Legende Bob Woodward "Ich bin nur ein Reporter"

Durch die Aufdeckung des "Watergate"-Skandals wurde Bob Woodward zu einem Helden Amerikas und zur Ikone des investigativen Journalismus. Artikel für die "Washington Post" schreibt er nur noch selten, stattdessen Bestseller. Sein neues Buch ist ein vernichtendes Resümee der Ära Bush.

Von Georg Mascolo und


Washington - Bob Woodward ist der Traum jedes Moderators einer Fernsehshow. Er sieht mit seinen 63 Jahren blendend aus, er hat äußerst angenehme Manieren, er schaut ernst drein und er hat diese dunkle, sonore Stimme, die ihm Charme und Autorität verleiht. Er geht ungefähr alle zwei Jahre auf Tour durch die Fernsehstudios, immer dann, wenn er Werbung machen möchte für ein neues Buch.

Autor Woodward: "Kein Loblied auf Bush angestimmt"
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Autor Woodward: "Kein Loblied auf Bush angestimmt"

Larry King, Markenzeichen Hosenträger überm Hemd, ist ein Fossil des amerikanischen Fernsehens. Seine Show "Larry King Live" läuft fünfmal pro Woche auf CNN. Er plaudert mit seinen Gästen, er ist mit vielen von ihnen befreundet oder wirkt zumindest so. Keine Frage, dass Bob Woodward, die Ikone des investigativen Journalismus, das erste ausführliche Interview über sein neues Buch "State of Denial" dem König der Talkshows gewähren würde.

Larry King schiebt die verschränkten Arme auf der Tischplatte nach vorn, seinem lieben Gast entgegen. Er rückt ihm auf die Pelle, er stellt die Frage, die sich alle stellen: "Bob", sagt er, "Bob, das ist aber eine Wendung um 180 Grad." Er meint Woodwards Beschreibung des Präsidenten, die in seinem dritten Buch über George W. Bush erheblich kritischer ausfällt als in den beiden Büchern zuvor.

Woodwards erstes Bush-Buch war eine Lobpreisung des starken, entschlossenen Präsidenten, der nach dem 11. September 2001 wusste, was zu tun war: Afghanistan mit Krieg überziehen, die Taliban vernichten, Osama Bin Laden jagen, den Krieg gegen die Terroristen in die Welt tragen, damit die Terroristen ihren Krieg möglichst nicht mehr nach Amerika tragen.

Sein zweites Buch "Plan of Attack" war vorsichtiger im Urteil über den Präsidenten: Bewunderung plus Skepsis. Es ging um die Vorgeschichte des Irak-Krieges, um den Binnenkrieg zwischen Richard Cheney, Donald Rumsfeld und Colin Powell. Wieder musste sich Woodward anhören, er sei der Stenograf der Macht - ein Berichterstatter vom Hofe Bush.

Es ist ihm unangenehm, über sich selbst zu reden

"Ich bin Reporter", antwortet Woodward auf Larry Kings Frage, "ich berichte darüber, was passiert." Neben ihm liegt ein dicker Stapel Papiere, obwohl er sämtliche Fakten aus den Memoranden, Notizen und Kabinettsvorlagen im Kopf hat, die ihm seine Gesprächspartner aus der Regierung Bush überlassen haben. Er zitiert frei aus den Interviews mit Andrew Card: fünf Interviews, sieben Stunden lang. Larry King hebt anerkennend die Augenbrauen.

Card war bis zum März 2006 der Stabschef des Präsidenten, ein Ausbund an Loyalität. Er war immer dabei, wenn Entscheidungen über den Irak-Krieg vorbereitet und getroffen wurden. Wie kein anderer weiß er, wann wer was sagte. Wie kein anderer kennt er diese absurden Auseinandersetzungen, die sich Donald Rumsfeld mit Condoleezza Rice oder Colin Powell lieferte. Ein Insider mitten im Zentrum der Macht, ein Traum für jeden investigativen Reporter.

Woodward ist es unangenehm, über sich selber zu reden, aber Larry King will es, weil ganz Washington über Woodward redet. Er habe über Bush früher "kein Loblied angestimmt", sagt er und klingt ein bisschen lahm. Sein Buch habe er eigentlich "Crisis" - Krise - nennen wollen. "State of Denial" ist jetzt daraus geworden - dem Sinne nach: Wirklichkeitsverweigerung. Das war zweifellos eine zulässige Zuspitzung, die dem Buch besser gerecht wird.

Und dann sagt Woodward noch einen Satz, der erklären hilft, warum Bush diesmal so gar nicht als bewunderungswürdiger Held erscheint, sondern als verbohrter Ignorant, der nicht wahrhaben will, was er im Irak angerichtet hat: Der Präsident habe sich für dieses Buch nicht interviewen lassen.

