Leben im Heiligen Land Jerusalems Christen fühlen sich im Stich gelassen

Der Einkaufsweg führt über die Via Dolorosa, die Grabeskirche grenzt ans Wohnzimmer. Doch die Nähe zu ihren heiligsten Stätten ist Jerusalems Christen kein Trost. Vereinsamt zwischen Juden und Muslimen suchen viele ihr Heil in der Flucht. Wer bleibt, lebt in Angst.

Von Ulrike Putz, Jerusalem


Jerusalem - Es gibt wenige Menschen, die an so biblischer Stätte leben wie Maher Nasraui. Der Felsen, auf dem Jesus am Kreuz gestorben sein soll, der leere Sarkophag, aus dem Christus auferstanden ist: Maher wohnt keine zwei Fußminuten von ihnen entfernt. Die Via Dolorosa, auf der Jesus seine Passion erleiden musste: Mahers Weg zum Olivenhändler, der gleich hinter der fünften Kreuzwegstation die besten Sorten in Öl verkauft. "Hier hat Simon von Kyrene Jesus geholfen, das Kreuz zu tragen", erläutert Maher vor der Steintafel mit der Nummer fünf. Jerusalems Christen kennen ihre Bibel.

Dass es wenige Menschen gibt, die an einem der wichtigsten Orte des Christentums leben wie die Nasrauis, ist eine Sache. Dass es immer weniger werden, ist "eine Tragödie", sagt Maher. Er sitzt im Wohnzimmer des Jerusalemer Altstadthäuschens, in dem er geboren wurde. Seine Mutter hält nebenan ein Mittagsschläfchen. Dass Maher Nasraui trotz seiner 40 Jahre noch zu Hause wohnt, ist ungewöhnlich. Dass er noch keine Frau gefunden hat, daran mag auch der Exodus der Jerusalemer Christen Schuld sein.

Es ist nicht leicht, jemanden zu finden, der so offen über die Sorgen der palästinensischen Christen spricht wie Maher Nasraui. Zu groß ist der Druck, zu groß die Angst. "Wir haben hier in Israel doch keine Lobby", sagt er, der in besseren Zeiten im Kiosk seines Bruders gearbeitet hat, aber derzeit eine Pause macht, um "sein Leben neu zu ordnen". "Weder die Juden noch die Muslime wollen uns hier haben. Die sind doch froh, wenn wir gehen."

Wenn Nasraui bei einem Spaziergang durch das christliche Viertel der Altstadt Jerusalems von Simon dem Kyrenen als einem der ersten Christen erzählt, dann ist das für ihn Teil der Familiengeschichte. Jerusalems palästinensische Christen beziehen sich in ihrer Tradition auf das erste Pfingstfest, bei dem sie unter den Bekehrten gewesen sein wollen. Erst später splitterten sich die Palästinenser in verschiedenen Konfessionen auf. Mahers Familie ist heute griechisch-orthodox. Nach der Eroberung Jerusalems durch muslimische Truppen 638 trat dann ein Großteil der Bevölkerung zum Islam über. Doch noch 1945 ergab eine Volkszählung, dass die Christen mit 40.000 Einwohnern ein Drittel der Bevölkerung des gesamten Distrikts Jerusalem stellten, zu dem damals auch Betlehem gehörte.

Immer mehr Muslime drängen in die Altstadt

Heute leben noch mindestens 8000 Christen in der Heiligen Stadt, die meisten in Mahers Nachbarschaft im Nordosten der Altstadt. Die Jerusalemer Gemeinden bluten langsam aus, genau wie die in Betlehem, Ramallah und anderen christlichen Hochburgen im Heiligen Land. Gründe gibt es viele: Die meisten Familien sind klein, was im auf Vetternwirtschaft basierenden nahöstlichen Geschäftsleben ein großer Nachteil ist. Wenn es nicht die Armut ist, die die Leute fort treibt, ist es die Bildung: Weil die Kinder in kirchlichen Schulen eine überdurchschnittliche Bildung erhalten, sind sie beim Run auf Studenten-Visa im Vorteil. Auch, wenn es um die Einwanderung ganzer Familien in westliche Länder geht, haben arabische Christen bessere Karten.

"Die, die gehen können, haben es gut. Wir müssen uns mit den Konsequenzen rumschlagen", sagt Maher Nasraui. Das Problem: Wo eine christliche Familie auszieht, zieht bald eine Andersgläubige ein. Sein Nachbar, der mit Spinat gefüllte Teigtaschen herstellt, sei ein netter Mann, sagt Nasraui. "Aber erst kam er und dann seine Brüder und Cousins, und es werden immer mehr", sagt er über die muslimische Bäckers-Familie. Dass immer mehr palästinensische Muslime in die Altstadt drängen, hat politische Hintergründe: Früher pendelten Tausende Palästinenser aus den Jerusalemer Vororten morgens zur Arbeit. Seit dem Mauerbau Israels ist das so zeitaufwendig geworden, dass viele in die Stadt ziehen. Doch die durch die Stadtmauern auf gerade Mal einen Quadratkilometer begrenzte Altstadt ist eng, weshalb viele Zuzügler die unsichtbaren Grenzen der Konfession übertreten.

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