Lauschangriff Zapfen Geheimdienst-U-Boote Telefonkabel an?

Horror-Märchen oder Wahrheit? Der amerikanische Geheimdienst NSA soll ein Spionage-U-Boot entwickelt haben, das Unterseekabel aufschlitzt und so Telefonate abhört. Noch allerdings überfordern die riesigen Datenmengen die Lausch-Computer.

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Glasfasern im Meer sind die Nervenbahnen der modernen Telekommunikation. Hier verlegen Schiffe ein Kabel vor der Küste Floridas
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Glasfasern im Meer sind die Nervenbahnen der modernen Telekommunikation. Hier verlegen Schiffe ein Kabel vor der Küste Floridas

Washington - Die schöne neue Welt der Telekommunikation kann für einen Spion zum Alptraum werden: Bis Mitte der neunziger Jahre, als der Telefonverkehr per Satellit von Land zu Land gebeamt wurde, konnten die USA die Signale mit Radioteleskopen auffangen und mit leistungsstarken Computern dechiffrieren. Der sowjetische Präsident Leonid Breschnew plaudert von seiner Staatskarosse aus mit der Märtresse? Kein Problem: Die Spione der amerikanischen "National Security Agency" (NSA) hörten mit, wie auch bei Geheimgesprächen Saddam Husseins.

Nun allerdings droht die NSA taub zu werden, trotz eines geschätzten Jahresetats von 20 Milliarden Dollar und über 60.000 Beschäftigten. Denn ein explosiv wachsender Anteil der internationalen Telekommunikation läuft über Glasfaserkabel im Meer, die Telefondaten in optische Signale verwandeln. Allein das erste dieser Kabel, das Großbritannien mit dem US-Staat New Jersey verbindet, ist 5500 Kilometer lang und kann bis zu 40.000 Telefongespräche gleichzeitig transportieren. Die Glasfasertechnik ist schnell, billig, leistungsstark - und kaum abzuhören.

"Fortgeschrittene" Technik für das U-Boot "Jimmy Carter"

Oder doch? Anonyme frühere Mitarbeiter der NSA berichteten dem "Wall Street Journal", die Amerikaner hätten bereits Mitte der neunziger Jahre mit einem neuartigen Spionage-Unterseeboot ein Meereskabel "aufgeschlitzt" und die hindurchlaufenden Daten abgefangen. Angeblich verlief dieser Untersee-Lauschangriff in mehreren hundert Metern Tiefe. Wo und wann genau ist unklar, offizielle Bestätigungen gibt es nicht. Kein Wunder: In den USA droht jedem Gefängnis, der Details über die Abhörtricks der Geheimdienste ausplaudert.

Offiziell in US-Regierungsunterlagen nachzulesen ist jedoch dieses: Die NSA und die US-Marine haben schon vor vier Jahren 2,4 Milliarden Dollar bereit gestellt, um das Atom-U-Boot "Jimmy Carter" für "Spezialoperationen" wie die "besondere Kriegsführung" und "fortgeschrittene Überwachung" auszurüsten. Der US-Kongress stimmte zu, abgeschlossen sein wird der Umbau vermutlich im Jahr 2003.

Welche Fähigkeiten die "Jimmy Carter" genau hat - auch dies ist Staatsgeheimnis. Marine-Experten aber erklärten dem "Wall Street Journal", das U-Boot verfüge über eine mehrere Meter lange Spezialkammer, die vom Mutterschiff abgekoppelt und langfristig mit Sauerstoff versorgt werden könne. Techniker und Taucher könnten ein Glasfaserkabel packen, in die Kammer einführen, dort biegen oder aufscheiden - und so die optischen Signale abfangen. Wichtig dabei: Die Kabel müssen vollständig trocken gehalten werden. Denn an den Fasern liegt eine elektrische Spannung von rund 10.000 Volt an. Sie dient dazu, die Lichtsignale auf ihrer langen Reise zu verstärken.

"Aufwendig wie eine Mondlandung"

Der Direktor der NSA, General Michael Hayden, soll ungläubig gelacht haben, als ihn Journalisten auf das Lausch-U-Boot ansprachen. Hayden sagte aber auch: "Ich werde nicht versuchen, Sie vom Gegenteil zu überzeugen."

Die NSA-Zentrale im amerikanischen Bundesstaat Maryland. Der Geheimdienst gilt als der mächtigste der Welt
NSA

Die NSA-Zentrale im amerikanischen Bundesstaat Maryland. Der Geheimdienst gilt als der mächtigste der Welt

Telekommunikationsexperten aus Deutschland bleiben skeptisch. "Das klingt nach einem Aprilscherz", sagt ein Glasfaser-Experte der Firma "Alcatel Fibre Optics" aus Mönchengladbach gegenüber SPIEGEL ONLINE. Prinzipiell wäre der Lauschangriff in der See machbar, doch sei er "aufwendig wie eine Mondlandung". Außerdem würde den Betreibern sofort auffallen, wenn eines ihrer Kabel angegraben wird. Die Leistung der Datenleitung falle ab, das sei ein Alarmsignal. Dann werde der Transfer von Telefonaten blitzschnell automatisch abgeschaltet. Pech für die Spione.

Auch der Europa-Abgeordnete Gerhard Schmid (SPD) wiegelt ab. Er hat sich im Sonderausschuss des EU-Parlaments mit dem amerikanischen Spionagesystem "Echelon" beschäftigt und kam zu dem Schluss: Die Möglichkeiten der USA werden überschätzt. Auch Schmid weiß jedoch, dass die Vereinigten Staaten in der Vergangenheit unterseeische Kupferkabel angezapft haben. Ein technisch leichteres und schwerer zu entdeckendes Verfahren.

Schon wegen der wachsenden Zahl der Kabel hält Schmid die Berichte über die neue Spionage-Technik indes für Phantasterei. Selbst die USA könnten sich nicht leisten, eine hinreichende Zahl von U-Booten auszurüsten. Schmids Fazit: "So eine Technik ist höchstens für den Kriegszustand geeignet."

Kakophonie der Stimmen

Also doch ein "Horrormärchen", wie der Alcatel-Experte meint? Auch die "informierten Kreise", auf die sich das "Wall Street Journal" beruft, schränken ein: Die USA seien zwar in der Lage, die Daten abzufangen, aber interpretieren und in Klartext übersetzen könne man sie noch nicht. Die Datenmenge, die über die Fasern fließt, sei einfach zu immens. Immerhin werden Kabel der dritten Generation bis zu 100 Millionen Telefongespräche gleichzeitig vermitteln.

Die NSA verfüge zwar über die leistungsstärksten Computer der Welt, sagten die anonymen Ex-Spione. Aber aus dem Geschrei und Gebrüll von hunderttausend Telefonaten könnten auch die keinen Sinn herausfiltern. Jedenfalls nicht bis zum heutigen Tag.



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