip ins gelobte Europa zu starten. Das Chaos in Libyen hilft den Menschenschmugglern, vor allem Flüchtlinge aus Syrien bringen ihnen viel Geld ein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/lampedusa-tausende-fluechtlinge-aus-syrien-und-libyen-erwartet-a-960913.html
Am Besten die Boote im Mittelmeer in Schlepp nehmen und zurück an die Lybische Küste bringen! Den Motor mit einer Handgranate sprengen und schon ist der Käse gegessen. Aber das Gegenteil ist auf Grund einer neuen Strategie der Eurokraten der Fall. Die machen jetzt ihre eigene Grenzpolitik. Die fahren auf die Boote zu und bitten die Insassen ganz freundlich doch jetzt bitte ein Einsehen zu haben und wieder zurück zu rudern. Da wird wohl über Kurz oder Land jeder vernünftige Mensch in Europa wie die Franzosen und Dänen sein Kreuzchen bei der Europawahl bei den sogenannten Anti-EU Parteien machen. Ich auch, aber nicht nur deswegen!
2.
krasmatthias 30.03.2014
Zitat von sysopAFP/ Marina MilitareDer italienische Geheimdienst schlägt Alarm: Tausende Flüchtlinge warten in Nordafrika nur darauf, ihren gefährlichen Trip ins gelobte Europa zu starten. Das Chaos in Libyen hilft den Menschenschmugglern, vor allem Flüchtlinge aus Syrien bringen ihnen viel Geld ein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/lampedusa-tausende-fluechtlinge-aus-syrien-und-libyen-erwartet-a-960913.html
Es herrscht Chaos in Libyen? Haben die US Bomben keine Demokratie, Menschenrechte und Wohlstand für alle gebracht? Im Angriffskrieg haben auch einzelne verdient und jetzt tun es die Menschenschmuggler. Menschenschmuggler, welche Menschen die Freiheit bringen sind nicht schlechter als die Schlächter, welche für diese Situation sorgten. Man sollte den Menschen mit Booten und jeglicher Unterstützung zu Hilfe eilen, damit jeder Mensch, welcher den dortigen Lebensverhältnissen entfliehen will nach Europa kommen kann. Sind die Flüchtlinge in Hamburg eigentlich schon als Flüchtlinge anerkannt oder leben sie noch immer unter dem Schutz der Kirche in St. Pauli? Europa als williger Diener des US Regimes, sollte sich schämen, über Menschenrechte mit anderen Nationen zu reden!
3. Flüchtlinge
Herr Hold 30.03.2014
Spricht sich nicht irgendwann herum, dass die meisten Flüchtlinge nicht in Europa bleiben, sondern wieder zurück geschickt werden? Die wenigsten sind politisch verfolgte Asylbewerber. Man sollte die Schlepper, die das Leid ausnutzen, mehr verfolgen.
4. Chaos in Libyen
Bernd.Brincken 30.03.2014
Zitat von sysopAFP/ Marina MilitareDer italienische Geheimdienst schlägt Alarm: Tausende Flüchtlinge warten in Nordafrika nur darauf, ihren gefährlichen Trip ins gelobte Europa zu starten. Das Chaos in Libyen hilft den Menschenschmugglern, vor allem Flüchtlinge aus Syrien bringen ihnen viel Geld ein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/lampedusa-tausende-fluechtlinge-aus-syrien-und-libyen-erwartet-a-960913.html
Aus der Sicht von jemandem, der 2011 vor Ort in Ägypten und Libyen war, und eine Reihe persönlicher Kontakte in die Region hat, darf ich übersetzen: Man hatte mit dem Diktator einen Kuhhandel, dass dieser die Küste gegen Flüchtlinge abschottet - im Gegenzug man beide Augen zukneift gegenüber seiner Feudalherrschaft, Folterungen, Erschiessungen, Überfällen von Nachbarländern, Unterdrückung der Zivilgesellschaft usw. Irgendwann konnte man den Kuhhandel nicht mehr halten, die Berichte u.a. von Libyschen Migranten in USA und Europa liessen sich nicht mehr unterm Deckel halten, dazu Handy-Filme, Internet. Die nun folgende Revolution hat man (zu Recht) unterstützt, vor allem aber wurde sie durch die gewachsenen Beziehungen der Clans gewonnen - siehe die weitgehend friedliche Einnahme von der Hauptstadt Tripolis. Damit diese Entwicklung nicht als Erfolgsgeschichte für Bürgeraufstände in der arabischen Welt in die Geschichtsbücher eingeht, gibt man sich nun alle Mühe, den Rückzug der diktatorischen Ordnung, den die Libyer selbst als gewonnene Freiheit begrüßten, als "Chaos" zu denunzieren.
5. Fahrzeuge in Ghat warten auf Transporte aus Al Kufra?
jalu-2008 30.03.2014
Zitat von sysopAFP/ Marina MilitareDer italienische Geheimdienst schlägt Alarm: Tausende Flüchtlinge warten in Nordafrika nur darauf, ihren gefährlichen Trip ins gelobte Europa zu starten. Das Chaos in Libyen hilft den Menschenschmugglern, vor allem Flüchtlinge aus Syrien bringen ihnen viel Geld ein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/lampedusa-tausende-fluechtlinge-aus-syrien-und-libyen-erwartet-a-960913.html
Fahrzeuge in Ghat warten auf Transporte aus Al Kufra? Bitte mal ein Blick auf die Landkarte werfen! In Ghat warten Sie vielleicht auf Fahrzeuge aus dem Niger. In Al Kufra geht es um Flüchtlinge aus Tschad und Sudan und eventuell Ägypten.
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