Leben im Nahost-Konflikt Die Mauer ist weg

Über Jahre war ein Betonwall zwischen Betlehem und Jerusalem das Symbol des Nahost-Konflikts. Nun wollen Israelis und Palästinenser wieder über Frieden sprechen, die Armee reißt die Mauer ein - doch mancher will sie behalten.

Von Gil Yaron, Jerusalem

Gil Yaron

Eigentlich sollte sich Zvi Aharon freuen. Vor zwei Wochen ist der arbeitslose ultraorthodoxe Israeli in seine neue Wohnung in Gilo gezogen, einen südlichen Stadtteil Jerusalems. Bisher versperrte hier eine vier Meter hohe Betonwand die Aussicht von seinem Wohnzimmer im ersten Stock auf die Stadt Betlehem und die grünen Berge Judäas. Jetzt hat die Armee begonnen, die Mauer einzureißen - der neuerdings freie Ausblick freut Aharon aber gar nicht.

"Ihr verschwendet doch nur unsere Steuergelder!", ruft er den Soldaten zu, die die Betonmauer in ihre Bestandteile zerlegen und auf einen Laster hieven. "In ein paar Monaten müsst ihr die ja sowieso wieder aufbauen."

Zu Beginn der zweiten Intifada im Jahr 2000, als es an dieser Stelle zu Schusswechseln kam, ließ Israel erst Panzer auffahren. Später wurden in Gilos Straßen insgesamt rund 600 hundert Meter Mauern errichtet, um die Bürger vor palästinensischen Scharfschützen im nahen Beit Dschallah zu schützen. Gilo wurde zum Brennpunkt, in den Augen vieler Israelis Sinnbild dafür, dass man mit Palästinensern keinen Frieden machen kann.

Seit gut drei Jahren ist hier nun wieder Ruhe eingekehrt. "Die palästinensischen Sicherheitskräfte leisten gute Arbeit", sagt Hauptmann Arieh Schalikar, Sprecher der israelischen Armee. "Dass wir die Mauer abbauen, ist ein Zeichen unseres Vertrauens." Die alltägliche Kooperation israelischer und palästinensischer Sicherheitskräfte hat diplomatischen Fortschritt ermöglicht.

Die USA und deren Partner aus dem Nahost-Friedensquartett - Russland, die EU und die Uno - haben Israelis und Palästinenser zu Friedensverhandlungen nach Washington geladen. Nach anderthalb Jahren diplomatischen Stillstands sollen beide Seiten endlich wieder direkt zueinander sprechen, unter der Schirmherrschaft von US-Präsident Barack Obama, mit Rückendeckung Ägyptens und Jordaniens.

Die USA, arabische Staaten und die EU machten Druck und begleiteten den Prozess mit Zugeständnissen an beide Seiten. Um dem israelischen Premier Benjamin Netanjahu Ärger mit seinen rechten Koalitionspartnern zu ersparen, erwähnt die Einladung des Nahost-Quartetts die Forderung nach einem Siedlungsbaustopp im Westjordanland nur vage. Beide Seiten werden lediglich dazu aufgefordert, von "provokanten Schritten abzusehen". Die USA nahmen Abstand davon, die Grenzen von 1967 als Ausgangspunkt für Verhandlungen festzulegen. Dafür wurde, um den Palästinensern entgegenzukommen, der Zeitrahmen der Verhandlungen von zwei Jahren auf ein Jahr verkürzt.

Gute Sicherheitslage im Westjordanland

Dass Netanjahu Verhandlungen zustimmen kann, liegt unter anderem an der guten Sicherheitslage im Westjordanland. Dank enger Kooperation israelischer und palästinensischer Sicherheitskräfte liegt das letzte Selbstmordattentat in Israel mehr als anderthalb Jahre zurück. Selbst eine Reihe von Anschlägen im besetzten Westjordanland, bei denen seit Jahresbeginn zwei Sicherheitsbeamte getötet wurden, hat der grundsätzlich positiven Einstellung der Militärs zu ihren palästinensischen Kollegen keinen Abbruch getan. Neuerdings gestattet die Armee israelischen Reiseführern wieder die Einreise nach Betlehem und erwägt sogar, Besuche israelischer Durchschnittsbürger in palästinensischen Städten zuzulassen.

