Last-Minute-Appell an Palästinenser Olmert verlangt Volksaufstand gegen Hamas

Israel macht Ernst: Die Regierung will umgehend eine Offensive im Gaza-Streifen starten. Premierminister Olmert kündigt an, Krieg gegen die dort herrschende Hamas zu führen, um deren Angriffe zu stoppen - in einem "Appell in letzter Minute" fordert er eine Rebellion der Palästinenser.


Jerusalem - Israel will angesichts des Dauerbeschusses auf südisraelische Städte und Dörfer aus dem Gaza-Streifen offenbar hart zurückschlagen. Ministerpräsident Ehud Olmert kündigte an, dass er nicht zögern werde, die dort regierende radikal-islamische Hamas anzugreifen - es sei denn, so Olmert in einem "Appell in letzter Minute", die rund 1,5 Millionen Bewohner des Gaza-Streifens brächen mit der dort herrschenden Hamas.

Die Menschen in dem Küstenstreifen könnten die Hamas stoppen. Sie töte Kinder in Israel und greife Kindergärten und Zivilisten mit Raketen an, sagte Olmert in einem Interview mit dem arabischen Fernsehsender al-Arabija, der im Gaza-Streifen weithin gesehen wird. "Dass die Hamas dies im Widerspruch zum Geist des Islam tut, ist der Hauptgrund für Ihr Leiden und das unsere", sagte Olmert an die Bürger des Gaza-Streifens gerichtet. "Ich fordere Sie in einem Appell in letzter Minute auf: Stoppen Sie dies. Sie, die Bewohner des Gaza-Streifens, können das."

"Diese Situation wird geändert"

Andernfalls, kündigte er an, werde er ohne Zögern die ganze Macht Israels einsetzen, um die Hamas und die ebenfalls für Angriffe auf Israel verantwortliche radikal-islamistische Gruppe Islamischer Dschihad anzugreifen. Auch Außenministerin Zipi Livni machte nach Gesprächen in Ägypten klar, dass die Situation untragbar geworden sei. "Wir können keine Situation hinnehmen, in der Hamas weiterhin Israel und seine Bürger angreift. Diese Situation wird geändert."

Im Süden Israels waren allein seit dem Heiligen Abend rund 80 Raketen niedergegangen. Die im Gaza-Streifen abgefeuerten Geschosse treffen immer wieder die Kleinstadt Sderot und die grenznahen Dörfer. Dutzende Menschen mussten mit Schocks in Krankenhäuser eingeliefert werden. Zusätzlich war die Lage in den vergangenen Tagen mit Angriffen auch auf die israelische Küstenstadt Aschkelon eskaliert. Die mehr als 100.000 Einwohner zählende Stadt liegt rund 15 Kilometer nördlich des Küstenstreifens und kann nur mit weiterreichenden Raketen des Typs Grad angegriffen werden. Ihr Einsatz zieht gewöhnlich massive Gegenwehr Israels nach sich.

Die Politik in Israel steht kurz vor den Wahlen unter großem Handlungsdruck, den andauernden Angriffen ein Ende zu bereiten. Aus den Grenzregionen wird den Politikern im weit außerhalb der Raketenreichweite liegenden Jerusalem vorgeworfen, ihre Region bereits abgeschrieben zu haben und sie nicht ausreichend zu verteidigen. Im Vorfeld der für den 10. Februar vorgesehenen Wahlen hat sich die politische Debatte weiter verschärft.

Erneute Besetzung von Gaza im Gespräch

Diskutiert werden gezielte Militärschläge gegen die Hamas, aber auch eine erneute Besetzung des vor drei Jahren bedingungslos geräumten und an die Palästinenser zurückgegebenen Gaza-Streifens. Davor hatte zuletzt eindringlich Verteidigungsminister Ehud Barak von der sozialdemokratischen Arbeitspartei gewarnt. Dies würde nicht ohne viele Opfer auf beiden Seiten möglich sein, hatte er argumentiert.

Außenministerin Livni, die für die derzeit regierende Kadima-Partei als Spitzenkandidatin in die Wahl zieht, hat angekündigt, sie werde den Sturz der Hamas zu ihrer wichtigsten Aufgabe machen. Der Wahlfavorit, der Spitzenkandidat des rechten Likud, Benjamin Netanjahu, plädiert ebenfalls für ein hartes Vorgehen und tritt gegen eine Fortsetzung des Friedensprozesses in seiner jetzigen Form ein.

Die Situation war nach dem Auslaufen einer halbjährigen Waffenruhe in der vergangenen Woche eskaliert. Auch während der Waffenruhe hatte es allerdings permanente Attacken auf Israel gegeben, und die israelische Armee hatte wiederholt Kämpfer der Hamas und anderer Gruppen getötet. Ägypten, das die Waffenruhe vermittelt hatte, bemüht sich derzeit um eine Neuauflage.

sam/Reuters



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