Vermutlich haben sie im Weißen Haus längere Debatten darüber geführt, ob Bush mit Woodward reden sollte. Der Reporter ist bekannt für Fairness: Wer sich interviewen lässt, kommt gut weg - so war es in den ersten beiden Bush-Büchern. Später rechtfertigt Dan Bartlett, ein Präsidenten-Berater, das Nein aus dem Weißen Haus, Woodwards Anfragen hätten anders geklungen als vorher, aggressiver, unfreundlicher.

"Ich bin nur ein Reporter", wiederholt Woodward und lehnt sich in seinem Stuhl zurück, während Larry King schon halb überm Tisch hängt. "Mein Buch handelt von beiden Seiten der Medaille." Die Erstauflage von "State of Denial" beträgt fast eine Million.

Mit gerade 31 war er schon ein amerikanischer Held

Bob Woodward war ein junger Reporter bei der "Washington Post", als ihm eine Quelle, die er "Deep Throat" nannte, die Chance zum Ruhm bot. Gemeinsam mit Carl Bernstein recherchierte er monatelang die "Watergate-Affäre", die mit einem Einbruch ins Hauptquartier der Demokraten begann und mit dem Rücktritt Richard Nixons im August 1974 endete. Woodward, gerade 31, war ein Star, ein amerikanischer Held, der Mann, der den Präsidenten stürzte.

Über das bloße Dasein eines Reporters, der Artikel in seiner Zeitung schreibt, ist er lange schon hinausgewachsen. Er schreibt nur noch selten Artikel, er schreibt Bestseller: über die CIA, den Supreme Court, über Bill Clinton und nun eben über George W. Bush.

Woodward schreibt die interessantesten Bücher, weil ihm viele Türen offen stehen. Diesmal schütteten ihm offenbar besonders viele Menschen ihr Herz aus, teils sind sie noch im Amt, teils sind sie ausgeschieden wie Card oder der frühere CIA-Chef George Tenet oder auch Jay Garner, der erste Prokonsul in Bagdad.

Woodward ist ein geduldiger Zuhörer, er nimmt sämtliche Interviews auf Band auf, er lässt die Bänder abschreiben und hat sie parat, wenn es Dementis hagelt. Diesmal behauptete Condoleezza Rice, sie könne sich an das Gespräch am 10. Juli 2001, bei dem CIA-Chef George Tenet eindringlich vor einer "Stunde Null" warnte, einem Angriff Osama Bin Ladens auf Amerika, gar nicht erinnern. Das klang so, als hätte es nicht stattgefunden. Es hatte aber.

Unter dem Dach seines Hauses in Georgetown, dem bürgerlichen Viertel Washingtons, lagern die Schätze aus den Buch-Recherchen, vertrauliche Einschätzungen der Lage im Irak: von Philip Zelikow, den Rice nach Bagdad schickte, als sie Außenministerin geworden war; von General James Marks, der sich auf die vergebliche Suche nach Saddams Massenvernichtungswaffen machte; vom Generalstab im Pentagon, wonach 2007 noch blutiger werden wird als 2006. "Ein riesiges Puzzle" nennt Woodward seine Arbeitsweise.

Weder Intellektueller noch Schönschreiber

Er ist weder ein Intellektueller, der seine Bücher strategisch komponiert, noch ein Schönschreiber. "State of Denial" ist ein Mosaik, der Autor springt von Bagdad ins Pentagon nach New York, er springt von Rumsfeld zu Rice zu Garner. Das Zwischenmenschliche ist ihm so wichtig wie das Hochpolitische. Im Fall von Donald Rumsfeld, der mit Woodward sprach, entsteht so nach und nach das Porträt eines intellektuellen Überfliegers, der vor allem Rice und Card seine Überlegenheit spüren lässt und an seinem Hochmut zugrunde geht.

Und der Präsident? Eine blasse Figur im Weißen Haus, umso weniger an der Wirklichkeit interessiert, je schlimmer das Fiasko im Irak ausfällt. Darauf bedacht, seinem Vater zu beweisen, dass auch er Größe besitzt, und versessen darauf, zu vollenden, was der Senior unvollendet ließ: Regimewechsel in Bagdad, Neuordnung des Nahen Ostens, volle Machtprojektion.

Dreimal trug Andrew Card den Gedanken an den Präsidenten heran, es sei besser, Rumsfeld zu entlassen; Rumsfeld sei das Problem, der Grund für die Misere im Irak. Bush hörte zu, er sagte, das sei eine interessante Idee. Rumsfeld blieb.

"Bob", fragt Larry King, "Bob, glaubst Du, dass wir George Bush noch vertrauen können?" Woodwards Blick wandert zu seinem Papierstoß. Wieder eine dieser Fragen, bei denen Fakten wenig helfen. "Das ist eine gute und interessante Frage", antwortet er langsam. "Ich werde sie nicht beantworten."


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