Lapplands Ureinwohner "Die Sami werden aussterben, das ist Realität"

In den Weiten Lapplands gibt es riesige Rentierherden - und wertvolle Rohstoffe, die Industriekonzerne anlocken. Die Sami-Ureinwohner verteidigen ihre Traditionen, doch wer jung ist und gebildet, zieht in den Süden. Vom Kampf eines Volks ums Überleben.

Von

Corbis

Die Frage nach der Zahl seiner Rentiere ist Sami Tiensuu unangenehm: "Darüber reden wir normalerweise nicht", sagt der 45-jährige Same. Das war vor hundert Jahren so, als seine Vorfahren noch als Nomaden durch die Fichtenwälder Lapplands zogen, und das ist auch heute noch so.

Gut 200 Rentiere sollen es sein, verrät später dann doch seine Frau Marjut, 36. Mindestens 60 bis 80 muss ein Same haben, damit die Zucht rentabel ist, 500 Tiere sind die rechtlich festgelegte Obergrenze. Sami Tiensuu kann mit Frau und drei Kindern "total von den Tieren leben". Er ist fein raus, zumal noch rund 2000 Besucher im Jahr dazukommen, die auf seinen Rentierschlitten durch die schneebedeckte Taiga fahren oder sein kleines Museum bestaunen.

Schweizer, Briten und Niederländer sind die meisten, aber auch Amerikaner und Australier wagen sich zu ihm hoch nach Venejärvi im Norden Finnlands, gut 80 Kilometer jenseits des Nordpolarkreises.

"Die Ausländer interessieren sich mehr für uns und unsere Kultur", sagt Sami, "sie nehmen dafür den ganzen Weg auf sich." Nur die Finnen nicht. Das sagt er nicht so deutlich. Aber das ist es, was Sami meint, wenn er mit leiser Stimme erzählt, dass die ganze Welt inzwischen indigene Ureinwohner, ihre Bräuche und Riten bestaune.

Jetzt könnten die Politiker in Helsinki wieder mal das Gegenteil beweisen. Seit 24 Jahren warten die offiziell rund 9500 Samen, die noch im finnischen Lappland leben, auf die Ratifizierung der Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation ILO. Sie soll die Rechte und Ansprüche indigener Urvölker überall auf der Welt schützen. Erst 22 der 185 Mitgliedstaaten sind der Vereinbarung der Uno-Sonderorganisation bislang beigetreten, Norwegen für seine etwa 80.000 Samen allerdings schon 1990. In Schweden, wo noch knapp 20.000 Samen leben, und Finnland warten sie noch.

"Die Sami werden aussterben, das ist Realität"

Ende Januar hat sich Außenminister Erkki Tuomioja höchstpersönlich auf den Weg nach Norden zu einem offiziellen Besuch der Sami gemacht und die Ratifizierung durch das Parlament in Helsinki zugesagt. Woher er die Mehrheiten nehmen will, ist sein Geheimnis. Bei seinen Sozialdemokraten regt sich ebenso Widerspruch wie beim großen Regierungspartner, den Konservativen, oder der oppositionellen Zentrumspartei. Nur die Kleinen, Grüne, Linksbund und Schwedische Volkspartei, selbst Repräsentanten einer Minderheit, stehen derzeit auf Seiten der Sami.

Zu groß sind die wirtschaftlichen Interessen an den unendlichen Waldflächen, die seit Jahrhunderten von den Samen und ihren Rentierherden genutzt werden, niemand kennt die genaue Zahl der Tiere, sie wird auf bis zu 500.000 geschätzt. Denn Grund- und Bodenbesitz beansprucht der Staat, und wichtige Rohstoffe lagern dort, nach Meinung von Geologen die reichsten Erzvorkommen der Welt.

Kupfer, Nickel und Uran gehören dazu, eine der größten Goldminen Europas liegt in Kittilä nur wenige Kilometer von Samis Weidegründen entfernt. Und auch die mächtige Forst- und Papierindustrie hat ganz andere Vorstellungen von der Zukunft der Wälder Lapplands, die ILO-Konvention würde da nur stören. "Der Staat folgt dem Geld", sagt die Bestsellerautorin Rosa Liksom, deren Familie einige Generationen zurück selbst samische Wurzeln hat: "Die Sami werden aussterben, das ist Realität."

Sami und Marjut kämpfen auf ihre Art dagegen an. Sie tragen die traditionellen Trachten, leben und arbeiten im Rhythmus der Natur, vermarkten das Fleisch in einer Kleingenossenschaft aus sieben Familien. "Erst kommt die Natur, dann der Mensch", das ist für Sami so klar wie der Winter mit minus 20 Grad oder mehr.

