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Leichenschändung: USA schockiert über den Totentanz von Falludscha

Die bestialischen Bilder aus Falludscha verstören die amerikanische Öffentlichkeit. Eine entfesselte Menge verstümmelte die verbrannten Leichen von US-Zivilisten. Die Regierung in Washington gibt sich demonstrativ unbeeindruckt.



An einer Brücke in Falludscha hängen die Leichen von Amerikanern - die Menge skandiert antiamerikanische Slogans
AP

An einer Brücke in Falludscha hängen die Leichen von Amerikanern - die Menge skandiert antiamerikanische Slogans

Falludscha - Die Szenen in Falludscha, einer Hochburg des sunnitischen Widerstandes gegen die amerikanische Besatzung, weckten schmerzhafte Erinnerungen. Die Bilder gleichen denen aus dem Somalia-Krieg 1993, als die Leichen von getöteten US-Soldaten durch die Straßen von Mogadischu geschleift wurden: Zwei Geländewagen mit amerikanischen Zivilpersonen, die für die US-Verwaltung arbeiteten, wurden gestern mit Handfeuerwaffen und Granaten angegriffen. Laut einem Bericht des US-Senders CNN waren sie Angestellte eines Subunternehmens der amerikanischen Sicherheitsfirma Blackwater Security Consulting.

Beide Fahrzeuge gingen in Flammen auf. Jubelnde Menschen zerrten dann die Toten aus den Wagen. Auf Aufnahmen der Fernsehnachrichtenagentur APTN war zu sehen, wie ein Mann mit einer Eisenstange auf eine Leiche einschlug.

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Leichenschändung: Die Attacke von Falludscha
Einige banden eine Leiche an ein Auto, in dessen Fenster ein Bild von Scheich Ahmed Jassin hing, dem von Israel getöteten Gründer der palästinensischen Hamas-Bewegung. Die Leiche wurde dann unter dem Jubel von Passanten durch die Straßen geschleift. Die Menschen riefen "Falludscha ist der Friedhof der Amerikaner", oder "Wir opfern unser Blut für den Islam."

Den Toten wurden Körperteile abgerissen. Später hängten Iraker zwei verbrannte Leichen an einer Brücke über den Euphrat und ließen sie dort baumeln. "Die Menschen von Falludscha haben einige Leichen wie geschlachtete Schafe von der alten Brücke gehängt", sagte der Bewohner Abdul Asis Mohammed. Nachdem einer der Körper wieder abgenommen worden war, schlug ein Zwölfjähriger mit seinem Schuh auf ihn ein, und sagte: "Ich bin glücklich darüber, das zu sehen. Die Amerikaner besetzen uns und das passiert mit ihnen."

Das Grauen greift um sich - die Menschen tanzen
REUTERS

Das Grauen greift um sich - die Menschen tanzen

Nach dem Überfall war es in Falludscha ruhig. US-Truppen oder irakische Polizisten waren nicht zu sehen. Relativ ruhig war es in Falludscha auch die vergangenen Wochen gewesen.

Enthauptung und Tanz

Die "Washington Post" berichtet, der Angriff auf die Amerikaner habe sich an verschiedenen Schauplätzen abgespielt. Im Einkaufsviertel seien vier US-Sicherheitsbeamte in einem Hinterhalt getötet worden, am nahe gelegenen Euphrat-Ufer seien zwei Leichen von einer Brücke geworfen und am Fluss verbrannt worden.

Augenzeugen berichteten, die Killer seien mit einem großen Lastwagen in die Stadt gekommen. Sie wurden als "Gotteskrieger" bezeichnet. Als die Amerikaner in zwei Fahrzeugen in den Hinterhalt geraten waren, sei das Feuer auf sie eröffnet worden. Einer der Insassen habe den ersten Kugelhagel überlebt. Daraufhin sei er vom Mob aus dem Fahrzeug gezerrt worden. "Die Leute warfen Ziegel auf ihn und trampelten auf ihm herum", sagte Ahmed Obayid, ein Lkw-Fahrer, der den Vorfall sah. Dann hätten sie ihm Arme, Beine und Kopf abgeschnitten. Dabei hätte sie getanzt.

Wenige Stunden nach dem Tod der vier amerikanischen Zivilisten trat Mark Kimmitt, Sprecher des US-Kommandos im Irak, vor die Presse. Der Brigadegeneral wirkte aufgeräumt: "Trotz einer lokalen Erhebung zeigt sich eine insgesamt stabile Lage mit geringen Auswirkungen auf die Fähigkeit der Koalition, in politischer und ökonomischer Hinsicht Fortschritte zu machen."

Zweifel an positiver Entwicklung

Falludscha: Der Mob hängt das Bein eines toten Amerikaners an eine Stromleitung
AFP

Falludscha: Der Mob hängt das Bein eines toten Amerikaners an eine Stromleitung

Ganz anders die Reaktion in den USA. Die amerikanische Öffentlichkeit ist geschockt. Die Leichenschändungen von Falludscha sind das beherrschende Thema in allen US-Medien. Viele große Fernsehstationen verzichteten jedoch darauf, ihren Zuschauern die Bilder der getöteten und verstümmelten Amerikaner zu zeigen. Einige zeigten kurze Ausschnitte, warnten die Zuschauer aber vorher ausdrücklich vor dem Bildmaterial. ABC-Moderator Peter Jennings sagte: "Einige der folgenden Bilder sind äußerst widerwärtig - aber sie zeigten die Realität des Krieges."

Der Sprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan, machte "Terroristen und Reste des früheren Regimes", die gegen Freiheit und Demokratie seien, für die "schrecklichen Angriffe" verantwortlich. "Aber die Demokratie fasst Fuß (im Irak) und wir machen Fortschritte", sagte McClellan. Man werde sich durch die "entsetzlichen Angriffe" nicht von seinem Kurs abbringen lassen.

Ob der Kurs nach den schrecklichen Ereignissen von Falludscha wirklich aufrecht erhalten werden kann, darüber äußert die "New York Times" leise Zweifel. Die Zeitung titelt: "Der amerikanische Optimismus steht erneut auf dem Prüfstand." Das Blatt berichtet gar von "Hinweisen" aus der Generalität, man sei sich nicht mehr so sicher wie vor wenigen Wochen, dass man in dem Konflikt einen positiven Wendepunkt erreicht habe.

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