Die Ruhe verdankt Israel zu einem großen Teil fünf Bataillonen der palästinensischen Polizei, die von US-General Keith Dayton in einem jordanischen Ausbildungslager trainiert wurden. Seit gut drei Jahren gehen sie mit harter Hand gegen Kriminelle und Regimegegner vor, zum Unmut der radikalislamischen Hamas, die zum Hauptziel dieser "Dayton-Armee" geworden ist. Sie vollstreckt die Dekrete der palästinensischen Autonomiebehörde (PA), die von der pragmatischen Fatah kontrolliert wird. Sie befindet sich seit einem Putsch der Hamas im Gaza-Streifen im Jahr 2007 im Bruderkrieg mit den Islamisten und setzt Daytons Schützlinge hart gegen ihre Gegner ein.

Die PA setzt Hamas-Anhänger unter massiven Druck, schließt deren Moscheen und soziale Einrichtungen und feuert Prediger. Menschenrechtsorganisationen berichten von willkürlichen Verhaftungen Hunderter Sympathisanten, die ohne Verfahren in Gefängnissen sitzen, von Folter und Mord in Polizeigewahrsam. Die Hamas, die sich in Gaza bei Fatah-Anhängern rächt, beschimpft "Daytons-Armee" als "Handlanger von Amerikanern und Zionisten".

Die Israelis hingegen sind zufrieden: "Die Sicherheitslage ist sehr gut und sehr stabil", sagt Hauptmann Schalikar. Mehr will er nicht sagen über die anhaltende Sicherheitskooperation mit der PA, um der Hamas kein Propagandamaterial zu liefern.

Die Zuversicht der Armee scheint die öffentliche Meinung in Israel jedoch kaum beeinflusst zu haben. Die Medien berichten vom Umschwung im Westjordanland, vom Aufschwung der palästinensischen Wirtschaft, von bevorstehenden Friedensgesprächen - aber trotzdem glaubten laut einer Umfrage des Truman Instituts der Hebräischen Universität in Jerusalem im Juni 65 Prozent der jüdischen Israelis daran, dass die Palästinenser wieder zu den Waffen greifen werden. Eine Mehrheit von 61 Prozent erwartet demnach nicht, dass es in naher Zukunft Frieden mit den Palästinensern geben kann. Ein ähnlich hoher Anteil der Befragten hat trotz der anhaltenden Ruhe im Alltag weiter Angst vor arabischem Terror.

Skepsis der israelischen Bevölkerung

Diese Diskrepanz zwischen der Zuversicht der Militärs auf der einen Seite und der Skepsis der Bevölkerung auf der anderen war in dieser Woche zu spüren in der Margalitstraße in Gilo. Der Abriss der Betonmauer vor ihrer Haustür und die bevorstehenden Friedensgespräche stimmen hier niemanden optimistisch. Im Gegenteil: "Das wird sich noch als schwerer Fehler erweisen", sagt der 27-jährige Ben Levy, der als Jugendlicher erlebt hat, wie die Kugeln über die Margalitstraße zischten. "Immer wenn die Regierung mit den Palästinensern spricht, zahlen wir am Ende den Preis dafür."

Für den arbeitslosen Aharon scheint die Anwesenheit der Armee immerhin eine willkommene Abwechslung. Er hat aufgehört, sich zu beschweren und sich mit den Soldaten angefreundet, die die Mauer vor seinem Wohnzimmerfenster demontieren. Er bringt ihnen kaltes Wasser und flachst mit ihnen. "Schießt am besten vorher ein paar Probeschüsse nach Betlehem. Wenn sie nicht antworten, ist vielleicht wirklich etwas dran an dem Frieden", sagt er, und alle lachen. Besorgt sei er nicht, sagt der gottesfürchtige Mann, aber an den Frieden glaubt er auch nicht: "Gott sei Dank, die Fenster in meiner Wohnung sind alle mit Panzerglas versehen. Das wird sich bestimmt bald als nützlich erweisen."