Die samische Sprache spricht in ihrer Familie aber niemand mehr, die wurde ihren Vorfahren in der Schule von nationalistisch gesinnten Lehrern buchstäblich aus dem Kopf geprügelt. "Zwei Generationen wurden gezwungen, nicht Sami zu sprechen", notfalls mit Gewalt und drastischen Strafen.

Es sind bereits rund 70 Prozent der Sami in Lappland, die nach Untersuchungen keine ihrer drei Sprachen mehr beherrschen. "Viele Sami fühlen sich minderwertig", sagt die Wissenschaftlerin Erika Sarivaara, die in Sami-Studien promoviert hat. Neuerdings werden in Kindergärten "Sprachnester" eingerichtet, in denen die Kleinen, einmal die Woche, wieder etwas Sami lernen, immerhin.

Die gut ausgebildeten Sami gehen weg

Seit fast 200 Jahren siedelt Tiensuus Familie bereits hier oben nahe der schwedischen Grenze, seit sechs Generationen am gleichen Ort, inmitten riesiger Wälder. "In der Stadt kriege ich Klaustrophobie", sagt Sami, "wir können 20 Kilometer in jede Richtung gehen, ohne jemanden zu treffen." Was anderes können sich Sami und Ehefrau Marjut gar nicht vorstellen.

Und ihre Kinder?

Die gut ausgebildeten Sami gehen weg, die jungen zieht es in die Stadt, "die Landflucht ist ihre Tragödie", sagt die Künstlerin Rosa Liksom. Rund 75 Prozent der Sami-Kinder leben bereits in den großen Städten im Süden Finnlands, rund um Helsinki, hat Expertin Sarivaara herausgefunden. "Niemand weiß, ob sie zurückkommen, und niemand redet darüber, was in 50 Jahren in Lappland sein wird. Das ist das große Tabu."

Samis Tochter Pinja, 14, fand Lappland "nicht mehr so cool", als sie von Klassenreisen aus Frankreich und von Sardinien in die Einsamkeit der Wälder zurückkehrte. "Aber sie liebt die Natur und Pferde und will hier leben", sagt Mutter Marjut und lacht ihre Ängste einfach weg.

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Seite 1
boblinger 16.02.2014
1. Deja vu
Als Mensch mit sorbischen Wurzeln hatte ich beim Lesen lauter traurige Aha-Erlebnisse. Ersetze Lappland mit Lausitz und du hast eine sehr vergleichbare Situation: Ausbeutung der Bodenschätze durch transnationale Firmen mit Unterstützung der lokalen Regierung, Brain drain, kulturelle Ignoranz durch die Mehrheitsbevölkerung im Land. Ach, moja hola.
Mertrager 16.02.2014
2. Alle
So wie wir mit den Resourcen der Erde umgehen, werden alle Völker über kurz oder lang sterben. Die Sami gehen uns nur voraus. Und wir tun weiterhin alles, um ihnen möglichst schnell nach zu folgen.
ir² 16.02.2014
3.
Was für eine Übertreibung! Niemand stirbt da aus, die Menschen wechseln in ein neues, angenehmeres Leben in einer Industriegesellschaft statt Nomadentum. So gesehen sind ja auch die Germanen ausgestorben, oder lebt der Autor noch so wie seine Vorfahren zur Zeit der Varus Schlacht?
cirkular 16.02.2014
4. Die kulturelle Vielfalt
Zitat von ir²Was für eine Übertreibung! Niemand stirbt da aus, die Menschen wechseln in ein neues, angenehmeres Leben in einer Industriegesellschaft statt Nomadentum. So gesehen sind ja auch die Germanen ausgestorben, oder lebt der Autor noch so wie seine Vorfahren zur Zeit der Varus Schlacht?
wird aussterben. Dies trifft auch den Rest Europas mit seinem linearen Denken. Gegenüber dem zirkularen Denken wird man hierzulande auf Dauer keine Chance haben.
kaynchill 16.02.2014
5. kein Problem
Die Interessen diverser Firmen werden das "Aussterben" bestimmter Völker vll begünstigen, aber der Verlust der kulturellen Identität ist nunmal so natürlich wie der Lauf von Leben und Tod. Sollen die Kinder denn ihr ganzes Leben der Bewahrung einer alten Kultur widmen? Das Leben geht weiter, die Welt dreht sich und wenn einem Veränderhngen nicht passen dann muss er halt als Einsiedler im Wald leben. Gang viele Menschen müssen versgehen dass die Menschdn immer mehr zusammenwachsen, Kultur nicht mehr in geografischen Grenzen bleibt.
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