Front National auf dem Vormarsch "Frankreich erobern, Europa zerstören"

Das Ergebnis bei der Europawahl ist ein Warnschuss: Nach ihrem Triumph will Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National 2017 François Hollande ablösen. Der Gegner macht es ihr leicht.

Von , Paris


Sie vergoss Freudentränen nach dem Triumph: Als Marine Le Pen weit nach Mitternacht in einem Pariser Nachtklub zur Siegesfeier mit ihren Parteigenossen eintraf, schloss die Chefin des rechtsextremen Front National (FN) ihre Fans und Familie in die Arme, dann floss Champagner. Glückwünsche gab es auch von Papa Jean-Marie, der zum siebten Mal wiedergewählt worden war: "Das ist ein historischer Sieg."

Am Morgen danach waren die Emotionen vergessen, im FN-Hauptquartier in Nanterre hatten wieder die Strategen das Wort. Denn das traute Trio der FN-Delegierten - Marine Le Pen, Vater Jean-Marie und dessen Weggefährte Bruno Gollnisch - erhält Verstärkung. Bislang führten sie im Europaparlament eine eher unbeachtete Randexistenz, jetzt stoßen 21 weitere Abgeordnete hinzu.

Nach dem triumphalen Wahlergebnis von 25 Prozent stellt die FN-Riege unter Frankreichs Euro-Vertretern künftig die stärkste Abordnung. Und Marine Le Pen sinnt darauf, die Präsenz in Straßburg und Brüssel politisch zu nutzen. Und manche der Rechtsextremen wagen den Blick schon weit in die politische Zukunft - bis zum Einzug in den Elysée.

Der erste Schritt auf dem "langen Marsch" (Marine Le Pen) ist die Bildung einer eigenen Fraktion aus Euro-Skeptikern, EU-Gegnern, Rechten oder Populisten - das schafft Zugang zu Geld, Posten und Aufmerksamkeit. Voraussetzung dafür ist eine Gruppe von mindestens 25 Abgeordneten aus sieben verschiedenen Ländern. Kein leichtes Unterfangen, denn die Extremisten Europas liegen keinesfalls ideologisch auf derselben Wellenlänge.

Wirklich zählen kann Marine Le Pen bisher nur auf die Unterstützung aus Österreich. In Belgien und den Niederlanden schlossen ihre rechtspopulistischen Bundesgenossen eher enttäuschend ab, die Radikalen in Dänemark oder Großbritannien hingegen verweigern sich einem Zusammenschluss unter Führung der FN-Chefin.

Trotz Le Pens Triumph, auf den Titelseiten der Zeitungen als "Big-Bang", "Abfuhr" oder "Beben" beschrieben, bleiben die Rechtsradikalen unter den 751 Europavertretern eine kleine Minderheit. "Sie haben nicht den Einfluss, über den Kurs zu entscheiden", sagt der FN-Experte Joel Gombin gegenüber dem Nachrichtensender BFM. "Im Gegenteil", so der Soziologe: "Das relativ gute Abschneiden der Euro-Gegner wird die existierenden Euro-Parteien dazu bringen, sich noch mehr bei ihren Entscheidungen abzustimmen."

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Hauptsache extrem: So hat Europa gewählt
Für Marine Le Pen und den Front National ist das kein Problem, die Zeit scheint für sie zu arbeiten. Zwar mobilisierten sie Arbeiter und Jungwähler mit ihrem vehementen Feldzugs wider "das Europa der Kommissare" und die Entmündigung der Nationen. In Wahrheit ist der Rekordzugewinn im Europaparlament nur ein Etappensieg.

Ihren Erfolg verdanken Frankreichs Rechtsextreme nicht nur ihrer kategorischen Kritik an Europa, sondern auch dem Frust der Wähler über Frankreichs Wirtschaftsmisere und der allgemeinen Politikverdrossenheit. Die etablierten Parteien - Sozialisten wie Konservative - werden von den Franzosen als konfus, unglaubwürdig oder gar korrupt wahrgenommen. Der Front National, dem Marine Le Pen in den vergangenen Jahren eine ideologische Runderneuerung verpasste, erschien ihnen hingegen als dynamisch-moderne Kraft.

Die schrittweise Eroberung Frankreichs

Jetzt planen die Rechtsextremen nicht nur den Marsch in die Brüsseler Instanzen, sondern auch den Machtwechsel im eigenen Land. "Erst Frankreich erobern, dann Europa zerstören", kündigte FN-Vize Louis Alliot an, der Lebensgefährte von Marine Le Pen.

