Unglück im Mittelmeer Mehr als hundert Flüchtlinge sterben vor Lampedusa

Auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa herrscht nach dem Untergang eines Flüchtlingsschiffs tiefe Trauer: Bislang bargen Einsatzkräfte über 90 Leichen. Taucher haben weitere Opfer entdeckt. "Es ist schrecklich, wie auf einem Friedhof", sagt die Bürgermeisterin.


Lampedusa - Die Zahl der Toten nach dem Flüchtlingsdrama vor der italienischen Insel Lampedusa steigt an. Am späten Nachmittag entdeckten Taucher bis zu 40 weitere Leichen, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa unter Berufung auf die Küstenwache. Damit liegt die Zahl der Opfer bei mindestens 133. Das Schiff soll demzufolge in etwa 40 Meter Tiefe vor der Nachbarinsel Isola dei Conigli im Mittelmeer liegen.

Seit Stunden bringen Einsatzkräfte immer mehr verhüllte Leichen in den Hafen von Lampedusa. "Unglücklicherweise brauchen wir keine Krankenwagen mehr, sondern Särge", sagte der Arzt Pietro Bartolo. "Es ist ein Horror. Sie hören nicht auf, weitere Leichen zu bringen."

Die Zahl der Opfer dürfte weiter steigen - auf dem Boot waren etwa 500 Menschen, rund 160 wurden gerettet, mehrere hundert werden noch vermisst. Das 20-Meter-Boot mit Flüchtlingen aus Nordafrika an Bord hatte im Mittelmeer vor der Nachbarinsel Isola dei Conigli Feuer gefangen und war dann gekentert.

Laut Lampedusas Bürgermeisterin Giusi Nicolini hatten die Flüchtlinge auf dem Schiff Feuer gemacht, um dadurch ein Fischerboot in der Nähe auf sich aufmerksam zu machen. Das Feuer breitete sich auf dem Boot aus, unter den Passagieren des völlig überladenen Schiffs brach Panik aus. Zu den Opfern des Schiffbruchs gehörten auch Kinder, sagte Nicolini. "Es ist schrecklich, wie auf einem Friedhof."

Schiffe und Hubschrauber suchen nach weiteren Überlebenden

Italiens Außenministerin Emma Bonino sagte, für noch nicht Gerettete werde die Lage immer schwieriger. "Jetzt wird es kälter, sie können nicht schwimmen, sie wissen nicht, wo sie hin sollen", sagte Bonino über Flüchtlinge, die vielleicht noch auf dem Meer trieben. Vier Schiffe der Küstenwache und der Polizei sowie zwei Hubschrauber suchten nach weiteren Überlebenden.

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Gesunkenes Boot: Flüchtlingsdrama vor Lampedusa
Das tunesische Innenministerium teilte der Nachrichtenagentur dpa mit, das Boot sei in Libyen aufgebrochen und auf seinem Weg nach Lampedusa an der tunesischen Hafenstadt Sfax vorbeigefahren. Die Überlebenden der Schiffstragödie sollen überwiegend aus Somalia und Eritrea stammen.

"Beten wir für die Opfer des tragischen Schiffbruchs vor Lampedusa", schrieb Papst Franziskus auf Twitter. Die erneute Flüchtlingstragödie sei eine Schande. Der Papst hatte Lampedusa vor zwei Monaten besucht und auf das Los der Flüchtlinge als Folge einer "Globalisierung der Gleichgültigkeit" aufmerksam gemacht.

Die Staatsanwaltschaft eröffnete ein Ermittlungsverfahren, einer der mutmaßlichen Schleuser wurde Medienberichten zufolge bereits festgenommen. Innenminister Angelino Alfano wollte nach einem Treffen mit Regierungschef Enrico Letta nach Lampedusa reisen. Letta bezeichnete den Tod der Migranten als "ungeheure Katastrophe".

Die EU-Kommission reagierte mit Bestürzung. "Es ist wirklich eine Tragödie, ganz besonders, weil auch Kinder betroffen sind", sagte EU-Regionalkommissar Johannes Hahn in Brüssel.

Kurz vor dem verunglückten Boot war ein Schiff mit 463 Migranten vor Lampedusa angekommen. Bei gutem Wetter versuchen immer wieder Flüchtlinge die europäischen Küsten zu erreichen. Oft endet die Überfahrt auf den kaum seetüchtigen Booten für einige tödlich.

ulz/dpa/Reuters

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