Manche führen profane Argumente gegen den Mauerabriss an. Neben dem Eingang zur Mischkan-Mosche-Synagoge in der Anafa-Straße sind immer noch die Einschüsse von früher zu sehen. Sieben Betonblöcke bieten hier den Frommen nicht nur vor Kugeln Schutz: "Besser, die bleiben stehen", sagt Maor, ein 19-jähriger Toraschüler. "Im Winter halten sie den kalten Wind ab."

Auf der Margalitstraße ist eine ältere Passantin, die ungenannt bleiben will, ganz überrascht: "Was, die Mauer kommt weg?", fragt sie. Das findet sie "schade". Die Betonmauer sei "doch so hübsch bemalt". Und sie verdeckt den Blick auf den gefürchteten Nachbarn.

Auf die Realität.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
hartung1848 30.08.2010
1. Nicht die tatsächliche Mauer
Die Mauer wird nicht abgerissen. Was Israel hier demontiert ist schlicht und einfach ein kleiner Wall, welcher die israelische Siedlung Gilo vor Panzerfaustbeschuss aus Beit Jala und Bethlehem schützen sollte. Die tatsächliche Mauer, welche nicht nur Sicht versperrt, sondern auch vielen Araber auf grund der versperrtne Wege zu ihren Olivenhainen die Existenz raubt, die bleibt natürlich stehen. Jene Mauer, welche der Autor erwähnt enthielt so und so Lücken, war gerade einmal 2 Meter hoch, wenn überhaupt. Die andere ist über 8 Meter hoch und schneidet durch völkerrechtlich arabisches Land! Der Autor behandelt hier also ein Thema von ähnlicher Brisanz wie des berühmten umfallenden Reissackes in China.
eikfier 30.08.2010
2. Teilmauer
Zitat von sysopÜber Jahre war ein Betonwall zwischen Betlehem und Jerusalem das Symbol des Nahost-Konflikts. Nun wollen Israelis und Palästinenser wieder über Frieden sprechen, die Armee reißt die Mauer ein -*doch mancher will sie behalten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,712940,00.html
...als ich die Überschrift las, habe ich mich sehr gefreut, jetzt aber bin ich eben nur teilweise erfreut, denn "weg" kommt doch eine bisherige zusätzliche Kugelfang-Mauer gegen terroristische moslemisch-arabische Scharfschützen, der eigentliche Trennzaun bleibt doch noch unverändert... Aber der berühmte erste Schritt in die richtige Richtung ist es jedenfalls, wenn nicht tatsächlich wieder die Kugeln pfeifen, wie einige jüdische Israelis ja im Bericht befürchten...
ThorstenNYC 30.08.2010
3. Jüdische Siedlung im besetzten Ostjerusalem
»Gilo, ein südliche[r] Stadtteil Jerusalems« Das ist aber schön unverfänglich umschrieben. In Wirklichkeit ist Gilo eine jüdische Siedlung auf seit 1967 besetztem Gebiet — und damit nach Lesart der UNO sowie aller Staaten (außer Israel selbst) weder Teil Israels noch (Israelisch-)Jerusalems.
jovialus, 30.08.2010
4. Gilo
---Zitat--- Vor zwei Wochen ist der arbeitslose ultraorthodoxe Israeli in seine neue Wohnung in Gilo gezogen, einen südlichen Stadtteil Jerusalems. ---Zitatende--- Gilo ist kein südlicher Stadtteil Jerusalems, sondern eine illegale israelische Siedlung, die auf enteignetem Land der palästinensischen Dörfer Beit Safafa, Sharafat and Beit Jala errichtet wurde.
horst hanson 30.08.2010
5. Danke für die Info !
Zitat von jovialusGilo ist kein südlicher Stadtteil Jerusalems, sondern eine illegale israelische Siedlung, die auf enteignetem Land der palästinensischen Dörfer Beit Safafa, Sharafat and Beit Jala errichtet wurde.
Die Information hätte ich gerne auch im SPON gelesen. Der Besatzer schützt sich vor den Kugeln der Vertriebenen, das ist legitim, aber wenn meine Heimat besetzt wäre, würde ich mich auch nicht mit Eiern gegen die Besatzer wehren.
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