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Lebensmittelpreise: Seehofer wirft Nahrungsmittelkonzernen Erpressung vor

Exportsubventionen, Bioenergie und eine verfehlte Agrarpolitik - Experten sind sich einig über die Ursachen für die dramatisch ansteigenden Lebensmittelpreise. Landwirtschaftsminister Seehofer verortet die Hauptschuldigen aber woanders: in den Chefetagen der großen Saatgut-Konzerne.

Hamburg - Angesichts drohender Hungerkatastrophen hat Bundesverbraucherminister Horst Seehofer (CSU) massive Kritik an der internationalen Nahrungs- und Futtermittelindustrie geübt. "Denen geht es in erster Linie doch um eine Gewinnmaximierung und nicht um die Versorgung der Menschen", sagte Seehofer der Zeitung "Bild am Sonntag". "Es kann doch nicht sein, dass in den USA im wesentlichen nur noch ein Konzern Saatgut anbietet. Die Landwirte dort werden doch erpresst und die Entwicklungsländer auch."

Landwirtschaftsminister Seehofer: "Dahinter steht das Interesse der Konzerne"
REUTERS

Landwirtschaftsminister Seehofer: "Dahinter steht das Interesse der Konzerne"

Seehofer sagte wörtlich: "Die großen Konzerne und Finanzanleger beherrschen die Szene und denen muss man in die Parade fahren. Wir brauchen hier keine industrielle, sondern eine bäuerliche Landwirtschaft."

Der Minister verwies auf Prognosen, nach denen die Preise für Futtermittel "um 600 Prozent steigen, weil es Futtermittelknappheit gibt. Dahinter steht das Interesse der Konzerne, ihren genveränderten Sojamais zu verkaufen."

Die gestiegene Nachfrage nach Lebensmitteln hat in den vergangenen Monaten zu drastischen Preissteigerungen geführt. In den Entwicklungsländern können die Menschen nicht einmal mehr Grundnahrungsmittel wie Reis oder Weizen bezahlen. Schon jetzt müssen rund 800 Millionen Menschen hungern, und es drohen mehr zu werden.

800 Millionen Menschen hungern

Viele der Betroffenen brachten ihre Verzweiflung bereits in gewalttätigen Demonstrationen zum Ausdruck. In Haiti musste die Regierung zurücktreten. Die vier größten Reisproduzenten China, Indien, Indonesien und Vietnam haben einen Exportstopp beziehungsweise Ausfuhrkürzungen bei dem Grundnahrungsmittel verhängt, um die Preise für die eigene Bevölkerung stabil zu halten. Auf den Philippinen hat die Armee damit begonnen, Reis an Bedürftige zu verteilen.

Der Konzern, auf den Seehofer anspielt, ist leicht zu identifizieren: Der US-Biotechkonzern Monsanto, dessen Nettogewinn allein im zweiten Quartal des laufenden Geschäftsjahres um 107 Prozent auf 1,1 Milliarden Dollar kletterte. Grund sei unter anderem ein starkes Geschäft mit Maisgut gewesen, hieß es Anfang des Monats. Der Umsatz stieg um 45 Prozent auf 3,8 Milliarden Dollar.

Mit Monsanto hatte sich Seehofer schon einmal vor einem Jahr eine Auseinandersetzung geliefert. Damals ließ Seehofer den Amerikanern verbieten, Saatgut der gentechnisch veränderten Maissorte MON 810 zu verkaufen. Danach setzten sich Vertreter der US-Botschaft und von Monsanto mit der Bundesregierung in Verbindung, um direkt im Kanzleramt für ihre Sache zu werben.

Schon die Ankündigung des Beschlusses habe dafür gesorgt, dass Monsanto aktiv geworden sei, sagte Christoph Then, Gentechnik-Experte bei Greenpeace, damals dem SPIEGEL. "Das ist kein ungewöhnlicher Vorgang, wir wissen auch aus anderen Ländern, zum Beispiel aus Ungarn, dass Monsanto dort gezielt Druck auf die Regierung ausgeübt hat."

Gütesiegel für Biospritrohstoffe gefordert

Für Seehofer scheint denn auch klar zu sein, wo die Hauptursachen für das weltweite Nahrungsmittelproblem liegen. Die Ausweitung der Bioenergie ist es seiner Überzeugung nach jedenfalls nicht. Eine stärkere Nutzung von nachwachsenden Rohstoffen habe man aus Gründen des Klimaschutzes beschlossen, sagte der Politiker.

Dass dadurch die Produktion von Nahrungsmitteln spürbar zurückgedrängt wird, glaubt der Minister dagegen nicht. "Weltweit gibt es 42 Millionen Quadratkilometer landwirtschaftlicher Nutzfläche, von denen 15 Millionen tatsächlich genutzt werden. Und nur auf einem Prozent dieser Fläche wachsen Rohstoffe für Biosprit. Er kann also nicht für die aktuellen Probleme verantwortlich gemacht werden."

Seehofer äußerte sich besorgt über die Vernichtung von Regenwäldern für Biosprit und forderte eine Regelung der EU. EU-weit sollte die Anrechnung von Biosprit auf die Kraftstoffquote nur dann zulässig sein, wenn die Rohstoffe für den Biosprit nicht aus gerodeten Urwäldern stammen.

mik/ddp

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