Zwar fällt das Votum vom Sonntag - 4,5 Millionen Stimmen - hinter das Ergebnis der Präsidentenwahl 2012 zurück: Seinerzeit trieb die Kampagne von Marine Le Pen gut 6,5 Millionen Franzosen an die Urne. Dennoch konnten die Rechtsextremen damit rund elf Prozent aller Wahlberechtigten mobilisieren - das weckt bei FN-Anhängern Hoffnungen für das Rennen 2017.

Um Marine Le Pen bis dahin als realistische Alternative für den Elysée-Palast zu positionieren, setzen die Rechtsextremen auf die schrittweise Eroberung Frankreichs. Die Regionalwahlen im kommenden Jahr sind eine entscheidende Etappe: Die 21 Gebietskörperschaften, von denen 20 von den Sozialisten geführt werden, haben zwar keine eigenen Parlamente, aber üppige Budgets.

Wiederholt sich das Debakel der Sozialisten bei der Europawahl, könnte der FN vom weiteren Abrutschen der Regierungspartei profitieren - und Marine Le Pen hätte berechtigte Chancen beim Duell mit Präsident Hollande. Derzeitige Umfragen geben dem unpopulärsten Präsidenten der V. Republik gerade mal elf Prozent.

Nur ein Wunschszenario? "Bisher war der Front National eine Partei, die nur in gewissen Gegenden ihre Hochburgen hatte", gibt Politikwissenschaftler Gombin zu bedenken. "Aber mit diesen Wahlen hat sich der FN als landesweite Partei formiert. Und neben der traditionellen Linken und Rechten steigt sie jetzt zur dritten politischen Kraft in Frankreich auf."

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insgesamt 289 Beiträge
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mein_standpunkt 26.05.2014
1. Die spinnen, die Franzosen!
Wenn sie mit der selbstgewählten linken Regierung unzufrieden sind, müssen sie ihren verständlichen Frust doch nicht an Europa/ den anderen Europäern auslassen!!! Sehr egoistisch - mal wieder..., leider.
against_all_odds 26.05.2014
2. Polemik uebelster Art
in dieser Headline " Frankreich erobern- Europa zerstoeren." Das Damen und Herren is Bild Zeitungs Niveau. Die Waehler haben in Frankreich ihre Stimmung klargemacht - und saemtliche " EU Politiker" haben nun Anlass sich zu fragen, was hier falsch laeuft. Kritisch hinterfragen was zu diesen Ergebnissen fuehrt, anstatt zu verteufeln: das waere die angemessene Reaktion, lieber SPON.
Betrayer 26.05.2014
3. Einstige Hochburgen der Demokratie...
drohen nun abzudriften an den rechten Rand. Jedes Volk bekommt den Führer, den es verdient, das französische Volk hat demokratisch gewählt, gemeinsam entschieden: Wir wollen den momentanen Kurs der etablierten Parteien nicht beibehalten, wir wollen eine Veränderung. Letzlich wird die Zeit zeigen, was genau die FN vor hat.
lupo44 26.05.2014
4. noch ist es nicht zu spät...
aber ein Warnschuss an alle amtierenden Regierungen in Europa.Nehmt das Volk und seine Meinung und Stimmung endlich ernst.Redet mit dem Volk und nicht nur unter Euch! Hier in Deutschland hat die AfD immerhin auf Anhieb es geschafft in das Parlament einzu ziehen.Immerhin wurde die FDP die bis vor einem guten Jahr noch eine Regierungspartei war geschlagen von der AFD.Es gibt genug zu tun für die Regierungen in Europa.Wichtige Themen und nicht nur "Krumme Gurken".
der_durden 26.05.2014
5.
Zitat von against_all_oddsin dieser Headline " Frankreich erobern- Europa zerstoeren." Das Damen und Herren is Bild Zeitungs Niveau. Die Waehler haben in Frankreich ihre Stimmung klargemacht - und saemtliche " EU Politiker" haben nun Anlass sich zu fragen, was hier falsch laeuft. Kritisch hinterfragen was zu diesen Ergebnissen fuehrt, anstatt zu verteufeln: das waere die angemessene Reaktion, lieber SPON.
Warum? Erklären Sie das doch bitte! Haben Sie diese nette Frau mal reden gehört? Genau das sind ihr Worte. Sie sagt, sie wolle die EU aus innen heraus zerstören! Ist es Ihnen nicht genehm, dass man die Dinge beim Namen nennt? Sollte man Rechtsradikale, Extremisten besser hofieren, schönreden, verharmlosen, nach dem Munde reden? Oder kommen nun die üblichen Verharmlosungen, France National sei keine (rechts)radikale Partei? Ernsthaft?
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